Ausstellung in Wels

Die Kuratorin Angela Stief hat uns einen kleinen Beitrag zukommen lassen worin sie von ihrer Begeisterung für Rupprecht Geigers Kunst schreibt. Wie passend, dass Sie die Ausstellung „Lichtjahre“ im Museum Angerlehner in Thalheim bei Wels kuratiert hat! Dort ist noch bis zum 26. Februar 2017 eine schöne Auswahl an Geigers Werken zu sehen!

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Foto: © Horst Stasny

„Schon seit langem liebe ich das Werk von Rupprecht Geiger! Unabhängig von seinem kunsthistorischen Wert haben mich die intensiven Farben und die klaren Formen seiner Arbeit immer begeistert. Sie sprechen den Betrachter so unmittelbar an! Um Geigers Kunst zu verstehen, braucht man weder Fachwissen noch Erklärungen. Man spürt auch, dass er Kunst um ihrer selbst willen gemacht hat. Ganz im Sinne von: Machen, was man machen muss. Das verstehe ich auch unter authentischer Kunstproduktion und ich finde, dass das die wichtigste Motivation für einen Künstler überhaupt ist. Diese immanente Überzeugungskraft lässt mich ich als Kuratorin wiederum aktiv werden. So stand eine Ausstellung mit Rupprecht Geiger schon lange auf meinem Wunschzettel der imaginären Projekte. Dafür bedarf es eines Museums und eines herausragenden Raumes. Durch die private Initiative von Heinz Josef Angerlehner ist es nun gelungen, in der neu sanierten, ehemaligen Industriehalle in Wels (OÖ), eine umfassende auf rund 1.000 Quadratmetern stattfindende Einzelpräsentation von Rupprecht Geiger in Zusammenarbeit mit dem Archiv Geiger zu realisieren. Die ästhetische Vehemenz dieses einzigartigen Oeuvres kommt an diesem Ort besonders gut zur Geltung!“

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Foto: © Horst Stasny

Vielen Dank, Angela Stief für diesen Beitrag!

Die Familie Geiger: Florian Geiger

Florian Geiger bezeichnet sein künstlerisches Schaffen, programmatisch seinem vielseitigen Lebensentwurf entsprechend, wiederum so: „Weit gefächert der Blick, an jeder Weggabelung offen für neue Richtungen“.[i] Nach seinem Architekturstudium in München und Berlin in der ersten Hälfte der 1960er-Jahre arbeitet er zunächst in verschiedenen Architekturbüros in Berlin und London. Parallel und ergänzend zu dieser Tätigkeit entwickelt er spannende Konzepte zu utopischen Architekturprojekten, die gewissermaßen heutigen architektonischen Problembewältigungen in Megalopolen sowie der Auseinandersetzung mit ökologischen Lösungen vorausgehen. Zum Thema „Häuser mit stürzenden Wasserwänden“ entsteht ein Zyklus frei gezeichneter Entwürfe mit wenig farbigen Akzenten, die als Serigrafien vervielfältigt werden – exemplarisch hierfür steht das Blatt „Ohne Titel“, um 1970. Rechts der mittigen, organischen und naturnahen Zeichnung, die durch graue und leuchtorangene Strahlen betont und dadurch ins Künstlerische überhöht wird, sind weitere Vorstufen der Idee in Seitenansichten und Grundriss zu erkennen – links wiederum wird der zentrale Entwurf in zwei detaillierten Ausführungen konkretisiert, deren Essenz es ist, in der Architektur platzsparend – statt in die Breite in die Höhe – zu planen und grüne Flächen auch an ungeahnten Stellen zu positionieren.

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Florian Geiger, ‚Ohne Titel‘, ca. 1970

Vor dem Neuanfang in Südfrankreich beschäftigt sich Florian bereits mit Segelobjekten aus Papier für den Innen- und aus Stoff für den Außenbereich, die seine spätere Arbeit mit künstlerischen und am Entstehungsort formal sowie den klimatischen Bedingungen stark angepassten Sonnensegeln vorbereiten. Ab 1990 stellt er außerdem in den darauffolgenden 20 Jahren neben Erdziegelbauten Jurten her, die seinem Streben nach einem einfachen, der Natur verhafteten Lebenskonzept folgen. Wiederholt reicht Florian Entwürfe und Modelle bei verschiedenen Wettbewerben für Arbeiten im öffentlichen Raum ein,[ii] so auch für das unrealisierte Projekt an der Universität Augsburg im Jahr 2004, dessen Modell „Fächerdach“ in Murnau zu sehen ist. Dabei nimmt das Material Stoff wieder eine zentrale Rolle ein. Seine Faszination für das Element Wind, deren Ursprung in Kindheitserlebnissen in der Bax liegt, mündet in der von ihm selbst betitelten „Windart“: 2004 platziert er am Fuß von zwei sich treffenden Tälern die Installation „Rafalodrome“; bestehend aus unzähligen Stoffdreiecken, die an parallel laufenden Drahtseilen hängen, vorderseitig blau, rückseitig orange: Diese Stoffecken visualisieren die starken Windwirbel der aus dem Norden wehenden Tramontane, indem sie durch die Windkraft in die Luft emporgehoben werden und ihre orangene Rückseite zeigen.[iii] Des Weiteren setzt Florian seit 15 Jahren Fundstücke zu sogenannten Assemblagen zusammen, ganz der Tradition der aus zahlreichen Materialien zusammengesetzten Masken von Willi in der Bax und den spielerisch dreidimensionalen Collagen im Spätwerk Rupprechts folgend.

