Rupprecht Geiger Werkübersicht #12: 766a-k/84 (Metapherzahlen 0-9) (WV 739-749), 1984

Anfang der achtziger Jahre sticht eine Reihe an Werken thematisch im Oeuvre von Rupprecht Geiger heraus. Sowohl in der Malerei, als auch in der Zeichnung und Druckgrafik entstehen Werkkomplexe mit dem Titel „Metapher Zahl“.
Das Wort „Zahl“ erinnert sogleich an einen fixen Wert, der in im Alltag allgegenwärtig ist. Aber wie das vorangestellte Wort „Metapher“ schon andeutet, handelt es sich um eine bildliche Übertragung, eine künstlerische Interpretation einer Zahl.
In Geigers Rotbuch – einem leeren, roten Buch, das der Künstler 1975 von Heinrich Böll geschenkt bekommen hat und sukzessive mit Zeichnungen versieht– finden sich bereits Skizzen zu einer „abstrakten Zahlen Reihe“. Mit Kreiden in verschiedenen Rottönen interpretiert Geiger jeweils die Zahlen von 0 bis 9, die er aus dem für ihn typischen Formenkanon von Rechtecken, Kreisen und Quadraten schöpft. Zeichnet man mit dem Finger die Formen nach, so kommt man auf die jeweils interpretierte Zahl. In den Zeichnungen im Rotbuch sind die Zahlformen mit Hilfe von Geigers numerischer Auflösung im unteren Rand einfach zuzuordnen.

Metapher Zahlen 0-2, aus: Rotbuch 1975/78 (WVG 195)

1984 entstehen die Zahlen 0 bis 9 in der Werkreihe 766a-k/84 (Metapherzahlen 0-9) (WV 739-749). Weil diese Werke jeweils durch eine bausteinartige Zusammensetzung besagter Formen entstehen und als fertiges Ganzes in den Raum hineinragen, können wir hier von Objekten reden. Für die künstlerische Gestaltung verwendet Geiger Acrylfarbe auf Holz und alle der 10 Zahlen gleichen sich in der Basis von 110 x 120 cm, die Tiefe jedoch variiert von Zahl zu Zahl. Die Zahlen selbst werden mittels zwei Bausteinen (Kreis und/oder Rechteck) zusammengesetzt; die Ausnahme bildet die Zahl „0“, bei der lediglich eine runde Komponente auf die Basis angebracht wird. Mit der Zahlenreihe von 0 bis 9 konnte er innerhalb eines starren und abstakten Ordnungssystem mit den geometrischen Grundformen spielen.

Diese Thematik beschäftigt den Künstler immer wieder und es entstehen zahlreiche weitere Reihen auf Papier, die er auch im hohen Alter weiterführt. Ebenfalls in der sehr aufwendig gestalteten, über vier Jahre hinweg gedruckten Mappe Rupprecht Geiger – Metapher Zahl (WVG 175) setzt er sich mit den Zahlen auseinander.

Metapher Zahl 1 (WVG 175/1), 1985-1989, Serigrafie/Velin de Creysse 250 g mit Büttenrand, 80,5 x 107 cm

Metapher Zahl 6 (WVG 175/6), 1985-1989, Serigrafie/Velin de Creysse 250 g mit Büttenrand, 80,5 x 107 cm

Der Künstler ordnet nicht unbedingt eine bestimmte Farbe einer bestimmten Zahl zu, sondern es ist für ihn eine willkommene Möglichkeit mit den Farben zu spielen. Parallel setzt er sich gerne auch mit den Vokalen des Alphabets auseinander.

Vokalbuchstabe A, 2002, Kreide und Grafit auf Papier, 70 x 100 cm

 

Als Vorstufe zu den Objekten entstehen im gleichen Jahr kleine Modelle, die sich farblich von den fertigen Gemälden unterscheiden.

Modelle: 766/84 (Metapher Zahlen 5-9) (WV 739), 1984, Acryl auf Holz, je 53 x 21 x 8 cm

 

766g/84 (WV 746), 1984, Acryl auf Holz, 110 x 120 x 24 cm

Wenden wir uns der Metapher Zahl „6“ (766g/84, WV 746) zu: auf einem hochkantigen Rechteck ist bündig mit der linken oberen Ecke ein weiteres, kleineres und schmäleres, Rechteck angebracht. Rechts davon breitet sich ein Geiger’sches Oval auf der Holzplatte aus. Das Hauptrechteck und die Kanten der beiden anderen Formen sind in einem zarten aber kühlen Fliederton gehalten, während das kleinere Rechteck in einem warmen, satten Gelb erstrahlt. Auf dem Oval erstreckt sich von unten nach oben hin verdichtend ein kräftiges Magentapink. Trotz der bausteinartigen Zusammensetzung sind die zusätzlichen Elemente nur auf der Oberfläche in der jeweiligen Farbe gefasst; die Kanten der Formen sind im gleichen Fliederton wie die Grundplatte gefärbt. Dies ist bei allen Metapherzahlen der Fall.

Formal gesehen erinnern diese Metapher-Zahlen an die „shaped canvases“ der 1947/48er Jahre – diesmal wird aber dient die unregelmäßige Form der Interpretation einer Zahl. Damit verstärkt sich der Blick auf die Formen. Auch die Erfahrung der Farbe ist ein zentraler Punkt in diesen Werken: der Geiger-typische Kontrast der Leuchtfarben bringt die Zahlen erst richtig zum Tragen und lädt zum stets neuen Hinschauen ein.

