Rupprecht Geiger Werkübersicht #15: Farbe als Licht (Leuchtgelb) (WV 893), 2000

Vielen Dank an unsere Praktikantin Sarah Massumi für die aktuelle Werkbeschreibung!

 

Farbe als Licht (Leuchtgelb) (WV 893), 2000, 163 x 162 cm, Acryl auf Leinwand

Einer Sonne gleich scheint sich ein Kreis von links oben in einen unsichtbaren, rechteckigen Bildraum herabzusenken. Das untere Drittel des 163 cm hohen und 162 cm breiten Gemäldes zeigt nichts als den reinen, weiß grundierten Untergrund. Dann setzt die Modulation ein: erste, zarte Spuren von Leuchtgelb verdichten sich immer mehr, bis knapp unterhalb der Bildmitte, wo sie schließlich von einem warmen Gelbton überlagert werden. Die Spannung, die sich aus diesem beiden Farben ergibt, lässt den noch immer durchscheinenden, weißen Bilduntergrund optisch ins Graue kippen. Die winzige, vereinzelt verstreuten Farbspritzer in Leuchtorange, die auch in die untere Bildhälfte ausstrahlen und zur Komplexität dieser Zone beitragen, werden erst bei einer näheren Betrachtung des Gemäldes sichtbar.

Das Leuchtgelb setzt sich ab der Bildmitte schließlich durch, zuerst noch mit weiß abgemischt, dann schließlich in seiner Reinform. Im oberen Bilddrittel wird es jedoch wieder von dem warmen Sonnengelb überlagert – diesmal dickflüssig mit dem Pinsel gestupft. Das an den unregelmäßig verlaufenden, teilweise hohen „Farbnasen“ hängenbleibende Licht und die dadurch verursachten Schatten verleihen dem Werk einen stark haptischen Charakter. Eingespannt zwischen den beiden „warmen“ Farbzonen oben und unten, erhält das Leuchtgelb, je nach Lichtsituation einen leichten Grünstich.

In vielerlei Hinsicht stellt Rupprecht Geiger mit dem Gemälde Farbe als Licht (Leuchtgelb) Bezüge zu seinem früheren Schaffen her. Die Auseinandersetzung mit Modulationen in Weiß-Gelb findet sich in einer ganzen Reihe von Arbeiten aus den späteren 1960er Jahren (besonders in der 1968/69 entstandenen Serie „Gerundetes Gelb“), und teilweise noch bis in die Mitte der 1970er Jahre. In dieser Zeit hatte sich der Künstler intensiv mit dem gedrückten Kreis als Farbträger beschäftigt. Die schwebenden Kreise, in zahlreichen Modulationsvariationen mit Weiß und Silbergrau gepaart, rufen unverkennbar Assoziationen von Sonne, als konkreter Form, und lichterfülltem Raum hervor (vgl. Werkübersicht #9).

Jedoch setzen zwei wesentliche Unterschiede das jüngere Werk von den früheren Arbeiten ab. Zum Einen hatte die Rückkehr zum Pinsel als bevorzugtes Mittel des Farbauftrages den Künstler ab Mitte der 1980er Jahre wieder zurück „ins Bild“ geholt. Während die Verwendung der Luftdruckspritzpistole die Handschrift des Malers negieren und allein den immateriellen Charakter i.e. Geist der Farbe evozieren soll, so wird der in der fassbaren Realität stattfindende Malakt hier wieder sichtbar gemacht. Die Haptik ist zudem konstituierend für den Eindruck von „Bewegtheit“ in WV 893, wenn zu der optischen Spannung aus Kalt- und Warmtönen durch das einfallende Licht punktuell helle und dunkle Akzente hinzukommen.

Zum anderen unterscheidet sich das Gemälde durch seine unregelmäßig geformte Leinwand deutlich von der Werkgruppe der 1960er Jahre. Über ein radiales Kreissegment hinausgehend, scheint die Form aus der Ecke in einen Bildraum „hineinzutropfen“. Der Zug der Rundungen gen Boden, als ob sie der Schwerkraft unterlägen, wird aber optisch durch die weiße Acrylgrundierung gemildert. Einen konträren Eindruck vermittelt das aus demselben Jahr stammende Pendant Farbe als Licht (Leuchtorange) (WV 894). Hier wächst die runde Form aus dem linken unteren Eck nach rechts oben, sie folgt der horizontalen Modulation von einem warmen Orangeton zu einem satten Gelb.

Farbe als Licht (Leuchtorange) (WV 894), 2000, 163 x 162 cm, Acryl auf Leinwand

Beide Gemälde scheinen dort verankert zu sein, wo die Farbe am „schwersten“, also intensivsten wirkt, um dann farblich und formal in hellere Gefilde zu streben. Räumliche Entfaltung in Verbindung mit der spezifischen Kälte respektive Wärme der Farbtöne evozieren somit das gleißende Licht der hoch am Himmel stehenden Mittagssonne sowie das warm glühende Abendrot des untergehenden Himmelskörpers. Ein Bogen spannt sich hier wiederum in die Vergangenheit, zu der bedeutenden Werkgruppe der frühen „shaped canvases“ Geigers aus den Jahren 1948/49.

 

Zitierweise: Massumi, Sarah: Werkbeschreibung Farbe als Licht (Leuchtgelb), 2000 (WV 893) [30.03.2015], in: Archiv Geiger Blog LINK (zuletzt aufgerufen am TT.MM.JJJJ).

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.