Impressionen #11: Aufbau in Ulm

Unsere Praktikantin Maria Issinskaya der Universität Augsburg war diese Woche beim Ausstellungsaufbau im Kunstverein Ulm dabei und hat den Ablauf mitverfolgt:

„Ab 30. November ist die Ausstellung „Geist und Materie“ von Rupprecht Geiger im Ulmer Kunstverein zu sehen. Ich hatte die Möglichkeit, beim Aufbau zu assistieren.
Eine Ausstellung vorzubereiten ist immer spannend: wie aus einem leeren Raum mit Holzkisten ein Kunstuniversum geschaffen wird.
Einen Plan mit den auszustellenden Werken hat man dabei, viele Sachen können erst vor Ort entschieden werden.
Womit fängt man an? Welche Höhe ist für die Bilder optimal? Was für ein Hängesystem hat das Werk? Welcher Abstand zwischen den Bildern und dem Fenster ist am geeignetsten? Wie verhalten sich die einzelnen Werke zueinander?

Die ersten Stunden bei einem Ausstellungsaufbau sind die schwierigsten: man sucht nach der bestmöglichen Herangehensweise und fängt mit den größten Bildern an. Man muss die Wände und Bilder messen, damit sich die Bildmitte auf Augenhöhe befindet. Jede Leinwand hat ihre eigenen Maße und soll ihren eigenen Platz im Raum finden.

Gleichzeitig protokolliert man den Bildzustand nach dem Transport, ob sich etwas verändert hat, ob die Bildoberfläche oder der Rahmen verschmutzt wurde oder Ähnliches.
Je mehr man auf die einzelnen Aufgaben konzentriert ist – Messen, Bohren, Aufhängen, Protokollieren, Auspacken, Einpacken – desto beeindruckender ist die Folge nach sechs Stunden: Eine fertige Ausstellung, ein Raum voller Licht und Farbe.“


 

Rupprecht Geiger Werkübersicht #11: 725/78 (Farbraum, Geist und Materie) (WV 693), 1978

Die Werkbeschreibung für den November hat dieses Mal die junge Kunsthistorikerin Sarah Massumi aus München verfasst. Ein herzliches Dankeschön ist an dieser Stelle angebracht!
Damit verlassen wir die Düsseldorfer Jahre, Rupprecht Geiger kehrt 1976 nach München zurück, wo er bis zu seinem Lebensende 2009 schaffen wird.

1978 wird Rupprecht Geigers künstlerisches Lebenswerk erstmals mit einer umfassenden Retrospektive in der Städtischen Galerie im Lenbachhaus gewürdigt. Dass diese Schau jedoch keinesfalls mit einem Schlusspunkt in seiner künstlerischen Entwicklung gleichzusetzen ist, belegt die Tatsache, dass er im selben Jahr die Arbeit an einem neuen Werkkomplex beginnt, der sich deutlich von den Arbeiten der vorhergehenden Jahre unterscheiden wird – und dennoch in einem Zusammenhang mit seinem früheren Schaffen steht.

725/78 (Farbraum, Geist und Materie) (WV 693), Acryl auf Leinwand, 285 x 200 cm

Den Auftakt zu dieser neuen Serie bildet das Werk 725/78 (Farbraum, Geist und Materie). Das 285 cm hohe Gemälde besteht aus zwei farblich deutlich voneinander abgesetzten Rechtecken unterschiedlichen Formats.
Das warme, leuchtende Feuerwehr-Rot des oberen, 200 cm breiten Bildrechtecks tritt dem Betrachter optisch entgegen. Es wird jedoch zurückgehalten von einem hellen, rosa-weißen Streifen, der den unteren Bildrand überschneidet und den oberen Bildrand einer weiteren, deutlich kleineren Leinwand bildet. Dieses zweite, untere Bildrechteck wird bis zur Mitte von einem kräftigen, jedoch kühlen Pink-Rot eingenommen, das ab der Hälfte nach oben graduell in ein reines Weiß ausläuft. Beide Bildteile wirken auf den ersten Blick quadratisch, sind aber leicht breiter als hoch.