 

Zitierweise: Straubinger, Franziska: Werkbeschreibung 766a-k/84 (Metapherzahlen 0-9) (WV 739-749) [07.01.2015], in: Archiv Geiger Blog LINK (zuletzt aufgerufen am TT.MM.JJJJ).

 

Impressionen #11: Aufbau in Ulm

Unsere Praktikantin Maria Issinskaya der Universität Augsburg war diese Woche beim Ausstellungsaufbau im Kunstverein Ulm dabei und hat den Ablauf mitverfolgt:

„Ab 30. November ist die Ausstellung „Geist und Materie“ von Rupprecht Geiger im Ulmer Kunstverein zu sehen. Ich hatte die Möglichkeit, beim Aufbau zu assistieren.
Eine Ausstellung vorzubereiten ist immer spannend: wie aus einem leeren Raum mit Holzkisten ein Kunstuniversum geschaffen wird.
Einen Plan mit den auszustellenden Werken hat man dabei, viele Sachen können erst vor Ort entschieden werden.
Womit fängt man an? Welche Höhe ist für die Bilder optimal? Was für ein Hängesystem hat das Werk? Welcher Abstand zwischen den Bildern und dem Fenster ist am geeignetsten? Wie verhalten sich die einzelnen Werke zueinander?

Die ersten Stunden bei einem Ausstellungsaufbau sind die schwierigsten: man sucht nach der bestmöglichen Herangehensweise und fängt mit den größten Bildern an. Man muss die Wände und Bilder messen, damit sich die Bildmitte auf Augenhöhe befindet. Jede Leinwand hat ihre eigenen Maße und soll ihren eigenen Platz im Raum finden.

Gleichzeitig protokolliert man den Bildzustand nach dem Transport, ob sich etwas verändert hat, ob die Bildoberfläche oder der Rahmen verschmutzt wurde oder Ähnliches.
Je mehr man auf die einzelnen Aufgaben konzentriert ist – Messen, Bohren, Aufhängen, Protokollieren, Auspacken, Einpacken – desto beeindruckender ist die Folge nach sechs Stunden: Eine fertige Ausstellung, ein Raum voller Licht und Farbe.“


 

Rupprecht Geiger Werkübersicht #11: 725/78 (Farbraum, Geist und Materie) (WV 693), 1978

Die Werkbeschreibung für den November hat dieses Mal die junge Kunsthistorikerin Sarah Massumi aus München verfasst. Ein herzliches Dankeschön ist an dieser Stelle angebracht!
Damit verlassen wir die Düsseldorfer Jahre, Rupprecht Geiger kehrt 1976 nach München zurück, wo er bis zu seinem Lebensende 2009 schaffen wird.

1978 wird Rupprecht Geigers künstlerisches Lebenswerk erstmals mit einer umfassenden Retrospektive in der Städtischen Galerie im Lenbachhaus gewürdigt. Dass diese Schau jedoch keinesfalls mit einem Schlusspunkt in seiner künstlerischen Entwicklung gleichzusetzen ist, belegt die Tatsache, dass er im selben Jahr die Arbeit an einem neuen Werkkomplex beginnt, der sich deutlich von den Arbeiten der vorhergehenden Jahre unterscheiden wird – und dennoch in einem Zusammenhang mit seinem früheren Schaffen steht.

725/78 (Farbraum, Geist und Materie) (WV 693), Acryl auf Leinwand, 285 x 200 cm

Den Auftakt zu dieser neuen Serie bildet das Werk 725/78 (Farbraum, Geist und Materie). Das 285 cm hohe Gemälde besteht aus zwei farblich deutlich voneinander abgesetzten Rechtecken unterschiedlichen Formats.
Das warme, leuchtende Feuerwehr-Rot des oberen, 200 cm breiten Bildrechtecks tritt dem Betrachter optisch entgegen. Es wird jedoch zurückgehalten von einem hellen, rosa-weißen Streifen, der den unteren Bildrand überschneidet und den oberen Bildrand einer weiteren, deutlich kleineren Leinwand bildet. Dieses zweite, untere Bildrechteck wird bis zur Mitte von einem kräftigen, jedoch kühlen Pink-Rot eingenommen, das ab der Hälfte nach oben graduell in ein reines Weiß ausläuft. Beide Bildteile wirken auf den ersten Blick quadratisch, sind aber leicht breiter als hoch.

Die Liste der bildimmanenten Gegensätze wird von dem Nebeneinander des kühlen Leuchtpinks und des warme Leuchtrots angeführt. Dieses oft wiederholte Prinzip soll, so Rupprecht Geiger, einer möglichen „Spannungslosigkeit“ zwischen zwei gleichwertigen Farben entgegenwirken und dezidiert „die Harmonie provozieren: (…) Zwei in ihrem Charakter grundverschiedene Farben, ein kaltes Rot einem warmen Rot-Orange gegenübergestellt, erzeugt Disharmonie im Kalt-Warm-Kontrast. An der Grenzlinie entsteht Bewegung und Unruhe. (…) Hier ist die Harmonie des G e g e n s a t z e s wirksam, die Farben stehen in erregender Spannung zueinander und schockieren.“ (Rupprecht Geiger: Farbe ist Element, Düsseldorf 1975, o.S.)

