Ausstellung „‚Freiraum der Kunst‘ – Die Studiogalerie der Goethe-Universität Frankfurt 1964-68“ im Museum Giersch in Frankfurt a.M.

Mit dem kunsthistorischen Beitrag des Museums Giersch zum Projekt „50 Jahre 68“ der Goethe Universität Frankfurt erinnert die Ausstellung Freiraum der Kunst an die epochalen Ereignisse dieser Zeit. Von 1964-1968 wurden in der vom Allgemeinen Studentenausschuss (AStA) betriebenen Studiogalerie neueste Tendenzen einer programmatischen, experimentierfreudigen Kunst internationaler Avantgarde in Form von Ausstellungen, Happenings und Fluxus-Konzerten gezeigt, welche als studentischer Beitrag zur Demokratisierung von Kunst und Gesellschaft zu verstehen waren. Diese dokumentieren gleichzeitig die kulturelle Aufbruchstimmung der 1960er Jahre.

Die sehenswerte Ausstellung beinhaltet auch einige Werke und Grafiken von Rupprecht Geiger.

Ausstellungsansicht auf die druckgrafischen Editionen „Moduliertes Rot“ (WVG 67) von 1965 und die Mappe „PYR“ (WVG 45) von 1962.

Darunter befindet sich auch die ‚Mappe Geiger – PYR’, 1962 (WVG 45) bestehend aus sechs Serigrafien. Dem Vorwort zur Mappe Pyr von dem britischen Kulturattaché John Anthony Thwaites (sowie auch zur zeitgleich entstandenen Mappe AER, nicht ausgestellt) kann man folgendes entnehmen:

AER und PYR, Luft und Feuer. Die Elemente. Nicht Darstellungen, nicht Abbilder, nicht Effekte. Verwandlung der Materie. Metamorphose. Kraft. Ein Schlag, der nicht wie ein Schlag seine Wirkung allmählich verliert, sondern ständig wächst.

Raum. Nicht Flächen, die Konturen von plastischen Körpern. Unendlichkeit, die mit Perspektive nichts zu tun hat. Form, die nicht hart und kühl ist, sondern intensiv. Aus dem Zusammentreffen von Farbe springt Vitalität.

Unpersönliche Aggression, wie Erdbeben. Nicht die Person ist wichtig, wichtig ist das Produkt.

Einfachheit. Ist sie verletzt, so bricht die Spannung. Ist sie vollkommen, sind die Verwandlungen ohne Ende, wie in der Natur.

Am Anfang der produktivsten Phase der 60er und 70er Jahre Geigers, entstehen diese beiden Mappen. Jede Mappe enthält sechs Blätter, deren Farbgebung sich am Titel des Mappenwerkes orientiert: die Farbe Blau steht für AER, ein Bestandteil von Fremdwörtern aus dem Griechischen und Lateinischen mit der Bedeutung „Luft“ und die Farbe Rot für PYR, ein griechisches Präfix mit der Bedeutung „Feuer“. Für die Komposition der Blätter zieht Rupprecht Geiger einfache, archetypische Formen wie Kreis und Rechteck heran und arbeitet mit explosiven Form- und Farbkontrasten. Als Gegenpol zum Blau setzt er die Farbe Schwarz während dem er bei der Mappe PYR mehr die Farbe Rot und deren Abwandlungen durchspielt.

Mitte der 70er Jahre wird Rupprecht Geiger die Farbe als Element deklarieren und auffordern, sie in die Reihe der Elemente aufzunehmen: „Farbe hat wie Licht Anspruch, in die Reihe der Elemente eingestuft zu werden – Feuer, Wasser, Luft, Farbe, Licht und Erde.“ Sogar die schwarzen Kartonmappen werden übrigens nach einem Entwurf des Künstlers im Siebdruckverfahren bedruckt und erheben somit den Anspruch eines Gesamtkunstwerks.

Die beiden Mappen AER und PYR erscheinen im Verlag der Galerie Stangl. In den ersten Nachkriegsjahren, auf Vorschlag von John Anthony Thwaites treffen sich eine handvoll Künstler: darunter Geiger, Willi Baumeister, Gerhard Fietz und Brigitte Meier-Denninghoff, später kommen dazu Rolf Cavael, Fritz Winter und Willi Hempel. Ab 1948 bietet die neu eröffnete Moderne Galerie Stangl für diese Künstler eine Plattform zum Austausch und gibt entscheidende Impulse bei der Gründung der Künstlergruppe ZEN 49, die die Abstraktion als Sinnbild künstlerischer Freiheit anstrebt.