Die Liste der bildimmanenten Gegensätze wird von dem Nebeneinander des kühlen Leuchtpinks und des warme Leuchtrots angeführt. Dieses oft wiederholte Prinzip soll, so Rupprecht Geiger, einer möglichen „Spannungslosigkeit“ zwischen zwei gleichwertigen Farben entgegenwirken und dezidiert „die Harmonie provozieren: (…) Zwei in ihrem Charakter grundverschiedene Farben, ein kaltes Rot einem warmen Rot-Orange gegenübergestellt, erzeugt Disharmonie im Kalt-Warm-Kontrast. An der Grenzlinie entsteht Bewegung und Unruhe. (…) Hier ist die Harmonie des G e g e n s a t z e s wirksam, die Farben stehen in erregender Spannung zueinander und schockieren.“ (Rupprecht Geiger: Farbe ist Element, Düsseldorf 1975, o.S.)

In formaler Hinsicht tritt zu der Verwendung einer einheitlich monochromen Fläche neben einer zweifarbigen Modulation der frappierende Größenunterschied der Bildteile hinzu. Mit der Kombination zweier (oder mehrerer) farblich verschiedener Rechtecke, teilweise mit Kreisen kombiniert, ungleichen Formats schlägt der Künstler, dessen Formrepertoire während der zehn vorhergehenden Düsseldorfer Jahre vor allem von dem „gedrückten Kreis“ bzw. dem Oval dominiert worden war, einen vollkommen neuen Weg ein. Das Abweichen von der einfachen runden oder viereckigen Grundform kann jedoch nicht ohne Blick auf die 1948/49 entstandene Werkgruppe gesehen werden, bei der Geiger schon einmal mit unregelmäßig geformten Bildformaten experimentiert hatte. Über zwei Jahrzehnte aufbewahrt im Atelier seines Vaters, entdeckt Geiger diese Anfang der siebziger Jahre wieder und stellt sie 1977 schließlich erstmals aus.

Das bei dem Gemälde 725/78 hier angewandte gestalterische Prinzip zieht sich in den folgenden Jahren durch eine ganze Serie von Arbeiten; neben anderen Anordnungen stellt der Künstler immer wieder ein großes, schweres Rechteck auf eine schmale, mal mehr, mal weniger stützende Basis. Dabei scheut Geiger auch nicht vor der (temporären) Kombination bereits einzeln existierender Bilder zu einem neuen Werk zurück: so setzt er 1988 für die Münchner Ausstellung die aus dem selben Jahr stammende Leinwand 782/88 (WV 762) mit einem 1982 entstandenen, titellosen Gemälde (WV 708) zu dem Werk 782/88 (Kaltrot/Warmrot) (WV 761) zusammen.

Wirft man einen Blick auf andere monumentale Gemälde Geigers aus dieser Zeit, so fällt auf, dass diese oft – wie im vorliegenden Werk – als „Farbräume“ oder als „Farbwege“ betitelt werden. Angesichts der Tatsache, dass der Künstler Bildtitel bisweilen als „Gebrauchsanweisung“ für die Begegnung mit seinen Bildern verstand, ist ein Blick auf Geigers intensive Auseinandersetzung mit der Raumbezogenheit von Farbe unerlässlich. Diese kulminiert 1975 mit dem für die Ausstellung im Museum Folkwang in Essen gebauten Farbraum Unisono. Bereits seit 1951 hatte er immer wieder Aufträge für Kunst am Bau-Projekte durchgeführt, nun aber konstruiert der ehemalige Architekt erstmals einen Bau dezidiert um der Farbe willen. Der fünfeinhalb Meter hohe zylindrische Raum mit einem Durchmesser von drei Metern ist innen Leuchtrot gestrichen und soll dem Betrachter das „Element Rot als Farberlebnis“ ermöglichen. Dabei betont Geiger die Rolle des visuellen „Durchwandern[s]“ eines Bildes mit dem Blick und die damit einhergehende Meditation beim Betrachten von Farbe: „Langsam kommt die Wirksamkeit des mich umfassenden Rotraumes über mich, ich spüre wie sich potentielle Rotlichtstrahlen auf mich übertragen, ich werde stimuliert. Element Rot offenbart sich mir in eindeutiger Weise, ich habe Farbe gesehen“ (WV 2007, S. 115)

Dieses Zusammenspiel von Raum und Wirkung bietet einen Ansatz zu einer möglichen Interpretation des letzten, von Geiger im Titel genannten Gegensatzpaares: dem von Geist und Materie. Denn erst die vollendete, technische Beherrschung der Materie, der Anordnung von Formen im Raum, kann das immaterielle Wesen der Farbe erfahrbar machen, deren ureigene Funktion, so der Künstler, in ihrem Wirken auf den menschlichen Geist besteht (Rupprecht Geiger: Farbe ist Element, Düsseldorf 1975, o.S.). Die gegenseitige Bedingung beider Komponenten ist dabei evident.

