Rupprecht Geiger Werkübersicht #4: E 75, 1949 (WV 40)

Während Rupprecht Geiger im Jahre 1948 lediglich elf Gemälde anfertigt, nimmt die malerische Produktion in den beiden darauffolgenden Jahren erheblich zu. 1949 entstehen 30 Gemälde und 1950 malt er 24 Arbeiten. Diese deutlich zunehmende Produktivität Geigers spiegelt die finanzielle Lage des Künstlers wider, die sich nach der Währungsreform verbessert. Parallel dazu nimmt er seine Tätigkeit als Architekt wieder auf. Die Werke dieser künstlerischen Phase gewähren dem Betrachter Einblicke in farbige Räume ohne örtlichen Bezug und ohne Perspektive. Wenige vereinzelte, geometrische und organische, teilweise in sich farblich modulierte Formen sind auf subtilen Farbverläufen platziert.

E 75, 1949, Eitempera/Holz, 42 x 70 cm

Das kleinformatige Eitempera-Gemälde E 75 zeigt auf einem dunklen, in blau und schwarz modulierten Grund mehrere geometrische Formen. Diese sind in der unteren Bildhälfte kettenartig horizontal aufgereiht. Durch ihre unterschiedliche, meist helle Farbgebung heben sie sich vom dunklen Hintergrund ab und rufen Assoziationen zu Architektur hervor. Gleichzeitig erwecken die vorwiegend unmodulierten, flachen Formen den Eindruck, in einem undefinierten, leuchtenden Raum zu schweben, ähnlich wie bei den Architekturmaßaufnahmen von 1926 des verlassenen Kapuzinerklosters in Trevi – Geiger begleitet damals als Student der Kunstgewerbeschule in München seinen Professor Eduard Pfeiffer auf einer Studienreise und zeichnet Grund- und Aufrisse auf einem in tiefblauer Farbe getränkten Papier, in Anlehnung an die gesehenen Fresken Giottos im Dom von Assisi.

Rupprecht Geiger und Karl M. Hirschbold, Architektur-Maßaufnahmen vom Convento di Cappuccini in Trevi, 1926, Aquarell/Papier, 41 x 41 cm

In seinem Tagebuch 1939-1949 notiert Geiger neben vorbereitenden Skizzen zu E 75 den Hinweis „die entmaterialisierte Architektur“. Der Bezug zur Architektur ist hier eindeutig, allerdings stellt der Künstler die konventionellen, im Studium erlernten Architekturgesetze in Frage. In E 75 werden die der Architektur spezifischen Eigenschaften – Erdgebundenheit, Materialität, Schwere – aufgehoben: die architektonischen Elemente ruhen nicht auf einem Erdbereich, sondern schweben losgelöst, geradezu schwerelos in einem weiten Raum. Die architektonisch anmutenden Komponenten in den Werken Geigers stehen eindeutig im Zusammenhang mit seinem erlernten Beruf, wie er selbst formuliert:

„Sicher ist dieses Gefühl für das richtige Maßverhältnis, für Proportionen [in der Malerei] durch mein Architekturstudium entwickelt worden“ (Interview mit Maria Wetzel, in: Diplomatischer Kurier, 12.Jg. H.2., 1963, S. 444)

Neben dem Einfluss der strengen Formensprache und der Proportionsgesetze der Architektur spielt die Integration von architektonischen Elementen als Bildmotive im künstlerischen Frühschaffen Geigers ebenfalls eine wichtige Rolle. In den im Krieg entstandenen Werken sowie in den Landschaftsgemälden der ersten Nachkriegsjahre werden oftmals Gebäudedarstellungen bzw. Architekturdetails in seinen Kompositionen eingesetzt. In den Bildern mit irregulären Formaten kommt die Architektur nur in reduzierter Form als Staffage vor. In den darauffolgenden Jahren wird sie stellenweise als bildprägendes Motiv herangezogen. Die zahlreichen, im Laufe seiner Karriere ausgeführten Arbeiten im öffentlichen Raum, sowie die immanente räumliche Wirkung seiner Werke zeugen nicht zuletzt von diesem besonderen Gespür Geigers für das Architektonische. Das hier besprochene Gemälde zeigt gewisse Parallelen zu der im Jahr 1951 entworfenen Fassade über dem Haupteingang des Münchner Hauptbahnhofs. Die Wirkung dieser Arbeit kommt nachts am besten zur Geltung, wenn die Leuchtstoffröhren die einzelnen Aluminiumplatten zum Schweben bringen.