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Florian Geiger, ‚Fächerdach – Architekturmodell für die Universität Augsburg‘, 2004

Die vier besprochenen Künstler haben sich nicht nur künstlerisch gegenseitig beeinflusst. Es entstehen sogar gemeinsame Projekte zwischen Rupprecht und seinen Söhnen. So gestaltet Lenz beispielsweise typografisch die sechs von Rupprecht in intensiven Farben entworfenen Plakate der Konzertreihe Musica Viva aus den Jahren 1963/1964 – exemplarisch wird das Plakat zum Konzert am 17. Januar 1964 gezeigt. Florian wiederum entwickelt zusammen mit seinem Vater 1985 für die Retrospektive in Berlin, Düsseldorf und Ludwigshafen eine zeltartige, trichterförmige Rauminstallation aus Stoff, die „Rote Trombe“: Der Ausstellungsbesucher wird aufgefordert, sich darunterzulegen und – ganz von Pink umgeben – zu meditieren. Neben diesen gemeinsamen Projekten birgt Kunst aber auch meist Konfliktpotenzial, das sich in einer Künstlerfamilie auf engstem Raum besonders zuspitzen kann. Trotz unübersehbarer Unterschiede gibt es im Werk der vier ausgestellten Künstler der Familie Geiger, wenn auch teilweise unterschwellig, zahlreiche Berührungspunkte und Querverbindungen. Vielleicht bieten sogar die unterschiedlichen Herangehensweisen und Kunstformen eine Ergänzung zwischen den verschiedenen künstlerischen Positionen der Künstlerfamilie Geiger. Und die Kunstreise geht weiter: Nanda Lavaquerie, die Tochter Florians, widmet einen Teil ihres Lebens der Fotografie …

[i] Florian Geiger in einem Gespräch mit der Verfasserin im Zuge der Vorbereitungen einer Ausstellung im Künstlerhaus Geiger – die Bax, Sommer 2013.

[ii] An der Universität Passau über dem Haupteingang der Mensa steht beispielsweise das Werk „Segel-Seil-Objekt“ von Florian Geiger aus dem Jahr 1988, siehe: Bildwerk Bauwerk Kunstwerk. 30 Jahre Kunst und staatliches Bauen in Bayern, hg. vom Bayerischen Staatsministerium des Innern, Oberste Baubehörde, München 1990, S. 188 f.

[iii] Eine Dokumentation dieser Installation ist im Film „Rafalodrome“ von Florian Geiger aus dem Jahr 2004 zu finden.

 

Dieser Auszug stammt aus dem Ausstellungskatalog zur oben genannten Ausstellung.

Zitierweise: Geiger, Julia: Die Künstlerfamilie Geiger: Eine Kunstreise über Generationen, in: Kat. Ausst. Väter & Söhne. Konfrontation und Gleichklang, Schloßmuseum Murnau 2016, München 2016, S 125f.

Die Familie Geiger: Lenz Geiger

Mit der Kunst und den zwei charismatischen Persönlichkeiten von Großvater und Vater wächst die nächste Generation Geiger heran. Die beiden Söhne Rupprechts wählen, der Familientradition folgend, die Berufe des freischaffenden Künstlers beziehungsweise des Architekten. Ihr Neuanfang in Südfrankreich 1973 und die darauffolgende Konzentration auf biologischen Landbau bilden vielleicht den notwendigen Abstand zum bisherigen Werdegang. Dank ihrer neu gewonnenen Distanz können sie sich Jahre später abermals der Kunst widmen.

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Lenz Geiger, ‚Erdplastik II‘, 1971

Der älteste Sohn, Lenz Geiger absolviert zunächst eine Ausbildung in Typografie und Gebrauchsgrafik und arbeitet anschließend über ein Jahrzehnt als Maler, bevor es ihn ans Mittelmeer zieht. Er findet auch schnell den Zugang zu den Tagesleuchtfarben und es entstehen zahlreiche, teils großformatige Gemälde, bei denen geometrische Formen und starke Farbkontraste dominieren. Bewegungen und deren Richtungen werden durch Diagonalformen ausgedrückt. Insbesondere ein nach unten gedrehtes Dreieck mit einer nach innen oder außen betonten Spitze kommt in seinem Formenvokabular immer wieder vor, sowohl in seinem malerischen, druckgrafischen und zeichnerischen Frühwerk als auch in seinen früheren und späteren plastischen Arbeiten. Bei den in Murnau ausgestellten Werken ist diese geometrische Form in den beiden Kaltnadelradierungen sowie bei der Erdplastik vor dem oben genannten Haus am Chiemsee zu finden, die mit dem Ostgiebel, sozusagen als Spiegelung, korrespondiert. Dieses Arbeiten mit und in der Landschaft fasziniert Lenz Geiger zeitlebens. So widmet er sich nach der Wiederaufnahme der künstlerischen Tätigkeit Anfang der 1990er-Jahre neben seinem malerischen Werk monumentalen Skulpturen im roten Tal des Flusses Salagou, die sich in die Landschaft integrieren und gleichzeitig die landschaftlich vorgegebenen Formen betonen. Bei dem ausgestellten Foto der riesigen Feldstein- und Basaltskulptur verwendet der Künstler vorhandenes Material, um ein Dreieck zu bilden, als Korrespondenz und Spiegelung des sich in der Ferne erhebenden Mont Mars. Auch wenn 30 Jahre dazwischenliegen, so sind die Parallelen zwischen dieser Skulptur und der Erdplastik vor der Bax unübersehbar.

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Lenz Geiger, ‚Skulptur in der Landschaft im Languedoc‘, 2003

In der Malerei verabschiedet sich Lenz immer mehr von dem herkömmlichen zweidimensionalen Bildträger und entwickelt dreidimensionale, großformatige Holzobjekte, die er mit Tagesleuchtfarben bemalt. Im Vergleich zu seinem Vater ist seine Farbpalette breiter gefächert, die Farbe Grün nimmt eine wichtige Rolle ein. Den ständigen Austausch zwischen dem Wahrgenommenen und dessen künstlerischen Umsetzung fasst Lenz wie folgt zusammen: „Das innere Bild führt das Auge auf entsprechende Phänomene in der Außenwelt und drängt zur Sichtbarwerdung durch kreative Arbeit“.[i]

[i] Lenz Geiger in einem Gespräch mit der Verfasserin im Zuge der Vorbereitungen einer Ausstellung im Künstlerhaus Geiger – die Bax, Sommer 2013.

