Rupprecht Geiger Werkübersicht #13: 787/88 (Großes Rollenbild) (WV 768), 1988

Die heutige Werkbeschreibung liefert uns unsere Mitarbeiterin Sandra Westermayer, die die  kunsthistorischen Führungen im Archiv Geiger hält. Ein herzliches Dankeschön an dieser Stelle!

787/88 (Großes Rollenbild) (WV 768), 1988 Acryl auf Leinwand, 368 x 227 x 26,5 cm; Foto: Philipp Schönborn, München

Mit diesem Rollenbild betrachten wir ein Gemälde aus einer ganz speziellen Werkgruppe im Oeuvre von Rupprecht Geiger, die in dem kurzen Zeitraum von 1988-1991, geschaffen wurde: die nach unten frei hängenden Gemälde.
Hierzu zählen die Rollenbilder und ein paar weitere, konzeptionell ganz nah angesetzte, so genannte ‚offene Leinwände‘, d.h., es existiert kein Keilrahmen, auf den die Leinwand aufgezogen ist. Die jeweilige Hängevorrichtung ist unterschiedlich, von an der Leinwand angebrachten Holzleisten oder Ringösen bis überhaupt nicht vorhanden – hier befestigt man die Leinwand direkt mit feinen Nägeln an der Wand (vgl. Rollenbild d (Strong rot) (WV 795), um 1990) –, getreu dem Motto „Eine Farbe allein muss dem Wunsch nach Form Genüge tun können.“ (aus: Geiger, Rupprecht: Antworten, in: Kat. Ausst. Kunstverein Braunschweig 1989, S. 27).

Rollenbild d (Strong rot) (WV 795), um 1990, Acryl auf Leinwand, 322 x 61 cm; Foto: Philipp Schönborn, München

Das ‚Große Rollenbild‘ (WV 768) ist das erste von insgesamt sechs entstandenen Rollenbildern. Ihnen allen gemein ist die Tatsache, dass Rupprecht Geiger eine, in einem Farbton verbliebene, Farbmodulation, Tagesleuchtpigmente in Acryl gebunden, auf weiß grundierte Leinwand setzt. Die Leinwände können, müssen aber nicht beidseitig farbig gefasst sein. In dem besprochenen Werk ist die Leinwand nur einseitig farbig gestaltet und weist die Maße 368 x 227 x 26,5 cm auf, sie ist an einer stabilen Rolle befestigt. Der Farbverlauf steigert sich von einem hellen, durchscheinend wirkenden Pink auf der auslaufenden Leinwand bis hin zu einem stark verdichteten, dunklerem Pink nahe, auf und um die Rolle.

Rupprecht Geiger fertigt die Rollenbilder auf der Empore des Hauptraums seines Ateliers, die Leinwand hängt über die Brüstung und wird Stück für Stück über diese nach unten geschoben – nur so ist es möglich, bis 7 Meter lange Werke zu realisieren (vgl. WV 796, Rollenbild, 1990). Er setzt die Farbe durch Tupfen des Pinsels – in Bahnen von links nach rechts – auf den Bild- bzw. den Farbträger und wird nach und nach dunkler im Farbton. Durch die Technik des Tupfens hat man bei nahem Betrachten der Leinwand den Eindruck als ’sehe man fast rissige Erde‘ (aus: Mack, Gerhard: Farbe als Gegenwelt. Ein Blick auf Rupprecht Geigers späte Malerei, in: Kat. Ausst. St. Petersburg 1994, S. 130). Man glaubt beinahe, einzelne Pigmentkörner zu sehen, die der Leuchtfarbe eine grobe Materialität verleihen. Diese Materialität ist es, die dem Auge ein Flimmern vorspielt und den Eindrckt weckt, die Farbe sei in Bewegung. Betrachtet man das helle Pink am Auslaufen der Leinwand, zieht die immer dunkler und satter werdende Farbe den Blick stetig weiter und fordert das Eintauchen in immer massiger werdende Gefilde Richtung Rolle. Bei der Rolle angekommen, vermittelt einem diese, dass das Dunkler- und Satterwerden des Farbtons niemals ein Ende hat und bis in die Unendlichkeit fortgeführt wird. Dies ist natürlich nur eine Illusion, aber eine geschickt hervorgerufene… Ist die Leinwand, wie anfangs erwähnt, beidseitig farbig gefasst, verstärkt sich der Eindruck um einiges, da die Wand, an dem das Werk angebracht ist, die Farbe zudem reflektiert und auf diese Weise das Werk gänzlich und rundherum in seiner Farbigkeit er-’scheint‘.
Auch ein anderer Aspekt dieser Rollenbilder ist nicht zu unterschätzen: Rupprecht Geiger hat mit der Schaffung dieser ganz eigenen Werkgruppe ganz geschickt das Problem der Lagerung sowie des Transports gelöst. Da er im Laufe seiner Schaffenszeit immer monumentaler in seinen Werken geworden ist und hier an die Grenzen des Möglichen gegangen ist, hat er sich kurzerhand eine sehr kreative Lösung, ganz im Dienste seiner Idee der ‚befreiten Farbe‘, einfallen lassen, um noch größere Farbflächen schaffen zu können. Man kann diese Rollenbilder tatsächlich ‚aufrollen‘, so nehmen sie die Breite der Rolle sowie etwas mehr als deren Durchmesser an Raum ein, um gelagert bzw. transportiert zu werden. Auch bricht hier wieder einmal, wie so oft zu beobachten, der dreidimensional denkende Architekt in Geiger durch. Die Rollenbilder – ein wahrer Geniestreich!