727/78 (Farbraum, Geist und Materie) (WV 695), Acryl auf Leinwand, 191 x 193,5 cm

Die anhaltende Beschäftigung Rupprecht Geigers mit diesem Thema belegt nicht nur ein Gemälde gleichen Titels aus dem selben Jahr (WV 695), sondern auch eine Reihe von Arbeiten, die ein Vierteljahrhundert später entstehen wird. In der Werkgruppe Geist und Materie aus dem Jahr 2003/2004 kehrt der Künstler zu der Kombination von ungleich geformten Farbflächen zurück. Die dabei entstandenen Bildformate gehen jedoch über einfache kubische oder gerundete Formen hinaus; zudem wird der Aspekt der Materie durch das Einbeziehen der unbehandelten, grauen Leinwand erweitert.

Die Gelegenheit, eine Auswahl dieser jüngeren Werke zu sehen, bietet Ihnen ab dem 30. November 2014 die Ausstellung „Rupprecht Geiger. Geist und Materie“ im Ulmer Kunstverein, die auch Druckgrafik und Multiples aus dieser Schaffenszeit umfasst.

Zitierweise: Massumi, Sarah: Werkbeschreibung 725/78 (Farbraum, Geist und Materie), 1978 (WV 693) [27.11.2014], in: Archiv Geiger Blog LINK (zuletzt aufgerufen am TT.MM.JJJJ).

 

 

Sammlergedanken #8

Copyright: Kurt Rodahl Hoppe

Rupprecht Geiger
von Asger Schnack

1972: Ein Lyrikband, Jeg drømmer om langvarig sol [“Ich träume von Langzeitsonne”] war vom Verlag Borgen zur Veröffentlichung angenommen, und der Verleger Jarl Borgen kam aus Deutschland zurück, wo er ein großes Gemälde eines Künstlers namens Rupprecht Geiger gesehen hatte. Jarl Borgen schlug vor, Rupprecht Geiger zu fragen, ob er den Umschlag entwerfen wolle. Jarl Borgen schrieb Rupprecht Geiger einen Brief, in dem er den Lyrikband als Kunst um der Kunst willen beschrieb, und Rupprecht Geiger antwortete, dass er gern den Umschlag machen wolle. Kurz darauf erhielt der Verlag eine Schablone für einen Siebdruck, eine Farbenprobe (fluoreszierendes Gelb), sowie Angaben über Textplatzierung und Schriftschnitt. Alles sehr genau erklärt. Es wurde der schönste Buchumschlag, den ich jemals gesehen hatte, eine Ermunterung meines Lebens. Dort, damals und noch heute.

1999/2000: Ich fuhr mit meiner Frau nach München, um im öffentlichen Raum Geiger-Werke zu sehen und im Lenbachhaus. Wieder daheim schrieb ich Rejsen til Geiger [“Die Reise zu Geiger”] – eine Art Künstlermonographie in Gedichtform. Etwa eine Woche vor Rupprecht Geigers Geburtstag 2000 fragte ich meinen Freund Herbert Zeichner, ob er das Gedicht ins Deutsche übersetzen wolle. Er sagte Ja und saß während einiger hektischer Werktage vor meinem Computer und unterbrach hin und wieder meinen Redeschwall mit dem Wort “Stilleleg” [ein Wort aus dem dänischen Kindergartenalltag, wo man “still spielt”. A.d.Ü.], wenn er einmal nachdenken musste. Meine Idee für dieses Buch war, Leben und Werk simultan zu beschreiben anhand von Beispielen mit vielen kleinen Werkgedichten in Form einer Ekphrasis. Wir schickten Rupprecht Geiger rechtzeitig zu seinem 92-jährigen Geburtstag die Übersetzung zu. Als ich später im selben Jahr den Verlag Bebop gründete, veröffentlichte ich Rejsen til Geiger in einer zweisprachigen Ausgabe – mit Umschlag von Rupprecht Geiger. Wir schrieben ihm einen Brief und fragten, ob er das machen würde, und genau wie 1972 schickte er Material, sodass wir den Umschlag als Siebdruck (mit fluoreszierenden Farben) drucken konnten. In dieser Weise hat Rupprecht Geiger in einem Intervall von 28 Jahren die Umschläge gemacht für zwei meiner Gedichtbände.