Dieser Auszug stammt aus dem Ausstellungskatalog zur oben genannten Ausstellung.

Zitierweise: Geiger, Julia: Die Künstlerfamilie Geiger: Eine Kunstreise über Generationen, in: Kat. Ausst. Väter & Söhne. Konfrontation und Gleichklang, Schloßmuseum Murnau 2016, München 2016, S 124f.

 

Die Familie Geiger: Rupprecht Geiger

Diese Woche beschäftigen wir uns mit Rupprecht, dem einzigen Kind von Clara und Willi Geiger. Selbstverständlich weiß unser treuer Leser bereits viel über den Werdegang von Rupprecht Geiger, jedoch ist es auch spannend ihn und sein Werk in Verbindung zu dem seines Vaters zu sehen.

Den Zweiten Weltkrieg erlebt Rupprecht als Soldat, zunächst zuständig für Telefon- und Zugverbindungen, in den berüchtigten Wintermonaten 1941–1942, in Wjasma nahe Moskau stationiert. Wie sein Vater greift er zum Tagebuch und beschreibt darin die brennenden Städte, die schrecklichen Verwüstungen, das Gefangenenlager, die unzureichend versorgten Verwundeten, die beim Schmelzen der Schneemassen zum Vorschein kommenden Leichenberge, aber auch die fesselnden Farbspiele der russischen Landschaft:

Der Himmel ist von beispielloser Farbenpracht und von unglaublicher Weite. Die Möglichkeiten sind unbegrenzt. (1) Ein Morgenhimmel ist am Horizont, blaugrau und geht nach oben in violett über, dann ganz schnell über gelb u. grün zu stahlblau. Oder (2) am Horizont weißgelb dann etwas zitronengelb und über den halben Himmel hoch lachsrot. (3) Oder violett am Horizont dann schnell gelb grün und dann zu blau.“[i]

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Rupprecht Geiger, ‚Ohne Titel (Landschaft)‘, 1942

Weniger die Verwüstung und das Elend hält er in seinen mit Tinte und Buntstift ausgeführten, den Text illustrierenden Tagebuchskizzen fest, sondern die farbintensiven Landschaftsausschnitte. In den zur damaligen Zeit entstandenen stimmungsvollen Aquarellen – wie das exemplarisch hierfür in der Ausstellung gezeigte Aquarell „Rote Wolke über Wjasma“ – konzentriert sich der Künstler vorwiegend auf die Wiedergabe der Farbspiele in der Landschaft, um sich dem Gräuel des Krieges zu entziehen.[ii] Auf der aufgeschlagenen Doppelseite des oben zitierten und ausgestellten Kriegstagebuchs ist unten rechts eine detailgetreue Bleistiftskizze zu sehen, die als Vorstufe zum fertigen, in der Ausstellung präsentierten kleinformatigen Eitemperawerk „Ohne Titel (Landschaft)“ von 1942 entstanden ist. Das Gemälde zeigt den Blick aus dem Zimmerfenster des Künstlers: Den Vordergrund der Landschaft überzieht eine aufgewühlte Erdschicht in braunen und schwarzen Farbtönen, aus der dicke Pflöcke hervorragen; dahinter befindet sich eine flache Ebene in den Farbtönen Kaki und Hellgrün, die von zwei großen, mit weißgelblichem Schnee gefüllten Löchern unterbrochen ist; darüber erhebt sich ein Hügel in braunen, dunkelgrünen Farben und ein wolkenloser Himmel breitet sich aus, moduliert von Gelb über zartes Rosa, Lachs- und Rottönen bis hin zu einem bläulichen Grau. Als Kontrast zu den im Vordergrund angedeuteten Verwüstungen setzt der Künstler die Farbspiele im weit ausgedehnten Himmel und in der lichterfüllten Atmosphäre entgegen. Die Modulation als wichtigstes gestalterisches Prinzip im Œuvre Rupprecht Geigers nimmt bereits in diesem Frühwerk die Hälfte der Komposition ein. Durch die Beobachtung der Natur verdrängt er die Kriegssituation und entwickelt Gegenbilder zur bedrückenden Realität. Dieses Werk bildet mit zwei weiteren desselben Jahres die ersten Gemälde aus dem künstlerischen Schaffen von Rupprecht Geiger und sie sind die einzigen, die er während der Kriegsjahre malt. Dank dieser drei Werke wird er mit Hilfe seines Vaters, der frühere Bekanntschaften nutzt, für die letzten beiden Kriegsjahre als Kriegsmaler eingesetzt, zunächst 1943 in der Ukraine, 1944 dann in Griechenland.

Kürbis-Stillleben, 1943

Rupprecht Geiger, ‚Kürbis-Stillleben (Ukraine)‘, 1943

In der Ukraine zeichnet Rupprecht brennende Dörfer und Häuser in Tusche und Bleistift, porträtiert Einheimische und malt Stillleben, darunter die ausgestellte Gouache „Kürbis-Stilleben (Ukraine)“. Dieses Werk entdeckt Willi einige Jahre nach seiner Entstehung und findet es so spannend, dass er 1958 mit seinem in der Ausstellung präsentierten Ölgemälde „Grüner Kürbis“ eine Variation dieses Motivs malt. Dieses Beispiel zeugt von einer direkten thematischen und bildnerischen Verbindung zwischen den Werken des Vaters und des Sohnes, wobei hier die Einflussnahme nicht chronologisch erfolgt, sondern der Jüngere auf den Älteren einwirkt – keine Seltenheit bei diesen beiden Künstlern.[iii]

In Griechenland, erneut konfrontiert mit dem intensiven Licht des Mittelmeeres, hält Rupprecht 1944 – abermals keineswegs im Sinne seines Auftrags, die Siege der deutschen Armee in heroischen Darstellungen zu verewigen – in bezaubernden Landschaften und farbenfrohen Stadtansichten die nachhaltigen Eindrücke fest und setzt sein autodidaktisches Studium der Malerei fort, wie er selbst die Kriegsjahre nennt.