In formaler Hinsicht tritt zu der Verwendung einer einheitlich monochromen Fläche neben einer zweifarbigen Modulation der frappierende Größenunterschied der Bildteile hinzu. Mit der Kombination zweier (oder mehrerer) farblich verschiedener Rechtecke, teilweise mit Kreisen kombiniert, ungleichen Formats schlägt der Künstler, dessen Formrepertoire während der zehn vorhergehenden Düsseldorfer Jahre vor allem von dem „gedrückten Kreis“ bzw. dem Oval dominiert worden war, einen vollkommen neuen Weg ein. Das Abweichen von der einfachen runden oder viereckigen Grundform kann jedoch nicht ohne Blick auf die 1948/49 entstandene Werkgruppe gesehen werden, bei der Geiger schon einmal mit unregelmäßig geformten Bildformaten experimentiert hatte. Über zwei Jahrzehnte aufbewahrt im Atelier seines Vaters, entdeckt Geiger diese Anfang der siebziger Jahre wieder und stellt sie 1977 schließlich erstmals aus.

Das bei dem Gemälde 725/78 hier angewandte gestalterische Prinzip zieht sich in den folgenden Jahren durch eine ganze Serie von Arbeiten; neben anderen Anordnungen stellt der Künstler immer wieder ein großes, schweres Rechteck auf eine schmale, mal mehr, mal weniger stützende Basis. Dabei scheut Geiger auch nicht vor der (temporären) Kombination bereits einzeln existierender Bilder zu einem neuen Werk zurück: so setzt er 1988 für die Münchner Ausstellung die aus dem selben Jahr stammende Leinwand 782/88 (WV 762) mit einem 1982 entstandenen, titellosen Gemälde (WV 708) zu dem Werk 782/88 (Kaltrot/Warmrot) (WV 761) zusammen.

Wirft man einen Blick auf andere monumentale Gemälde Geigers aus dieser Zeit, so fällt auf, dass diese oft – wie im vorliegenden Werk – als „Farbräume“ oder als „Farbwege“ betitelt werden. Angesichts der Tatsache, dass der Künstler Bildtitel bisweilen als „Gebrauchsanweisung“ für die Begegnung mit seinen Bildern verstand, ist ein Blick auf Geigers intensive Auseinandersetzung mit der Raumbezogenheit von Farbe unerlässlich. Diese kulminiert 1975 mit dem für die Ausstellung im Museum Folkwang in Essen gebauten Farbraum Unisono. Bereits seit 1951 hatte er immer wieder Aufträge für Kunst am Bau-Projekte durchgeführt, nun aber konstruiert der ehemalige Architekt erstmals einen Bau dezidiert um der Farbe willen. Der fünfeinhalb Meter hohe zylindrische Raum mit einem Durchmesser von drei Metern ist innen Leuchtrot gestrichen und soll dem Betrachter das „Element Rot als Farberlebnis“ ermöglichen. Dabei betont Geiger die Rolle des visuellen „Durchwandern[s]“ eines Bildes mit dem Blick und die damit einhergehende Meditation beim Betrachten von Farbe: „Langsam kommt die Wirksamkeit des mich umfassenden Rotraumes über mich, ich spüre wie sich potentielle Rotlichtstrahlen auf mich übertragen, ich werde stimuliert. Element Rot offenbart sich mir in eindeutiger Weise, ich habe Farbe gesehen“ (WV 2007, S. 115)

Dieses Zusammenspiel von Raum und Wirkung bietet einen Ansatz zu einer möglichen Interpretation des letzten, von Geiger im Titel genannten Gegensatzpaares: dem von Geist und Materie. Denn erst die vollendete, technische Beherrschung der Materie, der Anordnung von Formen im Raum, kann das immaterielle Wesen der Farbe erfahrbar machen, deren ureigene Funktion, so der Künstler, in ihrem Wirken auf den menschlichen Geist besteht (Rupprecht Geiger: Farbe ist Element, Düsseldorf 1975, o.S.). Die gegenseitige Bedingung beider Komponenten ist dabei evident.

727/78 (Farbraum, Geist und Materie) (WV 695), Acryl auf Leinwand, 191 x 193,5 cm

Die anhaltende Beschäftigung Rupprecht Geigers mit diesem Thema belegt nicht nur ein Gemälde gleichen Titels aus dem selben Jahr (WV 695), sondern auch eine Reihe von Arbeiten, die ein Vierteljahrhundert später entstehen wird. In der Werkgruppe Geist und Materie aus dem Jahr 2003/2004 kehrt der Künstler zu der Kombination von ungleich geformten Farbflächen zurück. Die dabei entstandenen Bildformate gehen jedoch über einfache kubische oder gerundete Formen hinaus; zudem wird der Aspekt der Materie durch das Einbeziehen der unbehandelten, grauen Leinwand erweitert.

Die Gelegenheit, eine Auswahl dieser jüngeren Werke zu sehen, bietet Ihnen ab dem 30. November 2014 die Ausstellung „Rupprecht Geiger. Geist und Materie“ im Ulmer Kunstverein, die auch Druckgrafik und Multiples aus dieser Schaffenszeit umfasst.

Zitierweise: Massumi, Sarah: Werkbeschreibung 725/78 (Farbraum, Geist und Materie), 1978 (WV 693) [27.11.2014], in: Archiv Geiger Blog LINK (zuletzt aufgerufen am TT.MM.JJJJ).

