Die Familie Geiger: Rupprecht Geiger

Diese Woche beschäftigen wir uns mit Rupprecht, dem einzigen Kind von Clara und Willi Geiger. Selbstverständlich weiß unser treuer Leser bereits viel über den Werdegang von Rupprecht Geiger, jedoch ist es auch spannend ihn und sein Werk in Verbindung zu dem seines Vaters zu sehen.

Den Zweiten Weltkrieg erlebt Rupprecht als Soldat, zunächst zuständig für Telefon- und Zugverbindungen, in den berüchtigten Wintermonaten 1941–1942, in Wjasma nahe Moskau stationiert. Wie sein Vater greift er zum Tagebuch und beschreibt darin die brennenden Städte, die schrecklichen Verwüstungen, das Gefangenenlager, die unzureichend versorgten Verwundeten, die beim Schmelzen der Schneemassen zum Vorschein kommenden Leichenberge, aber auch die fesselnden Farbspiele der russischen Landschaft:

Der Himmel ist von beispielloser Farbenpracht und von unglaublicher Weite. Die Möglichkeiten sind unbegrenzt. (1) Ein Morgenhimmel ist am Horizont, blaugrau und geht nach oben in violett über, dann ganz schnell über gelb u. grün zu stahlblau. Oder (2) am Horizont weißgelb dann etwas zitronengelb und über den halben Himmel hoch lachsrot. (3) Oder violett am Horizont dann schnell gelb grün und dann zu blau.“[i]

003 Ohne Titel, 1942

Rupprecht Geiger, ‚Ohne Titel (Landschaft)‘, 1942

Weniger die Verwüstung und das Elend hält er in seinen mit Tinte und Buntstift ausgeführten, den Text illustrierenden Tagebuchskizzen fest, sondern die farbintensiven Landschaftsausschnitte. In den zur damaligen Zeit entstandenen stimmungsvollen Aquarellen – wie das exemplarisch hierfür in der Ausstellung gezeigte Aquarell „Rote Wolke über Wjasma“ – konzentriert sich der Künstler vorwiegend auf die Wiedergabe der Farbspiele in der Landschaft, um sich dem Gräuel des Krieges zu entziehen.[ii] Auf der aufgeschlagenen Doppelseite des oben zitierten und ausgestellten Kriegstagebuchs ist unten rechts eine detailgetreue Bleistiftskizze zu sehen, die als Vorstufe zum fertigen, in der Ausstellung präsentierten kleinformatigen Eitemperawerk „Ohne Titel (Landschaft)“ von 1942 entstanden ist. Das Gemälde zeigt den Blick aus dem Zimmerfenster des Künstlers: Den Vordergrund der Landschaft überzieht eine aufgewühlte Erdschicht in braunen und schwarzen Farbtönen, aus der dicke Pflöcke hervorragen; dahinter befindet sich eine flache Ebene in den Farbtönen Kaki und Hellgrün, die von zwei großen, mit weißgelblichem Schnee gefüllten Löchern unterbrochen ist; darüber erhebt sich ein Hügel in braunen, dunkelgrünen Farben und ein wolkenloser Himmel breitet sich aus, moduliert von Gelb über zartes Rosa, Lachs- und Rottönen bis hin zu einem bläulichen Grau. Als Kontrast zu den im Vordergrund angedeuteten Verwüstungen setzt der Künstler die Farbspiele im weit ausgedehnten Himmel und in der lichterfüllten Atmosphäre entgegen. Die Modulation als wichtigstes gestalterisches Prinzip im Œuvre Rupprecht Geigers nimmt bereits in diesem Frühwerk die Hälfte der Komposition ein. Durch die Beobachtung der Natur verdrängt er die Kriegssituation und entwickelt Gegenbilder zur bedrückenden Realität. Dieses Werk bildet mit zwei weiteren desselben Jahres die ersten Gemälde aus dem künstlerischen Schaffen von Rupprecht Geiger und sie sind die einzigen, die er während der Kriegsjahre malt. Dank dieser drei Werke wird er mit Hilfe seines Vaters, der frühere Bekanntschaften nutzt, für die letzten beiden Kriegsjahre als Kriegsmaler eingesetzt, zunächst 1943 in der Ukraine, 1944 dann in Griechenland.

Kürbis-Stillleben, 1943

Rupprecht Geiger, ‚Kürbis-Stillleben (Ukraine)‘, 1943

In der Ukraine zeichnet Rupprecht brennende Dörfer und Häuser in Tusche und Bleistift, porträtiert Einheimische und malt Stillleben, darunter die ausgestellte Gouache „Kürbis-Stilleben (Ukraine)“. Dieses Werk entdeckt Willi einige Jahre nach seiner Entstehung und findet es so spannend, dass er 1958 mit seinem in der Ausstellung präsentierten Ölgemälde „Grüner Kürbis“ eine Variation dieses Motivs malt. Dieses Beispiel zeugt von einer direkten thematischen und bildnerischen Verbindung zwischen den Werken des Vaters und des Sohnes, wobei hier die Einflussnahme nicht chronologisch erfolgt, sondern der Jüngere auf den Älteren einwirkt – keine Seltenheit bei diesen beiden Künstlern.[iii]

In Griechenland, erneut konfrontiert mit dem intensiven Licht des Mittelmeeres, hält Rupprecht 1944 – abermals keineswegs im Sinne seines Auftrags, die Siege der deutschen Armee in heroischen Darstellungen zu verewigen – in bezaubernden Landschaften und farbenfrohen Stadtansichten die nachhaltigen Eindrücke fest und setzt sein autodidaktisches Studium der Malerei fort, wie er selbst die Kriegsjahre nennt.