2001: Ich fragte Rupprecht Geiger, ob es möglich wäre, in meinem Verlag Bebop eine Auswahl seiner Texte zur Farbentheorie zu veröffentlichen. Das sei kein Problem, nur erbat er sich zwei Belegexemplare des Buches. Ich nahm die Auswahl vor, und Herbert Zeichner übersetzte ins Dänische. Als Titel wählten wir Farve er motivet [“Farbe ist das Motiv”], und das Buch erschien am selben Tag wie Yves Klein: Hinsides kunstens problematik [“Jenseits der Problematik der Kunst”].

2003: Zum 95-jährigen Geburtstag Rupprecht Geigers besorgte die neueröffnete Storms Galerie in Düsseldorf eine Ausstellung mit Werken des Künstlers, der – wie aus der Einladung hervorging – bei der Vernissage selbst anwesend sein würde. Ich dachte, das wäre die Chance für eine Begegnung mit Rupprecht Geiger, um ihm einmal im Leben die Hand zu reichen. Ich kaufte ein Bahnticket, hin und zurück, und schmierte mir Stullen als Reiseproviant. Ich war seit meiner letzten Reise im Besitz eines 100 Euro-Scheins. Dermaßen ausgestattet machte ich mich auf die Reise. Als ich in der Galerie ankam, konnte ich der Eröffnungsrede entnehmen, dass Rupprecht Geiger sich leider in München aufhielt (er brauchte Ruhe nach den Geburtstagsfestlichkeiten), aus der Begrüßung wurde also nichts. Stattdessen gab es mehrere Inkarnationen in Form von Kindern und Enkelkindern, die ihm alle ähnlich sahen. Der Katalog (oder richtiger: ein Werkverzeichnis, das anlässlich des Geburtstages gerade erschienen war) kostete 95 Euro; ich kaufte es. Ein großes Gemälde warf aus dem Fenster rotes Licht in den Regen hinaus auf den Parkplatz vor der Galerie. Für die verbliebenen fünf Euro kaufte ich mir im Bahnhof zwei Würstchen mit Senf, bevor der Zug zurück nach Kopenhagen abfuhr. Daheim angekommen schrieb ich den Artikel “Farven rød” [Die Farbe rot], der in der Tageszeitung Information am 27. Februar 2003 abgedruckt wurde.

2008: Mein Neffe und ich nahmen ein frühes Morgenflugzeug nach München, eilten ins Lenbachhaus und sahen die 100-Jahres Ausstellung, weiter zur Walter Storms Galerie, anschließend Treffen mit Wolfgang Wassermann (Kauf von Siebdrucken), zurück zu Walter Storms (mein Neffe kaufte einen Siebdruck), wieder ins Lenbachhaus (Erwerb von Büchern und Plakaten), in der Stadt essen, zurück nach Hause mit dem späten Abendflugzeug. So viele Geiger-Bilder in so kurzer Zeit – großartige Augenblicke. Ach, Sonne, ach, Licht!

2014: Ich veröffentlichte – acht Jahre nachdem die Idee konzipiert war – das Gedicht Kick A. Min Kunsthistorie [“Kick A. Meine Kunstgeschichte”]. Das Buch enthält drei Abschnitte: “Die drei Großen: Cézanne / Kandinsky / Kirkeby”, “Die zwei Großen: Arp / Picabia” und “Licht und Gedanke: Klein / Geiger / Flavin”.

Außer den erwähnten Texten habe ich verstreut in meinen Gedichten Gedichte über Rupprecht Geiger oder über einzelne Gemälde von Geiger veröffentlicht.

Ein paar Worte über Rupprecht Geiger:
Rupprecht Geigers Werke üben eine heilende Wirkung auf das Seelenleben aus.
Rupprecht Geiger ist seit 1972 für all mein Tun und Handeln ein Hebel gewesen.
Rupprecht Geigers Werke “Morgen Rot” und “Abend Rot” sind das ultimative Werk.

(Aus dem Dänischen übersetzt von Johannes Feil Sohlman)

 

Vielen Dank, Asger Schnack, für diese schöne Reise zu Ihren Erlebnisse mit der Kunst Geigers!