Trotz erster Distanzierung zum väterlichen Künstlertum widmet sich der ausgebildete Architekt Rupprecht mit Kriegsende als Autodidakt ganz der Kunst. „Die Erkenntnis, dass die Farbe in der Malerei das primäre Element ist, müsste zu ihrer Neuentdeckung führen“, notiert er programmatisch um 1945.[iv] Aufgrund dieser bewussten Beschäftigung mit der Farbe löst er sich schnell vom Vorbild des Vaters. Innerhalb kurzer Zeit findet er bereits Ende der 1940er-Jahre zur Abstraktion und beginnt mit der allmählichen Reduzierung der Form- und Farbgebung in seinem Werk, das in monochromen, meist fein modulierten Farbfeldern seinen Höhepunkt findet. Rupprechts kontinuierliche, sieben Jahrzehnte andauernde Beschäftigung mit der Farbe als zentralem Thema gipfelt darin, dass er diese zum Lebenselixier deklariert und der Malerei quasi den Rang eines Familienmitglieds zuschreibt.

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Rupprecht Geiger, Kreis von  ‚780/87‘, 1987

In vielen Bereichen der Kunst wird Rupprech

Rupprecht Geiger, ‚Morbides Rot‘, 2005

t als Pionier genannt. So bei der Erschaffung der Werkgruppe der Bilder mit irregulären Formaten Ende der 1940er-Jahre, also fast zwei Jahrzehnte bevor sich seine amerikanischen Kollegen mit dem Thema auseinandersetzen.[v] Auch ist er einer der ersten Künstler in Deutschland, der die Tagesleuchtfarbpigmente in seinen Schaffensprozess integriert: Ab Anfang der 1950er-Jahre zunächst nur partiell, ab Mitte des darauffolgenden Jahrzehnts ausschließlich. Die chemisch hergestellten Pigmente findet Rupprecht besonders geeignet, um das „Porträt der Farbe[vi], wohl der abstrakten Farbe, zu erschaffen. Eine weitere technische Errungenschaft, die mit seiner zehnjährigen, 1965 beginnenden Professur an der Kunstakademie Düsseldorf eingehend Verwendung findet, ist der Farbauftrag mit der Luftdruckspritzpistole. Diese Technik ermöglicht feinste Farbmodulationen und einen anonymisierten Farbauftrag ohne jeglichen Pinselduktus – ein Negieren der künstlerischen Handschrift im herkömmlichen Sinn. Der Künstler als Ausführender verschwindet ganz hinter der Farbe, die sich demzufolge, so Rupprecht, besser entfalten kann,[vii] wie dies an dem ausgestellten Acrylgemälde „780/87“ aus dem Jahr 1987 (WV 758) erkennbar ist.[viii] Ein typisch gedrückter „Geiger-Kreis“ füllt mit seinen 145 x 160 cm das gesamte Blickfeld des Betrachters in einem kräftig leuchtenden Pink. Da der Pinselduktus fehlt und die Farbe homogen auf den Träger aufgesprüht wurde, verliert der Blick des Betrachters jeglichen Fixpunkt und die Farbfläche beginnt zu vibrieren. Die Farbe zeigt sich selbst. Die bereits sehr früh eingesetzte Reduktion auf archetypische Formen, beispielsweise auf Rechteck oder Oval, dient dem Künstler zur besseren und unmittelbaren Wahrnehmung der Farbe an sich: „Alleiniges Thema meiner Malerei ist die Farbe, sie selbst ist das Motiv.“[ix] Die Technik mit der Luftdruckspritzpistole verlässt Rupprecht Mitte der 1980er-Jahre und arbeitet wieder mit Pinsel, Rolle oder Schwamm, so bei seinem Spätwerk „Morbides Rot“ aus dem Jahr 2005 (WV 945). In schäumend rauschenden Zügen wird eine Modulation von kräftigem Pink zu einem tiefen Violett zeilenartig nach oben hin aufgebaut. Bei der fast wissenschaftlichen und zugleich verspielten Erforschung der Darstellungsmöglichkeiten der Farbe konzentriert sich Rupprecht immer mehr auf die Farbe Rot und deren Nuancen. Rot bezeichnet er als „die Farbe mit der größten Potenz und Ausstrahlung.“[x] Im Laufe der über Jahrzehnte andauernden künstlerischen Suche kommt er zu folgender Erkenntnis: „Rot ist Leben, Energie, Potenz, Macht, Liebe, Wärme, Kraft. Rot macht high […] Rot ist geballte Energie.”[xi]

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Rupprecht Geiger, ‚Morbides Rot‘, 2005