Ausstellungsansicht auf Grafiken (links) und den Gemälden „382/63 (Rotes Rund)“ (WV 353) von 1963 (Mitte) und „Ohne Titel“ (WV 277) von 1961 (rechts)

Die zwei in Frankfurt ausgestellten Gemälde sind passend zu den Farbwelten Blau und Rot ausgewählt worden, mit denen Rupprecht Geiger Mitte der Sechziger Jahre bevorzugt arbeitet. Im Januar 1965 hat er in der Studiogalerie eine Einzelausstellung, zu der er das Ausstellungsplakat im Siebdruckvberfahren gestaltet. Dieses Plakat sowie die dazu gehörige Edition WVG 67 können auch in der Ausstellung bis Anfang Juli bewundert werden.

Zitierweise: Geiger, Julia / Kissel, Stefanie: Ausstellung „‚Freiraum der Kunst‘ – Die Studiogalerie der Goethe-Universität Frankfurt 1964-68“ [24.04.2018], in: Archiv Geiger Blog LINK (zuletzt aufgerufen am TT.MM.JJJJ).

Ausstellung „Inventur – Art in Germany, 1943-55“ in den Harvard Art Museums in Cambridge, USA

Am Donnerstag, den 8. Februar eröffnete die Ausstellung „Inventur – Art in Germany, 1943-55“ in den Harvard Art Museums in Cambridge, MA. Über fünf Jahre recherchierte die Kuratorin Lynette Roth die Lage der deutschen Künstler und Künstlerinnen, die während des Zweiten Weltkrieges nicht das Land verließen. Im Rahmen ihrer Forschung reiste Roth einige Male nach Deutschland, besuchte Museen, Sammlungen und Nachlässe, um schlussendlich eine Schau mit 160 Werken von 50 verschiedenen künstlerischen Positionen zusammenzustellen.

Die auch innerhalb der Kunstgeschichte Europas wenig beachteten Jahre unmittelbar nach Ende des Zweiten Weltkrieges werden nun erstmalig innerhalb der USA aufgegriffen. Wo sonst meist nur die Arbeiten derjenigen Künstler*Innen ins Licht gestellt wurden, die im Zuge des stärker werdenden Nazi-Regimes und unmittelbar nach Kriegsende in die USA kamen, bekommen nun – teilweise auch in Deutschland – wenig bekannte Positionen eine Plattform.

Roth versucht mit dieser Ausstellung anschaulich darzustellen, dass sich die sogenannte „Stunde Null“ nicht durch einen klaren Cut kennzeichnet, sondern, dass der Übergang ein fließender war, da ein Großteil der verbliebenen Künstler*Innen weiter arbeitete. Deshalb werden im Rahmen dieser Ausstellung die beiden Jahre vor Kriegsende miteinbezogen, um anhand von Positionen aus Malerei, Skulptur, Zeichnung, Fotografie, Grafik und Kunsthandwerk dies zu verbildlichen.

Im Frühjahr 2016 besuchte uns Lynette Roth im Archiv Geiger. Innerhalb interessanter Gespräche und dem Öffnen von Schubladen kristallisierte sich rasch heraus, dass Arbeiten von Rupprecht Geiger Eingang in die Ausstellung finden sollten. Im Laufe des Jahres wurde der Wunsch konkreter bis schließlich feststand, dass insgesamt vier Werke von ihm über den Atlantik reisen sollten, davon drei Leihgaben aus dem Archiv Geiger.

 

Rupprecht Geiger, Kriegstagebuch Russland, 1941, 21 x 31 cm (offen)

Das frühste Werk ist ein Kriegstagebuch von 1942. Geiger selbst hatte während seiner Stationierung in der Nähe von Moskau während des Zweiten Weltkrieges mit seinem – wie er selbst nannte – autodidaktischem Studium der Malerei begonnen. In mehreren Tagebüchern hielt er seine Beobachtungen und Erfahrungen während des Krieges schriftlich fest, ergänzt diese aber stets mit Skizzen. Diese gegenständlichen Zeichnungen stehen im Kontrast zu den vorangehenden Arbeiten, die nach Ende des Krieges entstehen. Wie auch viele Künstler*innen seiner Generation wendet sich Geiger nach seiner Rückkehr aus dem Krieg vom Gegenständlichen ab und hält 1949 fest:

„Die Welt schreit nach Erneuerung oder Untergang. Die Abkehr vom Gegenständlichen, der Ekel vor den Dingen, die auf den Menschen bezogen sind, hat seinen tiefen Grund. Diese Menschheit hat sich zutiefst verdächtig gemacht. Der herrlichste Frauenkörper hat nun den Makel auf dem Leib, die Frucht dieser bösen Sippe zu tragen. Wir müssen bescheiden werden, ganz aus den Anfängen kommen, entsagen, ganz unpathetisch sein und sogar unpersönlich sein. Die Form muß noch einfacher, bescheidener werden und dabei von inbrünstiger Liebe zur Farbmaterie zurück bis zur schüchternen Aussage. Aber mit großer Innigkeit der Empfindung muß es gesagt sein.“

 

Rupprecht Geiger, Ohne Titel, ca. 1947, Gouache auf Papier, 35,5 x 46 cm

Verhältnismäßig unbekannt sind Geigers Zeichnungen aus dieser Zeit; im Rahmen der Ausstellung ist auch die Gouache-Arbeit Ohne Titel von ca. 1947 vor Ort zu sehen. Vor einer desolaten, giftig-grünen Landschaft vor rotbraunem Himmel scheinen sich verschiedenste Formen und Farben auf einer hellbraunen Anhöhe zu zitternden Architekturen zu türmen und fast miteinander zu kommunizieren oder gar zu kämpfen. Zwei Hauptformen stellen sich in den Vordergrund: links eine mauve, muschelartige, fast gemauerte Form, rechts ein grau modellierter Bau mit Türbögen im unteren Bereich. Beide scheinen sie „Bauelemente“ zu verlieren: Fensterformen, Rauch, Türen usw. Fast meint man in den Formen am linken Rand Waffen zu erkennen, die vielleicht Schuld an diesem Verlust sein könnten. Die gesamte Komposition hat einen surrealen Flair, der Betrachter sucht Halt darin die Formen bestimmen zu können, scheitert jedoch in einer definitiven Zuweisung. Was bleibt ist ein leicht beklemmendes Gefühl von düsterem Unbehagen.

 

Rupprecht Geiger, E 52 (WV 28), 1948, Eitempera auf Leinwand, 66 x 77 cm

Ausstellungsansicht von den Arbeiten „E 52“ (1948) und „E 80 (Zwei Rottöne)“ (1949) von Rupprecht Geiger

Zwei Arbeiten aus der 14-teiligen Werkgruppe in unregelmäßigem Bildformat sind auch ausgestellt. Die Leihgabe aus dem Archiv ist das Eitempera-Gemälde E 52 von 1948. Links wächst ein schmales liegendes Rechteck nach rechts hin in ein spitzes Dreieck. Nicht nur formal findet eine Verschmelzung statt, auch farblich. Das Rechteck ist in Kobaltblau-Nuancen – mal heller, mal tiefer – gefasst und dringt kurz in das helle Dreieck hinein bis es mit einer Schräge nach unten abfällt und verschwindet. Das Dreieck selbst ist von oben nach unten von Weiß bis Zart-Hellblau modelliert. Doch die Konfrontation von rechteckiger Farbform und Hellblau wird in einem strahlenden Weiß kenntlich gemacht. Bei genauerem Hinsehen sind neben den strengen, geraden aber auch organischen Linien zu finden: in der oberen Spitze des Dreiecks schweben vier weiße „Wölkchen“ wie schwerelose Wasserstropfen im All nach oben.

Rupprecht Geigers kleine Werkgruppe „shaped canvases“ entstanden 1948-49. Damit wollte Geiger die sonst fast unumgängliche Assoziation eines Fensterblicks bei Leinwänden umgehen um die Abstraktion zusätzlich zu aktivieren. Diese Arbeiten werden aber von ihm als zu experimentell eingestuft und weggepackt. Erst 1976 sollten sie wieder gefunden werden und fehlen seither bei keiner Retrospektive.

Diese Absage an die figurative Kunst Geigers wird in den Werken, die in den Harvard Art Museums ausgestellt sind deutlich, als er sich über surreal verzerrte Landschaften zu neuen Formen bewegt. Die Nachkriegsjahre dienten Geiger als Orientierungssuche, in denen er sich immer mehr der Abstraktion zuwendet, bis er dem Gegenständlichen Ende der 1940er Jahre ganz absagt. Immer aber ist der Farbverlauf, die Modulation, in seinen Werken präsent, dem wichtigsten gestalterischen Prinzip, das ihn auf seinem Weg, das Portrait der Farbe zu schaffen, immer begleiten wird.

Die Ausstellung wird von einem detaillierten und gut recherchierten Katalog begleitet und ist noch bis einschließlich 3. Juni 2018 in den Harvard Art Museums zu besichtigen.