Zitierweise: Westermayer, Sandra: Werkbeschreibung 787/88 (Großes Rollenbild) (WV 768) [30.01.2015], in: Archiv Geiger Blog LINK (zuletzt aufgerufen am TT.MM.JJJJ)

Jubiläum

Monika und Rupprecht Geiger mit Edith Wahlandt 1993, Foto: Theresa Froh, Beilstein

Anlässlich ihres 70. Geburtstags Ende Januar präsentiert Edith Wahlandt-Mettler in der Ausstellung „In Erinnerung – Blicke zurück“ eine Auswahl an Werken von bereits verstorbenen Künstlern, die sie in ihrer Galerie-Tätigkeit begleiteten.

Auch mit Rupprecht Geiger verband sie eine enge Zusammenarbeit: bereits 1978 findet die erste Ausstellung „Rupprecht Geiger. Zeichnungen und Gouachen“ in der Galerie, damals noch mit Sitz in Schwäbisch-Gmünd – statt. In regelmäßigen Abständen und mit Publikationen ergänzt, wird das Werk Geigers – von Gemälden zu Serigrafien und Papierarbeiten – in der Stuttgarter Edith Wahlandt Galerie gezeigt. Zuletzt eine Einzelausstellung mit Grafitarbeiten im September 2013.

Auch gab sie 1993 die Lithografie Ohne Titel (WVG 190) im Jahr 1993 heraus, der letzte Steindruck im gesamten druckgrafischen Oeuvre Geigers.

Ohne Titel (WVG 190), 1993, Lithografie/BFK Rives, 195 g, Motiv: 42 x 30 cm

Heute noch, nach dem Tod Geigers, besteht die Verbindung zwischen der Galeristin und dem Archiv Geiger, wenn sich Edith Wahlandt mit durchdachten Präsentationen und seiner regelmäßigen Vertretung auf Kunstmessen für Rupprecht Geigers Werk stark macht.

In ihrer oben erwähnten Jubiläumsausstellung ist vom 7. Februar bis 21. April 2015 von Rupprecht ein Werk aus dem Jahr 1970 zu sehen, welches trotz seiner zarten Farbigkeit kraftvoll wirkt.

595/70 (WV 572), 1970, Acryl auf Holz, 99 x 111 x 6 cm

Das Archiv Geiger gratuliert ihr ganz herzlich zu diesem feierlichen Anlass!

 

 

Praktikumsausschreibung März – Juni 2015

Von Mitte März bis Mitte Juni 2015 sucht das Archiv Geiger Team eine/n Praktikantin/en für ca. 10 h/Woche (flexibel einteilbar).

Aufgabenbereich:
Während des Praktikums werden Sie neben allgemeinen Verwaltungstätigkeiten, u.a. auch bei Archivierungsarbeiten mithelfen, sowie das Team am Internationalen Museumstag am 17.05.2015 unterstützen. Zudem bekommen Sie einen Einblick in  die Abwicklungen im Ausstellungswesen. Ein Praktikum im Archiv Geiger bietet eine Chance mit Originalen – Kunstwerke und Quellen – zu arbeiten.

Anforderungen:
Sie studieren Kunstgeschichte im 4. Semester (oder höher) und hatten bereits die Gelegenheit dazu, Erfahrungen im Rahmen von Praktika zu sammeln. Wenn Sie dazu noch offen, teamfähig und flexibel sind, dann schicken Sie Ihre Bewerbung (Anschreiben und Lebenslauf) bei Interesse an:

Franziska Straubinger
f.straubinger@archiv-geiger.de
Bewerbungsschluss ist der 23. Februar 2015.