Obwohl Willi Geiger bereits früh, wie letzte Woche erwähnt, von der Magie der Farbe gefesselt wird, tut er sich mit dem Thema schwer. In seinem Spätwerk konzentriert er sich auf Blumenstillleben, deren stark abstrahierte Formengebilde nur noch vage an Blumen erinnern, so auch bei den drei ausgestellten Ölgemälden „Blumen“ von 1966, „Feuerblumen“ (1968) und „Abstrakte Blumen“ von 1970, die in den letzten Schaffensjahren entstanden. Die Blumensträuße werden nicht nur immer ungegenständlicher, sondern gewinnen mit der Zeit in ihrer Farbigkeit an Intensität. Willi verfolgt mit großem Interesse das künstlerische Schaffen seines Sohnes und dessen Arbeit mit den Tagesleuchtfarbpigmenten. Unter dem Einfluss des Sohnes beginnt er ab Mitte der 1960er-Jahre sogar mit fluoreszierenden Tagesleuchtfarben zu arbeiten, wie bereits bei den Früchten des „Stilleben mit Birnen“ aus dem Jahre 1965 sichtbar ist. In der Familie erzählt man sich, dass der Vater die begehrten Pigmente anfänglich heimlich aus dem Atelier seines Sohnes entwendete. Veranschaulicht wird die Anwendung von Tagesleuchtfarbpigmenten am deutlichsten anhand des Gemäldes „Feuerblumen“ aus dem Jahr 1968. Willi fertigt es in einem ersten Malvorgang 1965 an, wie dies anhand des übermalten, aber trotzdem zum Vorschein kommenden Signaturkürzels „G.“ mit Entstehungsjahr „1965“ am Gemälderand unten links zu erkennen ist. In einem zweiten Durchgang übermalt Willi das Werk partiell mit Leuchtpigmenten – wofür beispielsweise der pastose Farbauftrag und die dicke Malschicht der großen, leicht nach rechts gebogenen Blume sprechen. Willi signiert das Bild erneut und datiert es mit dem Jahr 1968. Dass Rupprecht das Werk seines Vaters schätzt, zeigt sich daran, dass das Gemälde „Abstrakte Blumen“ (1970) jahrelang im Wohnzimmer in Solln hing. Dieses Werk ist nicht nur das letzte vollendete Werk von Willi, sondern auch sein abstraktestes Gemälde, ein fast ausschließlich mit pinker, zart aufgetragener Tagesleuchtfarbe gemaltes Bild. Die Blumenbilder der letzten Jahre gelten als Synthese und Krönung des künstlerischen Schaffens von Willi. Vor einem dieser Werke soll er im hohen Alter gesagt haben: „Allmählich fange ich an zu begreifen, was Malerei ist“.[xii]

[i] Rupprecht Geiger, Kriegstagebuch 1941/42, Archiv Geiger, München (unveröffentlicht), 17.11.1941, o. S.

[ii] Rückblickend sagt Rupprecht Geiger 1994, dass die Malerei „eine Art Therapie [ist], aus dieser scheußlichen Kriegssituation wenigstens gedanklich herauszukommen“, in: Ausst.-Kat. Rupprecht Geiger (St. Petersburg, Russisches Museum; Dresden, Staatliche Kunstsammlungen Dresden, Galerie Neue Meister; München, Palais Preysing, Bayerische Vereinsbank (JG: es ist keine Werbung, sondern der Ausstellungsort hieß ursprünglich so, es kann aber gerne gelöscht werden), hg. von Petra Giloy-Hirtz, München 1995, S. 38.

[iii] In frühen Landschaftsaquarellen der 1940er-Jahre stehen sich Vater und Sohn allerdings malerisch so nahe, dass es extrem schwierig zu erkennen ist, von wem sie tatsächlich stammen.

[iv] Rupprecht Geiger, Tagebuch 1939–1949, Archiv Geiger, München (unveröffentlicht), S. 172. Das Tagebuch wurde vom Künstler nachträglich mit Seiten und Datierungsangaben versehen.

[v] Zusammenfassender Aufsatz zu diesem Thema: Julia Geiger, Ein gewagtes Experiment: Die Werkgruppe irregulärer Bildformate von 1948/1949, in: Ausst.-Kat. 100 Jahre Rupprecht Geiger (Berlin, Neue Nationalgalerie), hg. von Fritz Jacobi und Melanie Wilken, Berlin 2008, S. 45–55.

[vi] Rupprecht Geiger, Rotbuch 1975/1978, hg. von Helmut Friedel anlässlich des 90. Geburtstags, erschienen zur Ausst. Rupprecht Geiger. Rot, Gelb, Blau im Kunstbau des Lenbachhauses München, München 1998 (WVG 195), o. S.

[vii]Der Auftrag der Farbe soll die Farbe selbst charakterisieren, etwa so daß ein leuchtendes Rot schwebend auf der Fläche erscheinend, von hell nach Tiefe abgewandelt, das Materielle überwindet“, in: Rupprecht Geiger, Tagebuch 1950, Archiv Geiger, München (unveröffentlicht), o. S.

[viii] Mit der Werkgruppe der Bilder mit irregulären Formaten beginnt Rupprecht seine Arbeiten fortlaufend zu nummerieren, um jegliche Assoziationsmöglichkeiten beim Betrachter zu unterbinden. Des Weiteren signiert er diese ab diesem Zeitpunkt auf der Rückseite, um die Wahrnehmung der Farbe ungestört zu lassen.

[ix] Rupprecht Geiger 1981, in: Ausst.-Kat. Für Rupprecht Geiger. Ausstellung zum 75. Geburtstag (München, Galerie der Künstler), München 1983, o. S.

[x] Geiger 1998 (wie Anm. 12), o. S.

[xi] Ebd.

[xii] Willi Geiger, in: Ausst.-Kat. Willi Geiger (Prien am Chiemsee, Galerie im Alten Rathaus; Landshut, Rathaus), Erscheinungsort 1991, o. S.

 

 

Dieser Auszug stammt aus dem Ausstellungskatalog zur oben genannten Ausstellung.

Zitierweise: Geiger, Julia: Die Künstlerfamilie Geiger: Eine Kunstreise über Generationen, in: Kat. Ausst. Väter & Söhne. Konfrontation und Gleichklang, Schloßmuseum Murnau 2016, München 2016, S 121-124.

Die Familie Geiger: Willi Geiger

Galerie

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Seit Juli diesen Jahres läuft im Schoßmuseum Murnau die Ausstellung „Väter & Söhne: Konfrontation und Gleichklang“, wo auch drei Generationen der Familie Geiger vertreten sind. In den nächsten vier Wochen werden wir Euch die verschiedenen Familienmitglieder und ihre Kunst vorstellen, damit … Weiterlesen

„Reise in den Süden“ – Unser Beitrag zur Blogparade: Mein Kulturtrip im Sommer für Dich – #KultTrip

Mit dem Ferienbeginn diese Woche wollten wir auf unsere Ausstellung „Willi Geiger und Rupprecht Geiger – Reise in den Süden“ im Künstlerhaus Geiger in der Bax in Übersee am Chiemsee aufmerksam machen! Denn die Ausstellung, die am Wochenende zugänglich ist, ist ein idealer Kulturtrip, auch für Familien! Denn nach der Kunst kann man Körper und Geist mit einem Sprung ins kühle Nass erfrischen! Wer noch nicht genug von der Kunst hat kann noch einen Abstecher in das Exter-Haus in Übersee machen oder nach Traunreut ins Maximum!