Zitierweise: Straubinger, Franziska: Ausstellung „Inventur – Art in Germany, 1943-55“ in den Harvard Art Museums in Cambridge, USA [20.02.2018], in: Archiv Geiger Blog LINK (zuletzt aufgerufen am TT.MM.JJJJ).

Ausstellung in Wels

Die Kuratorin Angela Stief hat uns einen kleinen Beitrag zukommen lassen worin sie von ihrer Begeisterung für Rupprecht Geigers Kunst schreibt. Wie passend, dass Sie die Ausstellung „Lichtjahre“ im Museum Angerlehner in Thalheim bei Wels kuratiert hat! Dort ist noch bis zum 26. Februar 2017 eine schöne Auswahl an Geigers Werken zu sehen!

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Foto: © Horst Stasny

„Schon seit langem liebe ich das Werk von Rupprecht Geiger! Unabhängig von seinem kunsthistorischen Wert haben mich die intensiven Farben und die klaren Formen seiner Arbeit immer begeistert. Sie sprechen den Betrachter so unmittelbar an! Um Geigers Kunst zu verstehen, braucht man weder Fachwissen noch Erklärungen. Man spürt auch, dass er Kunst um ihrer selbst willen gemacht hat. Ganz im Sinne von: Machen, was man machen muss. Das verstehe ich auch unter authentischer Kunstproduktion und ich finde, dass das die wichtigste Motivation für einen Künstler überhaupt ist. Diese immanente Überzeugungskraft lässt mich ich als Kuratorin wiederum aktiv werden. So stand eine Ausstellung mit Rupprecht Geiger schon lange auf meinem Wunschzettel der imaginären Projekte. Dafür bedarf es eines Museums und eines herausragenden Raumes. Durch die private Initiative von Heinz Josef Angerlehner ist es nun gelungen, in der neu sanierten, ehemaligen Industriehalle in Wels (OÖ), eine umfassende auf rund 1.000 Quadratmetern stattfindende Einzelpräsentation von Rupprecht Geiger in Zusammenarbeit mit dem Archiv Geiger zu realisieren. Die ästhetische Vehemenz dieses einzigartigen Oeuvres kommt an diesem Ort besonders gut zur Geltung!“

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Foto: © Horst Stasny

Vielen Dank, Angela Stief für diesen Beitrag!

Die Familie Geiger: Florian Geiger

Florian Geiger bezeichnet sein künstlerisches Schaffen, programmatisch seinem vielseitigen Lebensentwurf entsprechend, wiederum so: „Weit gefächert der Blick, an jeder Weggabelung offen für neue Richtungen“.[i] Nach seinem Architekturstudium in München und Berlin in der ersten Hälfte der 1960er-Jahre arbeitet er zunächst in verschiedenen Architekturbüros in Berlin und London. Parallel und ergänzend zu dieser Tätigkeit entwickelt er spannende Konzepte zu utopischen Architekturprojekten, die gewissermaßen heutigen architektonischen Problembewältigungen in Megalopolen sowie der Auseinandersetzung mit ökologischen Lösungen vorausgehen. Zum Thema „Häuser mit stürzenden Wasserwänden“ entsteht ein Zyklus frei gezeichneter Entwürfe mit wenig farbigen Akzenten, die als Serigrafien vervielfältigt werden – exemplarisch hierfür steht das Blatt „Ohne Titel“, um 1970. Rechts der mittigen, organischen und naturnahen Zeichnung, die durch graue und leuchtorangene Strahlen betont und dadurch ins Künstlerische überhöht wird, sind weitere Vorstufen der Idee in Seitenansichten und Grundriss zu erkennen – links wiederum wird der zentrale Entwurf in zwei detaillierten Ausführungen konkretisiert, deren Essenz es ist, in der Architektur platzsparend – statt in die Breite in die Höhe – zu planen und grüne Flächen auch an ungeahnten Stellen zu positionieren.

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Florian Geiger, ‚Ohne Titel‘, ca. 1970