 

 

Sammlergedanken #8

Copyright: Kurt Rodahl Hoppe

Rupprecht Geiger
von Asger Schnack

1972: Ein Lyrikband, Jeg drømmer om langvarig sol [“Ich träume von Langzeitsonne”] war vom Verlag Borgen zur Veröffentlichung angenommen, und der Verleger Jarl Borgen kam aus Deutschland zurück, wo er ein großes Gemälde eines Künstlers namens Rupprecht Geiger gesehen hatte. Jarl Borgen schlug vor, Rupprecht Geiger zu fragen, ob er den Umschlag entwerfen wolle. Jarl Borgen schrieb Rupprecht Geiger einen Brief, in dem er den Lyrikband als Kunst um der Kunst willen beschrieb, und Rupprecht Geiger antwortete, dass er gern den Umschlag machen wolle. Kurz darauf erhielt der Verlag eine Schablone für einen Siebdruck, eine Farbenprobe (fluoreszierendes Gelb), sowie Angaben über Textplatzierung und Schriftschnitt. Alles sehr genau erklärt. Es wurde der schönste Buchumschlag, den ich jemals gesehen hatte, eine Ermunterung meines Lebens. Dort, damals und noch heute.

1999/2000: Ich fuhr mit meiner Frau nach München, um im öffentlichen Raum Geiger-Werke zu sehen und im Lenbachhaus. Wieder daheim schrieb ich Rejsen til Geiger [“Die Reise zu Geiger”] – eine Art Künstlermonographie in Gedichtform. Etwa eine Woche vor Rupprecht Geigers Geburtstag 2000 fragte ich meinen Freund Herbert Zeichner, ob er das Gedicht ins Deutsche übersetzen wolle. Er sagte Ja und saß während einiger hektischer Werktage vor meinem Computer und unterbrach hin und wieder meinen Redeschwall mit dem Wort “Stilleleg” [ein Wort aus dem dänischen Kindergartenalltag, wo man “still spielt”. A.d.Ü.], wenn er einmal nachdenken musste. Meine Idee für dieses Buch war, Leben und Werk simultan zu beschreiben anhand von Beispielen mit vielen kleinen Werkgedichten in Form einer Ekphrasis. Wir schickten Rupprecht Geiger rechtzeitig zu seinem 92-jährigen Geburtstag die Übersetzung zu. Als ich später im selben Jahr den Verlag Bebop gründete, veröffentlichte ich Rejsen til Geiger in einer zweisprachigen Ausgabe – mit Umschlag von Rupprecht Geiger. Wir schrieben ihm einen Brief und fragten, ob er das machen würde, und genau wie 1972 schickte er Material, sodass wir den Umschlag als Siebdruck (mit fluoreszierenden Farben) drucken konnten. In dieser Weise hat Rupprecht Geiger in einem Intervall von 28 Jahren die Umschläge gemacht für zwei meiner Gedichtbände.

2001: Ich fragte Rupprecht Geiger, ob es möglich wäre, in meinem Verlag Bebop eine Auswahl seiner Texte zur Farbentheorie zu veröffentlichen. Das sei kein Problem, nur erbat er sich zwei Belegexemplare des Buches. Ich nahm die Auswahl vor, und Herbert Zeichner übersetzte ins Dänische. Als Titel wählten wir Farve er motivet [“Farbe ist das Motiv”], und das Buch erschien am selben Tag wie Yves Klein: Hinsides kunstens problematik [“Jenseits der Problematik der Kunst”].

2003: Zum 95-jährigen Geburtstag Rupprecht Geigers besorgte die neueröffnete Storms Galerie in Düsseldorf eine Ausstellung mit Werken des Künstlers, der – wie aus der Einladung hervorging – bei der Vernissage selbst anwesend sein würde. Ich dachte, das wäre die Chance für eine Begegnung mit Rupprecht Geiger, um ihm einmal im Leben die Hand zu reichen. Ich kaufte ein Bahnticket, hin und zurück, und schmierte mir Stullen als Reiseproviant. Ich war seit meiner letzten Reise im Besitz eines 100 Euro-Scheins. Dermaßen ausgestattet machte ich mich auf die Reise. Als ich in der Galerie ankam, konnte ich der Eröffnungsrede entnehmen, dass Rupprecht Geiger sich leider in München aufhielt (er brauchte Ruhe nach den Geburtstagsfestlichkeiten), aus der Begrüßung wurde also nichts. Stattdessen gab es mehrere Inkarnationen in Form von Kindern und Enkelkindern, die ihm alle ähnlich sahen. Der Katalog (oder richtiger: ein Werkverzeichnis, das anlässlich des Geburtstages gerade erschienen war) kostete 95 Euro; ich kaufte es. Ein großes Gemälde warf aus dem Fenster rotes Licht in den Regen hinaus auf den Parkplatz vor der Galerie. Für die verbliebenen fünf Euro kaufte ich mir im Bahnhof zwei Würstchen mit Senf, bevor der Zug zurück nach Kopenhagen abfuhr. Daheim angekommen schrieb ich den Artikel “Farven rød” [Die Farbe rot], der in der Tageszeitung Information am 27. Februar 2003 abgedruckt wurde.

2008: Mein Neffe und ich nahmen ein frühes Morgenflugzeug nach München, eilten ins Lenbachhaus und sahen die 100-Jahres Ausstellung, weiter zur Walter Storms Galerie, anschließend Treffen mit Wolfgang Wassermann (Kauf von Siebdrucken), zurück zu Walter Storms (mein Neffe kaufte einen Siebdruck), wieder ins Lenbachhaus (Erwerb von Büchern und Plakaten), in der Stadt essen, zurück nach Hause mit dem späten Abendflugzeug. So viele Geiger-Bilder in so kurzer Zeit – großartige Augenblicke. Ach, Sonne, ach, Licht!