Fassade über dem Haupteingang des Münchner Hauptbahnhofs bei Nacht, 1951

Für das Gemälde E 75 wäre Geiger beinahe der Blevin-Davis-Preis verliehen worden, wenn er zum Zeitpunkt der Preisausschreibung die Altersgrenze von vierzig Jahren nicht überschritten hätte. Für das große „Deutsche Kunst-Ausschreiben“, angeregt von dem amerikanischen Kunstfreund Blevin Davis, wurden 1949 deutsche Maler aus allen Besatzungszonen im Alter von 18 bis 40 Jahren eingeladen, ihre Werke dem Central Art Collecting Point in München einzusenden. Die internationale Jury, die bemüht ist, „das wirkliche, richtungweisende Talent zu finden“ und „die reine echte Aussage des Künstlers und die von ihm beherrschten Mittel zu werten“, muss innerhalb einiger Tage 3649 anonym gehaltene Bilder auswerten. Die Auswahl fällt zunächst auf E 75 von Rupprecht Geiger, das der Kunstkritiker Ludwig Grote hervorhebt. Nach der Zusammenstellung der Preisträgerpersonalien wird allerdings festgestellt, dass der Künstler die Altersgrenzen um ein Paar Wochen überschritten hat. Trotz dem zurückgezogenen Preis fühlt sich Geiger in seiner damaligen malerischen Entwicklung bestätigt.

Sein künstlerisches Programm der Nachkriegsjahre fasst Rupprecht Geiger in folgendem Text zusammen:

„Was will diese neue Kunst? Sie wendet sich weitgehend vom Gegenständlichen ab und erreicht dies durch eine neue Farb- und Formgebung. […] Es ist ein aufregendes Abenteuer, von der Realität Abstand zu nehmen und die Dinge zu verzaubern. […] Hier sind die Möglichkeiten unbegrenzt. […] Da ist vor allem die Farbe. Gewichtig steht sie an erster Stelle. Da ist die Dynamik der Komposition mit der ihr eigenen Spannung, da ist die Formgebung die keine Grenze kennt.“ (Text, in: Ausstellungskatalog Extreme Malerei, Augsburg 1947, o.S.)

Dieser Drang nach dem Neuen teilt er damals mit anderen Künstlerkollegen, die gemeinsam die Künstlergruppe ZEN 49 in den Jahren 1949 bzw. 1950 gründen. Kein gemeinsamer Stil, sondern die Abstraktion als Sinnbild künstlerischer Freiheit wird von der Gruppe angestrebt.

Zitierweise: Geiger, Julia: Werkbeschreibung E 75, 1949 (WV 40) [29.04.2014], in: Archiv Geiger Blog LINK (zuletzt aufgerufen am TT.MM.JJJJ).

Sammlergedanke #6

Das Archiv hat sich sehr über eine erneute Zusendung eines Sammlergedankens gefreut – diesmal von Andrea S. aus München!

„Nachdem wir als ‚Geiger-Fans‘ uns schon lange an einem Bild
zuhause erfreut haben, haben wir uns für die neue Wohnung
noch ein zweites gegönnt! Was für ein Glück!
Jeden Morgen, noch bevor wir die Vorhänge aufziehen, geht
für uns die Sonne auf – und scheint bis spät in die Nacht…
also ein wunderbarer Energiespender für uns!“

Vielen Dank, liebe Andrea S. für diese schönen Worte!

Rupprecht Geiger Werkübersicht #3: E 54, 1948 (WV 30)

Ab 1946 erhält Willi Geiger als Rehabilitation eine Professur an der Münchner Akademie. Da diese völlig zerstört ist, wird ihm ein Atelier in der Heßstraße 27 mit begehrten Malutensilien zur Verfügung gestellt, in dem Rupprecht einmal in der Woche über zwei Jahre hinweg in vollkommener Abgeschiedenheit konzentriert malen darf. Die Materialknappheit zeigt sich in der doppelseitigen Bemalung zahlreicher Bilder von Rupprecht und daran, dass viele Künstler alles heranziehen, was für ihre Kunst in irgendeiner Form Verwendung finden kann. Im Atelier seines Vaters entstehen die ersten abstrakten Bilder von Rupprecht Geiger, darunter die Werkgruppe der vierzehn Gemälde mit irregulären Formaten aus den Jahren 1948 und 1949. Die Suche nach einem zeitgemäßen Stil führt ihn nämlich zu einem in der deutschen Nachkriegsmalerei ungewöhnlichen und einmaligen Experiment mit dem Bildformat.

E 54, 1948 (WV 30), Eitempera/Leinwand, ca. 60 x 50 cm

Das für die Werkgruppe repräsentative Eitempera-Gemälde E 54  hat gerahmt die Maße 62 x 51,5 cm. Das viereckige Bild besteht aus einem unregelmäßigen Format mit unterschiedlich spitzen und stumpfen Winkeln als Resultat der ungleichen Seitenlänge. Es scheint, als hebe sich der Rahmen wie ein verschobenes Rechteck aus der kürzesten unteren Bildkante empor. Die abstrakte Komposition unterstützt diesen Eindruck, indem sie von einer, sich nach oben aufhellenden, grauen Farbmodulation beherrscht wird. Diese verläuft von einem schwarzen Farbton über ein immer heller werdendes Grau hin zu einem gräulichen Weiß. An diesen Farbverlauf grenzt am unteren Bildrand ein Farbstreifen in Orange-, Pink- und Dunkelrottönen, der sich nach rechts verbreitert. Auf seiner linken Seite ruht ein dunkelblaues hochformatiges Rechteck, rechts davon eine weiße, frei schwebende wolkenartige Umrissform.