Tanja Praske hat auf ihrem Blog zur zur Blogparade „Mein Kulturtrip“ aufgerufen – einem Ruf, dem wir gerne folgen!

DAS KÜNSTLERHAUS GEIGER – DIE BAX

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Das Künstlerhaus Geiger – die „Bax“ in Übersee am Chiemsee

Am Chiemsee bilden sich – der ersten Künstlerkolonie Frauenchiemsee folgend – seit Mitte des 19. Jahrhunderts verschiedene Malergruppen. Angezogen von der einmaligen bayerischen Voralpenlandschaft und inspiriert durch das bäuerliche Brauchtum, lassen sich viele Künstler, meist aus München, zum Arbeiten und Leben an den ufernahen Orten nieder.

Willi Geiger erwirbt 1930 in Übersee am Chiemsee ein 400-jähriges, verfallenes Bauernhaus – die so genannte Bax – im Ortsteil Baumgarten/Neuwies. Kurz darauf beginnt er in Zusammenarbeit mit seinem Sohn Rupprecht den Wiederaufbau der Ruine. Der Architekturstudent fügt dem Interieur, durch einen Toskanaaufenthalt beeinflusst, südliche Bauelemente hinzu. Die Bax wird während der Zeit des Naziregimes zum Zufluchtsort Willi Geigers, an den er sich in „innerer Emigration“ zurückzieht. Er macht die Bax zu einem Ort des freien Ideenaustauschs, der als „Menschlichkeitsoase“ bezeichnet wird.

Nach dem 2. Weltkrieg als Ferienhaus von der Familie genutzt, wird die Bax später unter Denkmalschutz gestellt. In den 1980er Jahren führt die Architektin Monika Geiger, Schwiegertochter von Willi Geiger, Umbau- und Sanierungsmaßnahmen im westlichen Teil durch. Für die erste Ausstellung „Willi Geiger in der Bax“ im Sommer 2004 wird die Tenne umgestaltet. Seitdem werden in unregelmäßigen Abständen Sommerausstellungen zur Künstlerfamilie Geiger gezeigt. Im unveränderten Wohnhaus kann man heute noch die Atmosphäre jener Zeit, in der Willi Geiger mit seinen Künstlerkollegen und Freunden um den Tisch saß, erspüren.

 

DIE AUSSTELLUNG

Willi Stillleben

Willi Geiger, Stillleben mit Krebs, 1962

Nach der vierten Ausstellung mit einem Überblick über die fünf künstlerischen Positionen der Künstlerfamilie Geiger widmet sich die aktuelle Präsentation der Reiselust von Willi Geiger und seinem Sohn Rupprecht in den Süden. Während im Wohnhaus die Themen Stillleben und Stierkampf bei Willi durchgespielt werden, laden zahlreiche Landschaften und Stadtansichten der beiden Künstler in der Tenne auf eine spannende Entdeckungsreise ein.

 

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Willi Geiger, Landschaft, 1964

Die vielen Reisen ans Mittelmeer beginnen bei Willi Geiger bereits 1905, als er, ausgezeichnet für seine Mappe Liebe, den Graf-Schack-Preis gewinnt. Es werden verschiedene Länder erkundet, von Italien bis nach Tunesien, von Frankreich bis zur iberischen Halbinsel. Fünf Jahre später wird er mit dem Villa-Romana-Preis ausgezeichnet, der in einem einjährigen Florenz-Aufenthalt mündet. In dieser Zeit und in den darauf folgenden Jahren hält er die gesehenen Motive auf Papier oder Leinwand fest, wobei sich seine Farbpalette unter dem Einfluss des intensiven mediterranen Lichts noch ein wenig erhellt. Ausschlaggebend für seine künstlerische Entwicklung ist der gewagte Neuanfang 1923 in Spanien und die Begegnung mit dem Werk El Grecos. Mit seinem Sohn Rupprecht bereist Willi das spanische Landesinnere und wird insbesondere von der Stadt Toledo geprägt, wie zwei Stadtansichten in der Ausstellung bezeugen. Dort entstehen viele Studien zu El Grecos expressionistisch anmutenden Menschen-Szenen und Willi kopiert das Begräbnis des Grafen von Orgaz. Seine Begeisterung für jenes Gemälde taucht in einer vor Ort niedergeschriebenen Betrachtung auf: „Vor diesem außerordentlichen Werk öffnet sich dem geistigen Auge elementar die Magie der Farbe.“ Dieser Zauber schlägt sich ebenso in den ausgestellten Portraits der Matadore nieder, deren Gesichter von einem südlichen Licht angestrahlt werden. Wie die vielen – jedoch nur teilweise ausgestellten – Werke zeigen, war Willi zeitlebens vom heute umstrittenen Stierkampfthema fasziniert. Während des zweijährigen Aufenthalts in Spanien führt die Reise weiter auf die Kanaren und nach Marokko.