2014: Ich veröffentlichte – acht Jahre nachdem die Idee konzipiert war – das Gedicht Kick A. Min Kunsthistorie [“Kick A. Meine Kunstgeschichte”]. Das Buch enthält drei Abschnitte: “Die drei Großen: Cézanne / Kandinsky / Kirkeby”, “Die zwei Großen: Arp / Picabia” und “Licht und Gedanke: Klein / Geiger / Flavin”.

Außer den erwähnten Texten habe ich verstreut in meinen Gedichten Gedichte über Rupprecht Geiger oder über einzelne Gemälde von Geiger veröffentlicht.

Ein paar Worte über Rupprecht Geiger:
Rupprecht Geigers Werke üben eine heilende Wirkung auf das Seelenleben aus.
Rupprecht Geiger ist seit 1972 für all mein Tun und Handeln ein Hebel gewesen.
Rupprecht Geigers Werke “Morgen Rot” und “Abend Rot” sind das ultimative Werk.

(Aus dem Dänischen übersetzt von Johannes Feil Sohlman)

 

Vielen Dank, Asger Schnack, für diese schöne Reise zu Ihren Erlebnisse mit der Kunst Geigers!

 

Rupprecht Geiger Werkübersicht #10: 675/73 (Sequenz Kalt Warm – Portrait der Farbe Cerise) und 676/73 (Sequenz Kalt Warm – Portrait der Farbe Red), 1973

675/73 (Sequenz Kalt Warm - Portrait der Farbe Cerise) (WV 654), 1973, Acryl auf Leinwand, 450 x 200 cm

676/73 (Sequenz Kalt Warm - Portrait der Farbe Red) (WV 655), 1973, Acryl auf Leinwand, 450 x 200 cm

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Das monumentale Werkpaar 675/73 (Sequenz Kalt Warm – Portrait der Farbe Cerise) und 676/73 (Sequenz Kalt Warm – Portrait der Farbe Red) (WV 654 und 655) aus dem Jahr 1973 unterscheidet sich auf den ersten Blick deutlich von dem zuletzt beschriebenen Werk und steht stellvertretend für die späten Düsseldorfer Jahre. Das Paar verbindet die Hauptgedanken dieser Zeit, ein ideales Verhältnis zwischen Farbe und Form zugunsten der Farbe zu finden. Geiger geht aber mit diesen Werken auch einen Schritt weiter, wenn er 1975 formuliert, dass für ihn die Werktitel teilweise als Anleitung fungieren: „Eine Möglichkeit, Farbe bewußt zu machen, sind auch beigegebene Titel, z.B. Rundes Rot, gelagertes Rot (moduliert, oben hell, unten dunkel) […] Dies ist eine Gebrauchsanweisung, Farbe richtig zu erkennen.“ (Farbe ist Element, 1975) In diesem Fall geht Geiger soweit, die Behauptung aufzustellen, jeweils ein „Portrait“ der Farbe Cerise und eines der Farbe Red vor sich zu haben.

Beide monumentale Leinwände sind jeweils 450 x 200 cm groß und von einer homogenen Farbschicht überzogen. Das „Portrait“ der Farbe Cerise weist eine kaum wahrnehmbare Modulation auf, die durch die Dichte des Farbauftrags entstanden ist. Die Tagesleuchtpigmente, einmal Cerise, einmal Red, wurden mit geringen Mengen Acrylharzdispersionsbinder gemischt und auf die Weiß grundierte Leinwand gesprüht. Der Anteil an Bindemittel ist dermaßen gering, dass die Pigmente in ihrer Körnigkeit erkennbar sind und eine Puderschicht auf der Leinwand bilden. Die Werke sind dementsprechend äußerst fragil, da die Farbe gerade noch eine Verbindung mit dem Bildträger eingeht.

Was sich dem Betrachter sofort aufdrängt ist die ungeheure Präsenz der Farbe. Im einzelnen sind diese Werke schon leuchtend genug: das Cerise-Pigment erstrahlt in einem leuchtenden Magenta, während das Red-Pigment sich in einem schwelenden Orangerot zeigt. Doch die Krux ist hier die Verbindung der beiden Portraits: zusammen machen die beiden Rots den Eindruck, als ob sie darum ringten, die Überhand im Blick des Betrachters zu erlangen. Die Farbe scheint leicht vibrierend aus den Leinwänden heraus zu steigen.

703/75 (WV 683), 1975, Acryl auf Leinwand, 200 x 130 cm

Der Ausdruck Max Imdahls zum Werk 703/75 (WV 683, 1975) von Geiger, dass man hier „eine Immaterialisierung des Materiellen wie umgekehrt eine Materialisierung des Immateriellen“ wahrnehmen könnte, scheint angebracht (Imdahl, Max: Geigers Bild 703/75, in: Kat. Ausst. Rupprecht Geiger, Staatsgalerie Moderner Kunst im Haus der Kunst München 1988, München 1988, S. 37.). Denn der Träger (das Materielle) erfährt durch die aufgesprühte Farbe eine Zurückstellung, ein ‚Unsichtbarwerden‘, während das Immaterielle (die Farbe) durch die Zurückstellung des Materiellen, Oberfläche gewinnt und in sich selbst materiell wird. Die Farbpigmente scheinen im Blick aus dem Fokus zu gleiten, gleichzeitig gewinnen sie dadurch an Leuchtkraft und damit an ungeheurer Präsenz. Stellt sich der Betrachter vor diese beiden Gemälde, so wird er von deren Leuchtkraft umringt und steht im Grunde in deren Farbraum. Dieser Gedanke wird von Geiger durch die Realisierung eines begehbaren Farbraumes (1975) noch greifbarer.