Vor dem Neuanfang in Südfrankreich beschäftigt sich Florian bereits mit Segelobjekten aus Papier für den Innen- und aus Stoff für den Außenbereich, die seine spätere Arbeit mit künstlerischen und am Entstehungsort formal sowie den klimatischen Bedingungen stark angepassten Sonnensegeln vorbereiten. Ab 1990 stellt er außerdem in den darauffolgenden 20 Jahren neben Erdziegelbauten Jurten her, die seinem Streben nach einem einfachen, der Natur verhafteten Lebenskonzept folgen. Wiederholt reicht Florian Entwürfe und Modelle bei verschiedenen Wettbewerben für Arbeiten im öffentlichen Raum ein,[ii] so auch für das unrealisierte Projekt an der Universität Augsburg im Jahr 2004, dessen Modell „Fächerdach“ in Murnau zu sehen ist. Dabei nimmt das Material Stoff wieder eine zentrale Rolle ein. Seine Faszination für das Element Wind, deren Ursprung in Kindheitserlebnissen in der Bax liegt, mündet in der von ihm selbst betitelten „Windart“: 2004 platziert er am Fuß von zwei sich treffenden Tälern die Installation „Rafalodrome“; bestehend aus unzähligen Stoffdreiecken, die an parallel laufenden Drahtseilen hängen, vorderseitig blau, rückseitig orange: Diese Stoffecken visualisieren die starken Windwirbel der aus dem Norden wehenden Tramontane, indem sie durch die Windkraft in die Luft emporgehoben werden und ihre orangene Rückseite zeigen.[iii] Des Weiteren setzt Florian seit 15 Jahren Fundstücke zu sogenannten Assemblagen zusammen, ganz der Tradition der aus zahlreichen Materialien zusammengesetzten Masken von Willi in der Bax und den spielerisch dreidimensionalen Collagen im Spätwerk Rupprechts folgend.

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Florian Geiger, ‚Fächerdach – Architekturmodell für die Universität Augsburg‘, 2004

Die vier besprochenen Künstler haben sich nicht nur künstlerisch gegenseitig beeinflusst. Es entstehen sogar gemeinsame Projekte zwischen Rupprecht und seinen Söhnen. So gestaltet Lenz beispielsweise typografisch die sechs von Rupprecht in intensiven Farben entworfenen Plakate der Konzertreihe Musica Viva aus den Jahren 1963/1964 – exemplarisch wird das Plakat zum Konzert am 17. Januar 1964 gezeigt. Florian wiederum entwickelt zusammen mit seinem Vater 1985 für die Retrospektive in Berlin, Düsseldorf und Ludwigshafen eine zeltartige, trichterförmige Rauminstallation aus Stoff, die „Rote Trombe“: Der Ausstellungsbesucher wird aufgefordert, sich darunterzulegen und – ganz von Pink umgeben – zu meditieren. Neben diesen gemeinsamen Projekten birgt Kunst aber auch meist Konfliktpotenzial, das sich in einer Künstlerfamilie auf engstem Raum besonders zuspitzen kann. Trotz unübersehbarer Unterschiede gibt es im Werk der vier ausgestellten Künstler der Familie Geiger, wenn auch teilweise unterschwellig, zahlreiche Berührungspunkte und Querverbindungen. Vielleicht bieten sogar die unterschiedlichen Herangehensweisen und Kunstformen eine Ergänzung zwischen den verschiedenen künstlerischen Positionen der Künstlerfamilie Geiger. Und die Kunstreise geht weiter: Nanda Lavaquerie, die Tochter Florians, widmet einen Teil ihres Lebens der Fotografie …

[i] Florian Geiger in einem Gespräch mit der Verfasserin im Zuge der Vorbereitungen einer Ausstellung im Künstlerhaus Geiger – die Bax, Sommer 2013.

[ii] An der Universität Passau über dem Haupteingang der Mensa steht beispielsweise das Werk „Segel-Seil-Objekt“ von Florian Geiger aus dem Jahr 1988, siehe: Bildwerk Bauwerk Kunstwerk. 30 Jahre Kunst und staatliches Bauen in Bayern, hg. vom Bayerischen Staatsministerium des Innern, Oberste Baubehörde, München 1990, S. 188 f.

[iii] Eine Dokumentation dieser Installation ist im Film „Rafalodrome“ von Florian Geiger aus dem Jahr 2004 zu finden.

 

Dieser Auszug stammt aus dem Ausstellungskatalog zur oben genannten Ausstellung.

Zitierweise: Geiger, Julia: Die Künstlerfamilie Geiger: Eine Kunstreise über Generationen, in: Kat. Ausst. Väter & Söhne. Konfrontation und Gleichklang, Schloßmuseum Murnau 2016, München 2016, S 125f.

Die Familie Geiger: Lenz Geiger

Mit der Kunst und den zwei charismatischen Persönlichkeiten von Großvater und Vater wächst die nächste Generation Geiger heran. Die beiden Söhne Rupprechts wählen, der Familientradition folgend, die Berufe des freischaffenden Künstlers beziehungsweise des Architekten. Ihr Neuanfang in Südfrankreich 1973 und die darauffolgende Konzentration auf biologischen Landbau bilden vielleicht den notwendigen Abstand zum bisherigen Werdegang. Dank ihrer neu gewonnenen Distanz können sie sich Jahre später abermals der Kunst widmen.

