Farb-Formen

Unsere Praktikantin Annalena Döring hat anlässlich unserer neuen Präsentation im Archiv Geiger, die sich den Werken in unregelmäßigem Format widmet, einen schönen Text zu Rupprecht Geigers „Farb-Formen“ verfasst. Einen herzlichen Dank, liebe Annalena!

Foto: Oliver Heissner

Farb-Formen

Schon früh versucht Rupprecht Geiger, die Farbe zu befreien und sie von der Form zu emanzipieren. Die Feststellung, dass Farbe an sich schwer zu erkennen ist, da sie sofort mit ihrer Umgebung Beziehungen aufnimmt, veranlasst ihn zunächst shaped canvases zu verwenden. Er greift damit Frank Stella um 20 Jahre voraus. Geiger erschafft Formen für die Farben, die er darstellen will.[1] Mit singulären Bildformaten, die visionäre Vorstellungen vom All vorwegzunehmen scheinen, ist seine Malerei in der von ihm mitbegründeten Künstlergruppe ZEN 49 unvergleichlich.[2]
Allerdings erkennt er schnell, dass dies nicht der richtige Weg zur Befreiung ist, da die Bildobjekte eigene Körper werden und zu optischen Täuschungen neigen.
Den Sprung zur reinen autarken Farbe vollzieht Geiger durch die Reduzierung auf einfache Formate: Quadrat, Rechteck und Oval. Durch die Nähe zur Architektur greift er auf diese archaischen, optisch unaufdringlichen Formen zurück, die geeignet sind, die Farbe unbeeinflusst zu lassen. „Der sehgewohnten Bindung an Formales entrückt, wird Farbe neu erlebt und endlich als autonomes Element erkennbar.“[3] Geiger versteht unter dem Begriff Farbformen nicht ein vorgegebenes Objekt, sondern die Dimension der Farbe selbst, den Ablauf der Modulation von hell nach dunkel.[4] Von nun an werden Farbformen für Geiger zur Manifestation von Farbe.[5] „Ich bin davon überzeugt, dass Farben Formen entwickeln können“ und „[e]ine Farbe allein muss dem Wunsch nach Form genüge tun können.“[6]

 



[1] Vgl. Helmut Friedel im Film „Geiger“ von Tilman Urbach, 2009.

[2] Vgl. Ausst. Kat. R.G., St. Petersburg 1994, S. 157.

[3] Ausst. Kat. Für R.G., Eine Ausstellung zum 75. Geburtstag, Galerie der Künstler, München 1983.

[4] R.G.: Brief an H.H., 1967.

[5] Vgl. Rupprecht Geiger: Brief an Helmut Heissenbüttel, in: Ausst.Kat. Rupprecht Geiger, Kestner-Gesellschaft, Hannover 1967.

[6] Rupprecht Geiger im Interview mit Maria Wetzel, Diplomatischer Kurier, 12.6.1963.

Impressionen #13: Sonnenuntergang am Chiemsee

Julia Geiger erlebte bei ihrem letzten Besuch in der Bax am Chiemsee etwas ganz besonderes:

„Ich war vor kurzem wieder am Chiemsee und mein Großvater hat mir einen Gruß geschickt. Als Kind habe ich ihn immer wieder dorthin begleitet und wenn die Sonne unterging, sagt er mir dann: ‚Jetzt sollst Du schweigen und nur noch schauen!‘
Er ließ sich jedes mal auf die unglaublichen Farbenspiele im Himmel und Wasser ein, wie wenn er zum ersten Mal einen Sonnenuntergang ansehen würde. Für mich war das Faszinierende weniger das Naturschauspiel, als viel mehr seine Faszination für diesen magischen Moment.“

Rupprecht Geiger notierte schon 1975 in seinem Rotbuch folgendes zum Phänomen des Sonnenuntergangs:
„Schau in die glutrote untergehende Sonne, sie gibt Dir Kraft für den kommenden Tag“

 

Rupprecht auf Reisen #11: Tokyo

Den goldenen Oktober habe ich in Japan verbracht und natürlich besuchten wir die Mega-Metropole Tokyo! Ein Geiger-Kärtchen war selbstverständlich auch im Gepäck und wurde in den Hama Rikyu Gärten abgelichtet. Die gepflegte Parkanlage mit traditionellen Häusern gespickt besteht bereits seit dem 17. Jahrhundert. Noch heute ist der Park viel besucht, wo man während dem Genuss einer Schale Matcha-Tee über den Kontrast von Wolkenkratzer-City und traditionell gehaltener Anlage staunen kann.

Rupprecht Geiger verschlug es sogar mehrmals nach Japan: 1986 im Rahmen einer Ausstellung im Seiji Togo Kunstmuseum in Tokyo und 1988 ins Goethe-Institut Osaka für die Ausstellung „Bilder für den Himmel. Kunstdrachen“. Hierzu schuf Geiger eigens Der rote Drachen und setze die Farben Pink und Red in zwei unterschiedlich rechteckigen Formen zusammen. Die daraus entstandene Form eines fast quadratischen Elements mit einem darauf platzierten liegenden Rechteck ordnet sich geschickt in sein Schaffen dieser Zeit ein, evoziert aber gleichzeitig die Form einer traditionellen japanischen Drachenart des Sodedako, der seinen Name einem kimonoartigen Kleidungsstück verdankt.

Rupprecht Geiger, Der rote Drachen, 400 x 400 cm