Als ein Spätwerk der Düsseldorfer Jahre Geigers kennzeichnen diese beiden Gemälde die reine Verwendung von „abstrakten“ Tagesleuchtpigmenten, die im anonymisierten Luftdruckspritzpistolen-Verfahren auf die Leinwand aufgetragen werden. Die vollkommene Anonymisierung des Künstlers als Kunstschaffender ist hier vollbracht. Kein Pinselstrich zeugt mehr von ihm. Die Monumentalität der Werke führt Geiger nach seiner Rückkehr nach München 1976 in seinem neugebauten Atelier in München-Solln (das heutige Archiv Geiger) fort.

Aktuelle Präsentation im Archiv Geiger, Foto: Oliver Heisner 2014

Es sollte aber anhand der drei zuletzt beschriebenen Werken deutlich geworden sein, wie Geiger die Vertiefung und Fortführung seiner Absicht, Farbe an sich darzustellen, während seiner elf Jahre an der Düsseldorfer Akademie der Künste umsetzt. Wo er anfangs noch vermehrt mit rechteckigen Formen arbeitet, findet er schnell, 1967, zum „gedrückten Kreis“, der ihm ideal die Farbe zutage zu bringen scheint. Mit diesem Ziel vor Augen geht er einen Schritt weiter, wenn er in den Portraits der Farben Cerise und Red jene Pigmente ohne deutliche Modulation und in formloser Monochromie auf die Leinwand bringt.

Beide Werke können derzeit im Rahmen der aktuellen Präsentation im Archiv Geiger besichtigt werden.

Zitierweise: Straubinger, Franziska: Werkbeschreibung 675/73 und 676/73, 1973 (WV 654 und 655) [28.10.2014], in: Archiv Geiger Blog LINK (zuletzt aufgerufen am TT.MM.JJJJ).

Impressionen #10: Besuch der Ausstellung in Kißlegg

Vor einer Woche wurde die Rupprecht Geiger Ausstellung im Rudolf Wachter Museum im Neuen Schloss Kißlegg abgebaut. Anfang September erreichte uns hierzu eine Email von Axel Schlabitz worin er passioniert von seiner Begegnung mit den Werken Geigers spricht. Diese wollten wir Ihnen nicht vorenthalten und finden es nun passend als Nachhall zu dieser schönen Ausstellung ein paar Ausschnitte zu veröffentlichen. An dieser Stelle vielen Dank an Herrn Schlabitz fürs Teilen!

686/74 (WV 665), 1974, Acryl auf Leinwand

„Am frühen Nachmittag betraten wird das Kißlegger Schloss und wurden somit mit den Werken von Rupprecht Geiger konfrontiert. Es war eigentlich eine unmittelbare, impulsive Begegnung, eine positive Isolation von allem anderen.
Im ersten Raum war es bereits sehr auffällig, dass die Spotlights die Wirkung der beiden Bilder sehr beeinträchtigt haben. Im zweiten Raum war es noch extremer und wir fragten die Aufsicht, ob wir die Leuchten ausmachen dürften. Dies tat sie selbst. Erst jetzt konnten die Werke ihre eigentliche Wirkung entfalten und dadurch noch mehr faszinieren.
(…)
Ich habe in vielen Ausstellungen noch nicht etwas Vergleichbares erlebt, dass ca. 70 Prozent von 16 ausgestellten Werken neben der Faszination über das Können eines Menschen auch dessen Werke solch eine intensive Wirkung auf mich hatten. (…) Ein leerer Raum, das Bild und ich.
(…)
Die menschlich-künstlerische Fähigkeit zu einem „tiefen Sehen“, einer ebenso emotionalen Empfindung, also mit der Seele sehen, Wirkungen wahrzunehmen und sich diese bereits intuitiv vorzustellen oder im Entstehungsprozess überhaupt erkennen zu können. (…) Das Sehen vom noch Verborgenen, das Sehen ohne zu sehen, eine tiefe Präsenz eines positiven Nichts.
All dies war gestern innerhalb von Stunden auf der gesamten emotionalen Ebene körperlich zu erfahren, so dass neben Erfüllung zugleich eine Art Erschöpfung wahrzunehmen war. Aber eigentlich war es das, was durch Herrn Geiger, von ihm, in diesen Werken enthalten ist.
(…)
Ein wundervolles Erlebnis, das leider einen Seltenheitscharakter im primär ‚rational konsumierten‘ Bereich Kunst besitzt und weiterhin besitzen wird.“ Dies auch unter der Betrachtung bzw. Beurteilung, was in dem allgemeinen Begriff Kunst für sich selbst als wertvoll-bedeutsame Kunst und somit emotional wahrgenommen werden kann.“

 

 

Rupprecht Geiger Werkübersicht #9: 598/70 (Signal gelb) (WV 575), 1970

Für die aktuelle Bildbeschreibung konnten wir die Kunsthistorikerin Nina Holm gewinnen, die uns zudem auch im Bereich der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit unterstützt! An dieser Stelle: vielen herzlichen Dank!

 

598/70 (Signal gelb) (WV 575), 1970, Acryl auf Holz

Zwischen 1968 und 1974 schafft Rupprecht Geiger Werke, die vor allem durch kreisrunde Motive in Kombination mit hellen Farben bestechen. Die Farbspektren Hellgelb bis Orange sowie Eierschalenweiß bis Hellgrau finden sich in vielen seiner Bilder dieser Zeit. Er vereinte runde, leicht oval anmutende Formen – „gedrückte Kreise“ – mit weißen oder vom Pastelligen ins Weiße übergehenden Farben. Eingefasst wurden die kreisrunden Ovale in rechteckige Formen, als Bildträger dienten Leinwand oder Holz.