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Lenz Geiger, ‚Erdplastik II‘, 1971

Der älteste Sohn, Lenz Geiger absolviert zunächst eine Ausbildung in Typografie und Gebrauchsgrafik und arbeitet anschließend über ein Jahrzehnt als Maler, bevor es ihn ans Mittelmeer zieht. Er findet auch schnell den Zugang zu den Tagesleuchtfarben und es entstehen zahlreiche, teils großformatige Gemälde, bei denen geometrische Formen und starke Farbkontraste dominieren. Bewegungen und deren Richtungen werden durch Diagonalformen ausgedrückt. Insbesondere ein nach unten gedrehtes Dreieck mit einer nach innen oder außen betonten Spitze kommt in seinem Formenvokabular immer wieder vor, sowohl in seinem malerischen, druckgrafischen und zeichnerischen Frühwerk als auch in seinen früheren und späteren plastischen Arbeiten. Bei den in Murnau ausgestellten Werken ist diese geometrische Form in den beiden Kaltnadelradierungen sowie bei der Erdplastik vor dem oben genannten Haus am Chiemsee zu finden, die mit dem Ostgiebel, sozusagen als Spiegelung, korrespondiert. Dieses Arbeiten mit und in der Landschaft fasziniert Lenz Geiger zeitlebens. So widmet er sich nach der Wiederaufnahme der künstlerischen Tätigkeit Anfang der 1990er-Jahre neben seinem malerischen Werk monumentalen Skulpturen im roten Tal des Flusses Salagou, die sich in die Landschaft integrieren und gleichzeitig die landschaftlich vorgegebenen Formen betonen. Bei dem ausgestellten Foto der riesigen Feldstein- und Basaltskulptur verwendet der Künstler vorhandenes Material, um ein Dreieck zu bilden, als Korrespondenz und Spiegelung des sich in der Ferne erhebenden Mont Mars. Auch wenn 30 Jahre dazwischenliegen, so sind die Parallelen zwischen dieser Skulptur und der Erdplastik vor der Bax unübersehbar.

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Lenz Geiger, ‚Skulptur in der Landschaft im Languedoc‘, 2003

In der Malerei verabschiedet sich Lenz immer mehr von dem herkömmlichen zweidimensionalen Bildträger und entwickelt dreidimensionale, großformatige Holzobjekte, die er mit Tagesleuchtfarben bemalt. Im Vergleich zu seinem Vater ist seine Farbpalette breiter gefächert, die Farbe Grün nimmt eine wichtige Rolle ein. Den ständigen Austausch zwischen dem Wahrgenommenen und dessen künstlerischen Umsetzung fasst Lenz wie folgt zusammen: „Das innere Bild führt das Auge auf entsprechende Phänomene in der Außenwelt und drängt zur Sichtbarwerdung durch kreative Arbeit“.[i]

[i] Lenz Geiger in einem Gespräch mit der Verfasserin im Zuge der Vorbereitungen einer Ausstellung im Künstlerhaus Geiger – die Bax, Sommer 2013.

Dieser Auszug stammt aus dem Ausstellungskatalog zur oben genannten Ausstellung.

Zitierweise: Geiger, Julia: Die Künstlerfamilie Geiger: Eine Kunstreise über Generationen, in: Kat. Ausst. Väter & Söhne. Konfrontation und Gleichklang, Schloßmuseum Murnau 2016, München 2016, S 124f.

 

Die Familie Geiger: Willi Geiger

Galerie

Diese Galerie enthält 3 Fotos.

Seit Juli diesen Jahres läuft im Schoßmuseum Murnau die Ausstellung „Väter & Söhne: Konfrontation und Gleichklang“, wo auch drei Generationen der Familie Geiger vertreten sind. In den nächsten vier Wochen werden wir Euch die verschiedenen Familienmitglieder und ihre Kunst vorstellen, damit … Weiterlesen

Künstler am Chiemsee

Die letzten drei Monate wurde unser Team durch unsere Praktikantin Franziska Eiselt bereichert. In dieser Zeit hat sie auch ihre Bachelor-Arbeit verfasst zu einem passenden Thema!

Vielen Dank, für diesen Blog-Eintrag!

 

Als „ChiemSeekind“ wusste ich schon zu Beginn meines Studiums, dass ich für meine Bachelorarbeit ein regionales Thema wählen wollte. Und das war auch sehr schnell gefunden: Julius Exter als Symbolist. Bei meiner Bachelorarbeit konzentrierte ich mich vor allem auf die symbolistische Phase von Julius Exter, die sich in seinem Werk vor allem Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts abzeichnete.