Das hier besprochene Gemälde wird von Hell-/Dunkel- und Kalt-/Warm-Kontrasten bestimmt. Auftrag und Textur in den jeweiligen Bildzonen bekräftigen den Kontrast zwischen der kalten Blaumodulation und dem unteren Streifen aus warmen Farben. Die dunkelroten Farbpigmente sind sehr pastos aufgetragen und wurden mit Kaffeesatz gemischt, wie mir 2003 Rupprecht erzählte. Kontrastierend malt er die blaue Modulation in regelmäßigen, dünnflüssigen Pinselstrichen, die in ihrer unteren Hälfte zunächst parallel zum Streifen verlaufen, sich dann jedoch mit zunehmendem Verlauf der oberen, von links nach rechts abfallenden Bildkante anpassen. Somit leitet der Farbverlauf beim Betrachten des Werkes das Auge und das Bildformat wird mit der Bildkomposition verbunden. Die rechts nach unten fallende Oberkante antwortet auf den nach rechts leicht steigenden Streifen in der Komposition, was zu einem optischen Ausgleich im Bild führt. Daraus resultiert der Eindruck, dass der Farbverlauf über den Rahmen hinausstrahlt.

Wie bei den frühen, in Russland entstandenen Landschaftsbildern Geigers, ist auch das beschriebene Werk durch eine zweigeteilte horizontale Bildstruktur in Erd- und Himmelszone geprägt. Dieser Eindruck wird durch die haptische Struktur des Streifens und die sich darüber unendlich ausdehnende Modulation verstärkt. Im Sinne einer Landschaftsinterpretation erinnert das Rechteck an eine vereinzelte Staffagearchitektur und die biomorphe Umrissform an eine Wolke. In E 54 greift der Maler also formal auf Gesehenes zurück und unterstützt dies durch die Farbgebung.

Die Werkgruppe der Bilder mit irregulären Formaten ist ein Paradebeispiel für die künstlerische Experimentierfreude Geigers, die sieben Jahrzehnte lang andauern wird. Mit der Abkehr vom Rechteck stellt Geiger die seit der Renaissance gültige Fenstervorstellung Albertis in Frage. Durch das irreguläre Format versucht er, die Assoziation eines Landschaftsausblickes zu umgehen, um dadurch die Abstraktion zu steigern, was ihm nur teilweise gelingt:

„Das Naturalistische wurde mir unsympathisch; deshalb habe ich den Rahmen provoziert, damit man nicht eine durchs Fenster gesehene abstrakte Landschaft assoziiert.! (In einem Interview mit Wolfger Pöhlmann, 1985)

Rückseite von E 20, 1948 (WV 21), Eitempera/Holz, 120 x 34 cm

Mit der Werkgruppe verzichtet Geiger auf assoziative Titel und führt eine fortlaufende, aufsteigende Bildnummerierung seiner Werke ein, die bei einer reinen Betrachtung der Formen und Farben nicht ablenkend wirkt – aus dem gleichen Grund beginnt er auch seine Werke auf der Rückseite zu signieren. Das an den Bildnummern hinzugefügte Kürzel „E“ steht für Eitempera, eine Technik, die er bis Mitte der fünfziger Jahre anwendet.

Das Experiment mit dem Bildformat empfindet Geiger als zu gewagt, um es publik zu machen. Sogar engen Freunden wie John Anthony Thwaites, werden diese nicht gezeigt. An ihrem Entstehungsort wird die in Vergessenheit geratene Werkgruppe bis zum Tod von Willi Geiger 1971 aufbewahrt. Rupprecht entdeckt sie 1976 nach seiner Rückkehr aus Düsseldorf wieder, wo er eine zehnjährige Professur für Malerei innehatte, und erkennt die Bedeutung dieser Arbeiten. 1977 werden schließlich fünf dieser Gemälde in Bottrop zum ersten Mal ausgestellt und seitdem fehlen sie auf keiner seiner Retrospektiven.

Da sich die amerikanischen Künstler mit der Thematik der shaped canvas erst Mitte der sechziger Jahre auseinandersetzen, wird Rupprecht Geiger die Rolle eines Pioniers auf diesem Gebiet in der Kunstgeschichte zugeteilt. Noch wichtiger ist aber für die künstlerische Entwicklung Geigers die formale und farbliche Reduzierung, die mit der Werkgruppe einhergeht. Durch die Übertragung der Form auf den Bildrand, sah er die Möglichkeit, die Anzahl der Formen zugunsten der Farbe in der Komposition zu verringern. Die Farbe mit ihrer Ausdruckskraft und Entfaltungsmöglichkeiten wird dadurch bereits zu diesem frühen Zeitpunkt zum zentralen Thema des Gesamtoeuvres Rupprecht Geigers.

Zitierweise: Geiger, Julia: Werkbeschreibung E 54, 1948 (WV 30) [01.04.2014], in: Archiv Geiger Blog LINK (zuletzt aufgerufen am TT.MM.JJJJ).