598/70 (Signal gelb) (WV 575) aus dem Jahr 1970 ist ein rundes Holzobjekt mit den Maßen 124 x 138 x 25 cm, das sich nach vorne hin zylindrisch leicht verschmälert oder besser gesagt: das die Form eines Kegels hat, dessen Spitze zu zwei Dritteln abgeschnitten ist. Die Seiten des Objekts sind in Weiß gehalten, während die glatte, ebene Vorderseite mit der Spritzpistole in hellgelb bearbeitet wurde, mit einer Tendenz ins Weiße zur Mitte hin. Das Werk ist ein ideales Beispiel für Geigers Bestreben, einem Bild sowohl als physische Erscheinung Raum zu geben, als auch dessen Form als reinen Übermittler von Farbe zu betrachten.

Als Hybrid aus Skulptur und Gemälde, lässt 598/70 (Signal gelb) verschiedene Sicht- und Interpretationsweisen zu. In Kopfhöhe an der Wand montiert betrachtet, assoziiert man die geometrische Form unmittelbar mit einem leuchtenden Himmelskörper, beispielsweise einer strahlenden Sonne, vor bedecktem, gräulichem Himmel. Das warme Gelb strahlt Ruhe und Besinnlichkeit aus. Aufgrund seines dreidimensionalen Charakters und des fast unmerklich ins Weiße changierenden gelben Farbtons vermittelt das Werk den Eindruck, als wölbe sich die Oberfläche von innen nach außen – oder umgekehrt.

Eine weitere optische Täuschung geht mit einigem räumlichen Abstand zum Bild einher: die glatte, gelbe Oberfläche setzt sich hart vom Rest der Skulptur ab, die wiederum mit dem Hintergrund, der weißen Wand, verschmilzt. So löst sich die Farbe von ihrem Träger und steht und leuchtet für sich alleine im Raum. Betrachtet man das querovale Objekt aus einer frontalen Perspektive, könnte man es sogar mit dem Querschnitt eines hartgekochten Hühnereis in Verbindung bringen, das zu spät abgeschreckt wurde. Nicht nur die Farben, auch die nicht ganz parallel zueinander laufenden Linien machen den Vergleich mit Eidotter und Eiweiß aus.
Allen Assoziationen ist jedoch die Tatsache gemein, dass 598/70 (Signal gelb) keinen Anfangspunkt bietet, von dem aus unser Auge das Bild und die Materie erkunden und abtasten könnte. Die wabernde, gleißend hellgelbe Masse verschwimmt vor unseren Augen, droht gar aus der Bildumrandung hinaus zu schwemmen. Hier behauptet sich das Leuchtgelb gegenüber dem Weiß, dessen dezente Aufgabe es ist, für eine Umrahmung und Unterstreichung der Farbe zu sorgen.

Seit Ende der Vierziger Jahre sieht Geiger in der Verwendung verschiedenster geometrischer Formen lediglich Oberflächen, die die Farben in ihrem Verlangen nach Wahrnehmung unterstützen sollen.

Das Werk ist rückseitig signiert. Es befindet sich in Privatbesitz und wurde zuletzt 2011 in der Akademiegalerie Düsseldorf im Rahmen der Ausstellung Rendez.vous der Maler I – Malerei an der Kunstakademie Düsseldorf von 1946 – 1986 gezeigt.

Weitere Ausstellungen: 1992 Rosenheim; 2007 München; 2008 Siegen; 2009 Berlin.

 

Zitierweise: Holm, Nina: Werkbeschreibung 598/70, 1970 (WV 575) [30.09.2014], in: Archiv Geiger Blog LINK (zuletzt aufgerufen am TT.MM.JJJJ)

 

 

Gewinnspiel „Was ist Farbe?“

Zum Tag des Offenen Denkmals 2014 haben wir zu einem Gewinnspiel aufgerufen: jeder Besucher erhielt ein Lesezeichen, das mit Original-Pigmenten bedruckt wurde. Die Aufgabe bestand darin, dieses Farbelesezeichen im Hinblick auf die Frage „Was ist Farbe?“ zu inszenieren.

Das Archiv-Geiger-Team war über die vielen Einsendungen dermaßen begeistert und die Auswahl fiel uns nicht leicht…hier aber finden Sie unsere Gewinner!

1. Platz:

 

2. Platz:

 

3. Platz:

"Das Licht spielt mit den Farben"

 

Die Gewinner wurden bereits benachrichtigt, aber wir möchten an dieser Stelle auch ein herzliches Dankeschön an alle Teilnehmerinnen und Teilnehmer ausrichten für die vielen, kreativen Einsendungen! Deshalb haben wir hier noch eine kleine Auswahl zusammengestellt:

Impressionen #9: Farbzelt

Vor kurzem erhielten wir von Claudia Königsmann ein Foto ihres pinken Farbzeltes und das Archiv-Geiger-Team ist natürlich gleich neugierig geworden – wie entstand diese kleine Hommage an Rupprecht und Florian Geigers Rote Trombe (1985)?

Rupprecht und Florian Geiger, Rote Trombe, 1985

 

„PURE ENERGIE

Rupprecht Geigers Werke faszinieren mich seit ich sie in einer Ausstellung, „Rot Gelb Blau“, im Lenbachhaus 1998 kennengelernt habe.
Die Leuchtkraft seiner intensiven Farben, die radikale Abstraktion und die unglaubliche Energie, die diese Werke ausstrahlen, inspirieren mich immer wieder aufs Neue.
So entstand nach dem Filmabend im Januar 2014 mein Tipi in leuchtendem PINK.