Farbe denken

Foto: Eugen Gomringer mit Rupprecht und Monika Geiger in der Galerie Edith Wahlandt, Schwäbisch Gmünd 1983

Anlässlich Eugen Gomringers 90. Geburtstag am heutigen Tag möchte das Archiv Geiger auf die Beziehung Gomringer-Geiger aufmerksam machen. Eugen Gomringer und Rupprecht Geiger waren befreundet und haben die Arbeit des jeweils anderen sehr geschätzt. Gomringer hielt nicht nur die Laudatio zum 100. Geburtstag von Rupprecht Geiger, sondern es kam auch zu einer Zusammenarbeit, bei der Gomringer mehrere Texte u. a. zu Geiger-Sammelmappen schrieb.

Hier ein paar Auszüge aus der Mappe Rupprecht Geiger (WVG 171) aus dem Jahr 1983, die aus einer Lithografie, einem Siebdruck und einer Collage besteht. Eugen Gomringer nähert sich mit poetischen Worten den Werken:

 

Aus Mappe Rupprecht Geiger (WVG 171/1), 1983, Lithografie/BFK Rives, 250 g, 37,5 x 51 cm

 „wer hat angst vor schwärze? wer hätte schwärze nicht und fürchtete sich ihrer trotzdem (auch nicht)! überzeugt: am anfang war alles schwarz. zuvor allerdings war grau (übereinstimmend mit paul klee’s chaos). (…) und doch betrügt schwarz mehr als jede andere farbe. denn es gibt gar kein schwarz. schwarz ist immer nur das gegenteil von. (…) am anfang war wirklich das schwarze meer. zuvor allerdings das graue meer und die graue stadt am grauen meer und in der ferne ein lichtstreif. rupprecht geiger hat den wohl als erster gesehen. und er war waagrecht und siehe: es war ein ein guter streifen. erkenntnis schreibt sich weiss auf schwarz.“

 

Aus Mappe Rupprecht Geiger (WVG 171/2), 1983, Serigrafie/Bristolkarton, 400 g, 37,5 x 51 cm

„rot ist auf alle fälle nicht blau. aber rot ist der eingang zu schwarz. Erkenntnis schreibt sich weiss auf schwarz, doch der name der erkenntnis ist rot. (…) das sieht rupprecht geiger richtig: man muss rot differenzieren, mehr als jede andere farbe. rot ist in sich gegensätzlich. (…) rein und rot wie wein und brot. denken wir doch einmal an die mysterien: indem der mensch sich nach katharsis sehnt, ergreift er, was sich ihm als sühnopfer stellvertretend für sein eigenes beflecktes leben anbietet. ohne rot undenkbar. ganz oben wird schon gelb vermutet.“

 

Aus Mappe Rupprecht Geiger (WVG 171/3), 1983, Serigrafie+Collage/Bristolkarton, 400 g, 37,5 x 51 cm

“es gibt auch blaue geheimnisse in der welt. (…) am grund ist alle bläue schwarz. und doch betrügt schwarz mehr als jede andere farbe. blau indessen lässt sich nicht betrügen. Es enthält schwarz. blau kommt nie aus blau heraus. orange liegt fern. gewiss, es gibt auch das blaueste blau. doch ist am schluss wieder alles einfach blau. blau wird zurückgelassen, bleibt aber unvergessen. blau:all-ein-sein.“

 

Eugen Gomringer fertigte auch einen visuellen Text für die Mappe Rupprecht Geiger – Metapher Zahl (WVG 175) an, die 1985-1989 entstand.

Eugen Gomringer, Visueller Text zur Metapher Zahl 8 (WVG 175/8), 1988

 

Das Archiv Geiger beglückwünscht Eugen Gomringer ganz herzlich zu seinem Geburtstag!

Rupprecht Geiger Werkübersicht #12: 766a-k/84 (Metapherzahlen 0-9) (WV 739-749), 1984

Anfang der achtziger Jahre sticht eine Reihe an Werken thematisch im Oeuvre von Rupprecht Geiger heraus. Sowohl in der Malerei, als auch in der Zeichnung und Druckgrafik entstehen Werkkomplexe mit dem Titel „Metapher Zahl“.
Das Wort „Zahl“ erinnert sogleich an einen fixen Wert, der in im Alltag allgegenwärtig ist. Aber wie das vorangestellte Wort „Metapher“ schon andeutet, handelt es sich um eine bildliche Übertragung, eine künstlerische Interpretation einer Zahl.
In Geigers Rotbuch – einem leeren, roten Buch, das der Künstler 1975 von Heinrich Böll geschenkt bekommen hat und sukzessive mit Zeichnungen versieht– finden sich bereits Skizzen zu einer „abstrakten Zahlen Reihe“. Mit Kreiden in verschiedenen Rottönen interpretiert Geiger jeweils die Zahlen von 0 bis 9, die er aus dem für ihn typischen Formenkanon von Rechtecken, Kreisen und Quadraten schöpft. Zeichnet man mit dem Finger die Formen nach, so kommt man auf die jeweils interpretierte Zahl. In den Zeichnungen im Rotbuch sind die Zahlformen mit Hilfe von Geigers numerischer Auflösung im unteren Rand einfach zuzuordnen.