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Künstlerhaus Exter in Übersee am Chiemsee

 

 

 

 

 

 

 

Der Chiemsee und seine einzigartige Landschaft am Rande der Voralpen war seit Mitte des 19. Jahrhunderts ein beliebtes Ziel, vornehmlich für Münchner Künstler, doch ich wählte Julius Exter (1863-1939) als Hauptgegenstand meiner ersten großen Studienarbeit aus.
Die vielen Streifzüge durch das Künstlerhaus in Übersee, dass Exter 1902 erwarb, waren wohl der Auslöser. Der Künstler kaufte das ehemalige Bauernanwesen „Stricker“ und gestaltete Haus und Garten in den folgenden Jahren um, auch um es als Sommermalschule zu nutzen.
Unter anderem kamen eine Veranda, ein Atelier mit hohen Fenstern und eine Galerie hinzu. Der Garten erhielt eine neue Bepflanzung und einen Teich (Schmid Elmar D.: Julius Exter. Aufbruch in die Moderne, München 1998). Noch heute kann man auf einer Gartenbank im Schatten sitzen und die farbenprächtigen Blumen bestaunen. Und auch die insgesamt vier Ateliers im Haus kann man mitsamt den Farbtöpfen und Gemälden durchwandern.
Der Chiemsee, das bäuerliche Leben und die Farbspiele der Sonne inspirierten Julius Exter zu seiner Kunst und durch diese heute die Besucher des Exter-Hauses in Übersee.

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Künstlerhaus Geiger – die „Bax“

 

 

 

 

 

 

 

Doch das Künstlerhaus Exter ist nicht der einzige Ort in Übersee an dem man das Leben und Wirken eines Künstlers auf den Grund gehen und farbenprächtige Werke betrachten kann. In Neuwies / Übersee kann man in regelmäßigen Abständen auch das Künstlerhaus Geiger – die sogenannte „Bax“ – ein ca. vierhundertfünfzig Jahre altes Bauernhaus erkunden. Willi Geiger erwarb dieses 1930 und gestaltete es zusammen mit seinem Sohn Rupprecht um. Seit 2004 finden hier in regelmäßigen Abständen Ausstellungen statt, die das Leben des Künstlers illustrieren und in den Ferienwohnsitz der Familie Einblick geben.
Der Chiemsee hat nicht nur landschaftlich sondern auch kulturell vieles zu bieten; ich als „Seekind“ muss es wissen!

Aktuelle Ausstellungen:

Im Künstlerhaus Exter: Julius Exter (1863-1939) – Licht und Farbe
12. Juni – 11. September 2016 Di-So 17-19 Uhr
11. September: 10-19 Uhr

In der Bax: Willi Geiger und Rupprecht Geiger: Reise in den Süden
17. Juli bis 11. September 2016
Sa./So. 11 – 13 Uhr und 15 – 18 Uhr geöffnet
11.9.2016: Tag des offenen Denkmals, 10 – 17 Uhr

Fotoquelle Exter-Haus

 

Jubiläum

Monika und Rupprecht Geiger mit Edith Wahlandt 1993, Foto: Theresa Froh, Beilstein

Anlässlich ihres 70. Geburtstags Ende Januar präsentiert Edith Wahlandt-Mettler in der Ausstellung „In Erinnerung – Blicke zurück“ eine Auswahl an Werken von bereits verstorbenen Künstlern, die sie in ihrer Galerie-Tätigkeit begleiteten.

Auch mit Rupprecht Geiger verband sie eine enge Zusammenarbeit: bereits 1978 findet die erste Ausstellung „Rupprecht Geiger. Zeichnungen und Gouachen“ in der Galerie, damals noch mit Sitz in Schwäbisch-Gmünd – statt. In regelmäßigen Abständen und mit Publikationen ergänzt, wird das Werk Geigers – von Gemälden zu Serigrafien und Papierarbeiten – in der Stuttgarter Edith Wahlandt Galerie gezeigt. Zuletzt eine Einzelausstellung mit Grafitarbeiten im September 2013.

Auch gab sie 1993 die Lithografie Ohne Titel (WVG 190) im Jahr 1993 heraus, der letzte Steindruck im gesamten druckgrafischen Oeuvre Geigers.

Ohne Titel (WVG 190), 1993, Lithografie/BFK Rives, 195 g, Motiv: 42 x 30 cm

Heute noch, nach dem Tod Geigers, besteht die Verbindung zwischen der Galeristin und dem Archiv Geiger, wenn sich Edith Wahlandt mit durchdachten Präsentationen und seiner regelmäßigen Vertretung auf Kunstmessen für Rupprecht Geigers Werk stark macht.