Die Erfahrungen aus dem spanischen Intermezzo prägen nicht nur den Vater bis ins hohe Alter, sondern auch seinen Sohn. Nebenher bringt Willi nämlich dem jugendlichen Rupprecht das Künstlerhandwerk bei. Auch er führt Tagebuch und skizziert darin detaillierte Bleistiftzeichnungen sowie farbenfrohe Stadtansichten und Landschaften, die seinen Werdegang als anerkannten Maler bereits erahnen lassen. Die Reisen mit dem Vater in den Süden wecken seine lebenslange Faszination für Licht und Farbe und sicher begünstigt dies seine Hinwendung zur Malerei während des Zweiten Weltkrieges. Als Kriegsmaler (auf Veranlassung der Bemühungen des Vaters) wird Rupprecht u. a. 1944 in Griechenland eingesetzt, wo er sein autodidaktisches Studium der Malerei fortführt. Es entstehen eine Vielzahl an farbenprächtigen Landschaften, Stillleben, Stadtansichten – allesamt bildhafte Zeugnisse der Farberfahrung, die er wie folgt beschreibt:

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Rupprecht Geiger, Kairo, 1976

Der Süden ist ein einziger Rausch, eine Symphonie der Farben und man steht ihr ach! allzu oft fassungslos gegenüber. Oft gehe ich ratlos und fast verzweifelt durch die Glut der Häuser – Gassen und Licht u. Schatten erscheinen mit erdrückender Fülle, auch die Gefahr des allzu Bunten lauert. ›Die Straße vom Kastell‹ unter Mittags: grünes Meer, ultramarinblaues Haus, blassgrünes Haus und der Himmel preußischblau. Das ist zu viel.“

Bereits zu diesem frühen Zeitpunkt stellt Rupprecht die Farbe ins Zentrum seines künstlerischen Schaffens. Zwar findet er innerhalb kürzester Zeit in den ersten Nachkriegsjahren zur Abstraktion. Dennoch entstehen auf zahlreichen Reisen u.a. ans Mittelmeer gegenständliche, farbintensive Landschaften und Stadtansichten, welche die Essenz der Orte – Licht und Farbe – einfangen.

 

Ausstellung vom
17. Juli bis 11. September 2016
Sa./So. 11 – 13 Uhr und 15 – 18 Uhr geöffnet
11.9.2013 Tag des offenen Denkmals, 10 – 17 Uhr

Neuwies 11
83236 Übersee am Chiemsee

Anfahrt: A8 München – Salzburg  Ausfahrt: Übersee am Chiemsee
Weitere Informationen www.archiv-geiger.de, Tel. 089 72 77 96 53

Künstler am Chiemsee

Die letzten drei Monate wurde unser Team durch unsere Praktikantin Franziska Eiselt bereichert. In dieser Zeit hat sie auch ihre Bachelor-Arbeit verfasst zu einem passenden Thema!

Vielen Dank, für diesen Blog-Eintrag!

 

Als „ChiemSeekind“ wusste ich schon zu Beginn meines Studiums, dass ich für meine Bachelorarbeit ein regionales Thema wählen wollte. Und das war auch sehr schnell gefunden: Julius Exter als Symbolist. Bei meiner Bachelorarbeit konzentrierte ich mich vor allem auf die symbolistische Phase von Julius Exter, die sich in seinem Werk vor allem Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts abzeichnete.

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Künstlerhaus Exter in Übersee am Chiemsee

 

 

 

 

 

 

 

Der Chiemsee und seine einzigartige Landschaft am Rande der Voralpen war seit Mitte des 19. Jahrhunderts ein beliebtes Ziel, vornehmlich für Münchner Künstler, doch ich wählte Julius Exter (1863-1939) als Hauptgegenstand meiner ersten großen Studienarbeit aus.
Die vielen Streifzüge durch das Künstlerhaus in Übersee, dass Exter 1902 erwarb, waren wohl der Auslöser. Der Künstler kaufte das ehemalige Bauernanwesen „Stricker“ und gestaltete Haus und Garten in den folgenden Jahren um, auch um es als Sommermalschule zu nutzen.
Unter anderem kamen eine Veranda, ein Atelier mit hohen Fenstern und eine Galerie hinzu. Der Garten erhielt eine neue Bepflanzung und einen Teich (Schmid Elmar D.: Julius Exter. Aufbruch in die Moderne, München 1998). Noch heute kann man auf einer Gartenbank im Schatten sitzen und die farbenprächtigen Blumen bestaunen. Und auch die insgesamt vier Ateliers im Haus kann man mitsamt den Farbtöpfen und Gemälden durchwandern.
Der Chiemsee, das bäuerliche Leben und die Farbspiele der Sonne inspirierten Julius Exter zu seiner Kunst und durch diese heute die Besucher des Exter-Hauses in Übersee.

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Künstlerhaus Geiger – die „Bax“

 

 

 

 

 

 

 

Doch das Künstlerhaus Exter ist nicht der einzige Ort in Übersee an dem man das Leben und Wirken eines Künstlers auf den Grund gehen und farbenprächtige Werke betrachten kann. In Neuwies / Übersee kann man in regelmäßigen Abständen auch das Künstlerhaus Geiger – die sogenannte „Bax“ – ein ca. vierhundertfünfzig Jahre altes Bauernhaus erkunden. Willi Geiger erwarb dieses 1930 und gestaltete es zusammen mit seinem Sohn Rupprecht um. Seit 2004 finden hier in regelmäßigen Abständen Ausstellungen statt, die das Leben des Künstlers illustrieren und in den Ferienwohnsitz der Familie Einblick geben.
Der Chiemsee hat nicht nur landschaftlich sondern auch kulturell vieles zu bieten; ich als „Seekind“ muss es wissen!

Aktuelle Ausstellungen:

Im Künstlerhaus Exter: Julius Exter (1863-1939) – Licht und Farbe
12. Juni – 11. September 2016 Di-So 17-19 Uhr
11. September: 10-19 Uhr

In der Bax: Willi Geiger und Rupprecht Geiger: Reise in den Süden
17. Juli bis 11. September 2016
Sa./So. 11 – 13 Uhr und 15 – 18 Uhr geöffnet
11.9.2016: Tag des offenen Denkmals, 10 – 17 Uhr

Fotoquelle Exter-Haus

 

Jubiläum

Monika und Rupprecht Geiger mit Edith Wahlandt 1993, Foto: Theresa Froh, Beilstein

Anlässlich ihres 70. Geburtstags Ende Januar präsentiert Edith Wahlandt-Mettler in der Ausstellung „In Erinnerung – Blicke zurück“ eine Auswahl an Werken von bereits verstorbenen Künstlern, die sie in ihrer Galerie-Tätigkeit begleiteten.