Metapher Zahlen 0-2, aus: Rotbuch 1975/78 (WVG 195)

1984 entstehen die Zahlen 0 bis 9 in der Werkreihe 766a-k/84 (Metapherzahlen 0-9) (WV 739-749). Weil diese Werke jeweils durch eine bausteinartige Zusammensetzung besagter Formen entstehen und als fertiges Ganzes in den Raum hineinragen, können wir hier von Objekten reden. Für die künstlerische Gestaltung verwendet Geiger Acrylfarbe auf Holz und alle der 10 Zahlen gleichen sich in der Basis von 110 x 120 cm, die Tiefe jedoch variiert von Zahl zu Zahl. Die Zahlen selbst werden mittels zwei Bausteinen (Kreis und/oder Rechteck) zusammengesetzt; die Ausnahme bildet die Zahl „0“, bei der lediglich eine runde Komponente auf die Basis angebracht wird. Mit der Zahlenreihe von 0 bis 9 konnte er innerhalb eines starren und abstakten Ordnungssystem mit den geometrischen Grundformen spielen.

Diese Thematik beschäftigt den Künstler immer wieder und es entstehen zahlreiche weitere Reihen auf Papier, die er auch im hohen Alter weiterführt. Ebenfalls in der sehr aufwendig gestalteten, über vier Jahre hinweg gedruckten Mappe Rupprecht Geiger – Metapher Zahl (WVG 175) setzt er sich mit den Zahlen auseinander.

Metapher Zahl 1 (WVG 175/1), 1985-1989, Serigrafie/Velin de Creysse 250 g mit Büttenrand, 80,5 x 107 cm

Metapher Zahl 6 (WVG 175/6), 1985-1989, Serigrafie/Velin de Creysse 250 g mit Büttenrand, 80,5 x 107 cm

Der Künstler ordnet nicht unbedingt eine bestimmte Farbe einer bestimmten Zahl zu, sondern es ist für ihn eine willkommene Möglichkeit mit den Farben zu spielen. Parallel setzt er sich gerne auch mit den Vokalen des Alphabets auseinander.

Vokalbuchstabe A, 2002, Kreide und Grafit auf Papier, 70 x 100 cm

 

Als Vorstufe zu den Objekten entstehen im gleichen Jahr kleine Modelle, die sich farblich von den fertigen Gemälden unterscheiden.

Modelle: 766/84 (Metapher Zahlen 5-9) (WV 739), 1984, Acryl auf Holz, je 53 x 21 x 8 cm

 

766g/84 (WV 746), 1984, Acryl auf Holz, 110 x 120 x 24 cm

Wenden wir uns der Metapher Zahl „6“ (766g/84, WV 746) zu: auf einem hochkantigen Rechteck ist bündig mit der linken oberen Ecke ein weiteres, kleineres und schmäleres, Rechteck angebracht. Rechts davon breitet sich ein Geiger’sches Oval auf der Holzplatte aus. Das Hauptrechteck und die Kanten der beiden anderen Formen sind in einem zarten aber kühlen Fliederton gehalten, während das kleinere Rechteck in einem warmen, satten Gelb erstrahlt. Auf dem Oval erstreckt sich von unten nach oben hin verdichtend ein kräftiges Magentapink. Trotz der bausteinartigen Zusammensetzung sind die zusätzlichen Elemente nur auf der Oberfläche in der jeweiligen Farbe gefasst; die Kanten der Formen sind im gleichen Fliederton wie die Grundplatte gefärbt. Dies ist bei allen Metapherzahlen der Fall.

Formal gesehen erinnern diese Metapher-Zahlen an die „shaped canvases“ der 1947/48er Jahre – diesmal wird aber dient die unregelmäßige Form der Interpretation einer Zahl. Damit verstärkt sich der Blick auf die Formen. Auch die Erfahrung der Farbe ist ein zentraler Punkt in diesen Werken: der Geiger-typische Kontrast der Leuchtfarben bringt die Zahlen erst richtig zum Tragen und lädt zum stets neuen Hinschauen ein.

 

Zitierweise: Straubinger, Franziska: Werkbeschreibung 766a-k/84 (Metapherzahlen 0-9) (WV 739-749) [07.01.2015], in: Archiv Geiger Blog LINK (zuletzt aufgerufen am TT.MM.JJJJ).