In ihrer oben erwähnten Jubiläumsausstellung ist vom 7. Februar bis 21. April 2015 von Rupprecht ein Werk aus dem Jahr 1970 zu sehen, welches trotz seiner zarten Farbigkeit kraftvoll wirkt.

595/70 (WV 572), 1970, Acryl auf Holz, 99 x 111 x 6 cm

Das Archiv Geiger gratuliert ihr ganz herzlich zu diesem feierlichen Anlass!

 

 

Impressionen #11: Aufbau in Ulm

Unsere Praktikantin Maria Issinskaya der Universität Augsburg war diese Woche beim Ausstellungsaufbau im Kunstverein Ulm dabei und hat den Ablauf mitverfolgt:

„Ab 30. November ist die Ausstellung „Geist und Materie“ von Rupprecht Geiger im Ulmer Kunstverein zu sehen. Ich hatte die Möglichkeit, beim Aufbau zu assistieren.
Eine Ausstellung vorzubereiten ist immer spannend: wie aus einem leeren Raum mit Holzkisten ein Kunstuniversum geschaffen wird.
Einen Plan mit den auszustellenden Werken hat man dabei, viele Sachen können erst vor Ort entschieden werden.
Womit fängt man an? Welche Höhe ist für die Bilder optimal? Was für ein Hängesystem hat das Werk? Welcher Abstand zwischen den Bildern und dem Fenster ist am geeignetsten? Wie verhalten sich die einzelnen Werke zueinander?

Die ersten Stunden bei einem Ausstellungsaufbau sind die schwierigsten: man sucht nach der bestmöglichen Herangehensweise und fängt mit den größten Bildern an. Man muss die Wände und Bilder messen, damit sich die Bildmitte auf Augenhöhe befindet. Jede Leinwand hat ihre eigenen Maße und soll ihren eigenen Platz im Raum finden.

Gleichzeitig protokolliert man den Bildzustand nach dem Transport, ob sich etwas verändert hat, ob die Bildoberfläche oder der Rahmen verschmutzt wurde oder Ähnliches.
Je mehr man auf die einzelnen Aufgaben konzentriert ist – Messen, Bohren, Aufhängen, Protokollieren, Auspacken, Einpacken – desto beeindruckender ist die Folge nach sechs Stunden: Eine fertige Ausstellung, ein Raum voller Licht und Farbe.“


 

Rupprecht Geiger in Karlsruhe

Letzte Woche war ich bei der Eröffnung der Ausstellung “Weltreise. Kunst aus Deutschland unterwegs. Werke aus dem Kunstbestand des ifa 1949 – heute” im ZKM in Karlsruhe. Das Institut für Auslandbeziehungen (ifa) hat seit seiner Neugründung 1949 ca. 23.000 Kunstwerke von deutschen Künstlern erworben. Seitdem hat das Institut unzählige Ausstellungen im Ausland organisiert, die nicht zuletzt dazu beigetragen haben, ein positives Image von Deutschland zu vermitteln. Die ifa-Sammlung ist facettenreich, da sie von unabhängigen, für die jeweiligen Ausstellungen ausgewählte Kuratoren im Laufe der Jahrzehnte zusammengetragen wurde.

Nun werden 400 Werke der ifa-Sammlung, viele zum ersten Mal, in Deutschland gezeigt. Es ist wirklich eine Meisterleistung der zwei Kuratoren Matthias Flügge und Matthias Winzen eine solche kohärente und klare Präsentation zusammengestellt zu haben. Sie bildet einen Querschnitt durch die deutsche Kunstgeschichte der Nachkriegszeit, angefangen bei Willi Baumeister oder Fritz Winter, bis heute, wie zum Beispiel Werke von Katarina Hinsberg oder Corinna Wasmut. An der Ausstellung ist zugleich spannend, wie zum ersten Mal nicht die Unterschiede zwischen west- und ostdeutscher Kunst hervorgehoben werden, sondern die Parallelität der deutsch-deutschen Kunstproduktion auf beiden Seiten der Mauer. Deren Einklang wird insbesondere bei der Fotografie veranschaulicht.

Auch von Rupprecht Geiger wurden mehrere Zeichnungen 1992 unter der Leitung von Hermann Pollig angekauft und in einer Ausstellungstournee in Westeuropa von 2002 bis 2005 gezeigt. Ein paar davon sind nun in Karlsruhe präsentiert. Die sehenswerte Ausstellung ist noch bis zum Frühjahr 2014 zu bewundern und wandert anschließend noch nach Rußland (Moskau), Südkorea und China.