Auch mit Rupprecht Geiger verband sie eine enge Zusammenarbeit: bereits 1978 findet die erste Ausstellung „Rupprecht Geiger. Zeichnungen und Gouachen“ in der Galerie, damals noch mit Sitz in Schwäbisch-Gmünd – statt. In regelmäßigen Abständen und mit Publikationen ergänzt, wird das Werk Geigers – von Gemälden zu Serigrafien und Papierarbeiten – in der Stuttgarter Edith Wahlandt Galerie gezeigt. Zuletzt eine Einzelausstellung mit Grafitarbeiten im September 2013.

Auch gab sie 1993 die Lithografie Ohne Titel (WVG 190) im Jahr 1993 heraus, der letzte Steindruck im gesamten druckgrafischen Oeuvre Geigers.

Ohne Titel (WVG 190), 1993, Lithografie/BFK Rives, 195 g, Motiv: 42 x 30 cm

Heute noch, nach dem Tod Geigers, besteht die Verbindung zwischen der Galeristin und dem Archiv Geiger, wenn sich Edith Wahlandt mit durchdachten Präsentationen und seiner regelmäßigen Vertretung auf Kunstmessen für Rupprecht Geigers Werk stark macht.

In ihrer oben erwähnten Jubiläumsausstellung ist vom 7. Februar bis 21. April 2015 von Rupprecht ein Werk aus dem Jahr 1970 zu sehen, welches trotz seiner zarten Farbigkeit kraftvoll wirkt.

595/70 (WV 572), 1970, Acryl auf Holz, 99 x 111 x 6 cm

Das Archiv Geiger gratuliert ihr ganz herzlich zu diesem feierlichen Anlass!

 

 

Impressionen #11: Aufbau in Ulm

Unsere Praktikantin Maria Issinskaya der Universität Augsburg war diese Woche beim Ausstellungsaufbau im Kunstverein Ulm dabei und hat den Ablauf mitverfolgt:

„Ab 30. November ist die Ausstellung „Geist und Materie“ von Rupprecht Geiger im Ulmer Kunstverein zu sehen. Ich hatte die Möglichkeit, beim Aufbau zu assistieren.
Eine Ausstellung vorzubereiten ist immer spannend: wie aus einem leeren Raum mit Holzkisten ein Kunstuniversum geschaffen wird.
Einen Plan mit den auszustellenden Werken hat man dabei, viele Sachen können erst vor Ort entschieden werden.
Womit fängt man an? Welche Höhe ist für die Bilder optimal? Was für ein Hängesystem hat das Werk? Welcher Abstand zwischen den Bildern und dem Fenster ist am geeignetsten? Wie verhalten sich die einzelnen Werke zueinander?

Die ersten Stunden bei einem Ausstellungsaufbau sind die schwierigsten: man sucht nach der bestmöglichen Herangehensweise und fängt mit den größten Bildern an. Man muss die Wände und Bilder messen, damit sich die Bildmitte auf Augenhöhe befindet. Jede Leinwand hat ihre eigenen Maße und soll ihren eigenen Platz im Raum finden.

Gleichzeitig protokolliert man den Bildzustand nach dem Transport, ob sich etwas verändert hat, ob die Bildoberfläche oder der Rahmen verschmutzt wurde oder Ähnliches.
Je mehr man auf die einzelnen Aufgaben konzentriert ist – Messen, Bohren, Aufhängen, Protokollieren, Auspacken, Einpacken – desto beeindruckender ist die Folge nach sechs Stunden: Eine fertige Ausstellung, ein Raum voller Licht und Farbe.“


 

Rupprecht Geiger in Karlsruhe

Letzte Woche war ich bei der Eröffnung der Ausstellung “Weltreise. Kunst aus Deutschland unterwegs. Werke aus dem Kunstbestand des ifa 1949 – heute” im ZKM in Karlsruhe. Das Institut für Auslandbeziehungen (ifa) hat seit seiner Neugründung 1949 ca. 23.000 Kunstwerke von deutschen Künstlern erworben. Seitdem hat das Institut unzählige Ausstellungen im Ausland organisiert, die nicht zuletzt dazu beigetragen haben, ein positives Image von Deutschland zu vermitteln. Die ifa-Sammlung ist facettenreich, da sie von unabhängigen, für die jeweiligen Ausstellungen ausgewählte Kuratoren im Laufe der Jahrzehnte zusammengetragen wurde.

Nun werden 400 Werke der ifa-Sammlung, viele zum ersten Mal, in Deutschland gezeigt. Es ist wirklich eine Meisterleistung der zwei Kuratoren Matthias Flügge und Matthias Winzen eine solche kohärente und klare Präsentation zusammengestellt zu haben. Sie bildet einen Querschnitt durch die deutsche Kunstgeschichte der Nachkriegszeit, angefangen bei Willi Baumeister oder Fritz Winter, bis heute, wie zum Beispiel Werke von Katarina Hinsberg oder Corinna Wasmut. An der Ausstellung ist zugleich spannend, wie zum ersten Mal nicht die Unterschiede zwischen west- und ostdeutscher Kunst hervorgehoben werden, sondern die Parallelität der deutsch-deutschen Kunstproduktion auf beiden Seiten der Mauer. Deren Einklang wird insbesondere bei der Fotografie veranschaulicht.

Auch von Rupprecht Geiger wurden mehrere Zeichnungen 1992 unter der Leitung von Hermann Pollig angekauft und in einer Ausstellungstournee in Westeuropa von 2002 bis 2005 gezeigt. Ein paar davon sind nun in Karlsruhe präsentiert. Die sehenswerte Ausstellung ist noch bis zum Frühjahr 2014 zu bewundern und wandert anschließend noch nach Rußland (Moskau), Südkorea und China.