Dreizehn Meter Ballonseide habe ich in wochenlanger Arbeit ohne irgendeinen Schnittplan mit viel Hingabe und Freude vernäht. Wenn man nun in diesem leuchtenden Space sitzt, „tankt“ man diese Energiefarbe und erlebt ein besonderes Wohlfühlgefühl.

Besuche gerne mit Anmeldung: www.kreativmanufaktur.com – herzlich Willkommen!“
Claudia Königsmann

Vielen Dank, Frau Königsmann fürs Teilen und vielleicht kommt ja der ein oder andere „Farbtanker“ bei Ihnen vorbei!

Rupprecht Geiger Werkübersicht #8: 666/73, 1973 (WV 644)

„[…] Der Auftrag der Farbe soll die Farbe selbst charakterisieren, etwa so daß ein leuchtendes Rot schwebend auf der Fläche erscheinend, von hell nach Tiefe abgewandelt, das Materielle überwindet.“ (Rupprecht Geiger, 1950)

Was Geiger 1950 in einem Tagebucheintrag fordert, kann er ab ca. 1965 mit der Luftdruckspritzpistole erzielen. Dieser neue Farbauftrag hilft ihm, feinere Graduierungsstufen innerhalb der Farbe zu erlangen. In den Jahren zuvor nutzt er bereits ab und zu Sieb und Pinsel, um die Farbe durch die feinen Maschen des Siebes auf den Farbträger zu spritzen. Mit der Luftdruckspritzpistole können makellose Modulationen auf größeren Formaten erzeugt werden. Während der Arbeit mit diesem neuen Werkzeug in einem abgeschirmten Raum trägt der Künstler grundsätzlich eine Maske, da sich die Farbpigmente überall als feine Staubschicht absetzen. Die neue Technik erfordert vom Künstler zwar eine höhere Konzentration denn die Pistole muss in gleichmäßigen Zügen über den Träger geführt werden, um einen ebenmäßigen Farbauftrag zu erlangen – doch das Ergebnis ist eine nahezu fehlerfreie Farbabstufung.

Rupprecht Geiger bei der Arbeit: Die Träger besprüht er in der Waagrechten, damit die noch nasse Farbe nicht verläuft. Foto: Dietmar Schneider, Köln

Die Faszination Geigers für die Sprühtechnik liegt im schwebenden, im Blick des Betrachters vibrierenden Endergebnis des Farbauftrags, mit dem er seinem Ziel, die Farbe an sich darzustellen, näher kommt. Da die angemischte Farbe ohne Kraftaufwand, d.h. ohne Druckausübung des Pinsels, sondern gezielt über die Luft auf den Bildträger gelangt, bleibt sie allein auf dessen Oberfläche haften und dringt nicht in das Material ein. So wird der ‚schwebende‘ Eindruck der Farbe verstärkt.

666/73 (WV 644), 1973, Acryl auf Leinwand

Auf dem 150 x 140 cm großen Werk 666/73 breitet sich im Blick des Betrachters ein von innen quellender, für den Künstler typischer Kreis aus, dessen Ränder an der Seite schier aus dem Rahmen zu platzen drohen. Grund für diese optische Illusion ist der sich nach innen hin auflockernde Farbauftrag: das kräftige Orange verdichtet sich nach außen. Das Flimmern und Vibrieren des Farbkorpus verstärkt sich zusätzlich durch den pinken Kranz, der die Kreisform umläuft und sich nach außen hin auf dem weißen Hintergrund verflüchtigt. Die feine und fließende Modulation der Farbe, die Geiger mittels der Luftdruckspritzpistole erzielen konnte, unterstützt die austretende Bewegung der Farbe.

In der Kunst stehen Farbe und Form insofern in einem dialektischen Verhältnis zueinander, als Farbe aufgetragen immer schon geformt ist. Formen dagegen setzen sich gerade in ihrer Farbigkeit voneinander ab. Im Blick des Betrachters ringen beide um die ‚Vormachtstellung‘: während der Betrachtung drängt sich im ersten Augenblick nämlich einmal mehr die Farbe oder die Form näher auf und nicht beide vollkommen simultan.

An diesem Werk wird die Problematik dieser dialektischen Beziehung von Farbe und Form im Schaffen Geigers veranschaulicht: einerseits drängt sich die Farbe dem Betrachter in ihrem Hervorquellen auf, andererseits aber entsteht dieses Quellen durch die Form, die die Farbe zusammenhält. In der Farbe entsteht ein Raum, der durch die Form, also der Zeit, im Bewusstsein des Betrachters erst entsteht. Dieser fortlaufende dialektische Widerstreit entsteht kontinuierlich im Blick des Betrachters und ist das, was das Werk schließlich ausmacht und konstituiert.

Das in den Bann ziehende Werk muss auch für Rupprecht Geiger ein Faszinosum dargestellt haben, da es fast 30 Jahre lang im Wohnzimmer des Künstlers hing und er sich selbst immer gerne vor seinem „Heiligenschein“ fotografieren ließ.

Foto: Gerold Jung, Ottobrunn

 

Zitierweise: Harder, Franziska: Werkbeschreibung 666/73, 1973 (WV 644) [27.08.2014], in: Archiv Geiger Blog LINK (zuletzt aufgerufen am TT.MM.JJJJ).