Trotz erster Distanzierung zum väterlichen Künstlertum widmet sich der ausgebildete Architekt Rupprecht mit Kriegsende als Autodidakt ganz der Kunst. „Die Erkenntnis, dass die Farbe in der Malerei das primäre Element ist, müsste zu ihrer Neuentdeckung führen“, notiert er programmatisch um 1945.[iv] Aufgrund dieser bewussten Beschäftigung mit der Farbe löst er sich schnell vom Vorbild des Vaters. Innerhalb kurzer Zeit findet er bereits Ende der 1940er-Jahre zur Abstraktion und beginnt mit der allmählichen Reduzierung der Form- und Farbgebung in seinem Werk, das in monochromen, meist fein modulierten Farbfeldern seinen Höhepunkt findet. Rupprechts kontinuierliche, sieben Jahrzehnte andauernde Beschäftigung mit der Farbe als zentralem Thema gipfelt darin, dass er diese zum Lebenselixier deklariert und der Malerei quasi den Rang eines Familienmitglieds zuschreibt.

758 70:87a Steglich

Rupprecht Geiger, Kreis von  ‚780/87‘, 1987

In vielen Bereichen der Kunst wird Rupprech

Rupprecht Geiger, ‚Morbides Rot‘, 2005

t als Pionier genannt. So bei der Erschaffung der Werkgruppe der Bilder mit irregulären Formaten Ende der 1940er-Jahre, also fast zwei Jahrzehnte bevor sich seine amerikanischen Kollegen mit dem Thema auseinandersetzen.[v] Auch ist er einer der ersten Künstler in Deutschland, der die Tagesleuchtfarbpigmente in seinen Schaffensprozess integriert: Ab Anfang der 1950er-Jahre zunächst nur partiell, ab Mitte des darauffolgenden Jahrzehnts ausschließlich. Die chemisch hergestellten Pigmente findet Rupprecht besonders geeignet, um das „Porträt der Farbe[vi], wohl der abstrakten Farbe, zu erschaffen. Eine weitere technische Errungenschaft, die mit seiner zehnjährigen, 1965 beginnenden Professur an der Kunstakademie Düsseldorf eingehend Verwendung findet, ist der Farbauftrag mit der Luftdruckspritzpistole. Diese Technik ermöglicht feinste Farbmodulationen und einen anonymisierten Farbauftrag ohne jeglichen Pinselduktus – ein Negieren der künstlerischen Handschrift im herkömmlichen Sinn. Der Künstler als Ausführender verschwindet ganz hinter der Farbe, die sich demzufolge, so Rupprecht, besser entfalten kann,[vii] wie dies an dem ausgestellten Acrylgemälde „780/87“ aus dem Jahr 1987 (WV 758) erkennbar ist.[viii] Ein typisch gedrückter „Geiger-Kreis“ füllt mit seinen 145 x 160 cm das gesamte Blickfeld des Betrachters in einem kräftig leuchtenden Pink. Da der Pinselduktus fehlt und die Farbe homogen auf den Träger aufgesprüht wurde, verliert der Blick des Betrachters jeglichen Fixpunkt und die Farbfläche beginnt zu vibrieren. Die Farbe zeigt sich selbst. Die bereits sehr früh eingesetzte Reduktion auf archetypische Formen, beispielsweise auf Rechteck oder Oval, dient dem Künstler zur besseren und unmittelbaren Wahrnehmung der Farbe an sich: „Alleiniges Thema meiner Malerei ist die Farbe, sie selbst ist das Motiv.“[ix] Die Technik mit der Luftdruckspritzpistole verlässt Rupprecht Mitte der 1980er-Jahre und arbeitet wieder mit Pinsel, Rolle oder Schwamm, so bei seinem Spätwerk „Morbides Rot“ aus dem Jahr 2005 (WV 945). In schäumend rauschenden Zügen wird eine Modulation von kräftigem Pink zu einem tiefen Violett zeilenartig nach oben hin aufgebaut. Bei der fast wissenschaftlichen und zugleich verspielten Erforschung der Darstellungsmöglichkeiten der Farbe konzentriert sich Rupprecht immer mehr auf die Farbe Rot und deren Nuancen. Rot bezeichnet er als „die Farbe mit der größten Potenz und Ausstrahlung.“[x] Im Laufe der über Jahrzehnte andauernden künstlerischen Suche kommt er zu folgender Erkenntnis: „Rot ist Leben, Energie, Potenz, Macht, Liebe, Wärme, Kraft. Rot macht high […] Rot ist geballte Energie.”[xi]

945 Morbides Rot, 2005

Rupprecht Geiger, ‚Morbides Rot‘, 2005

Obwohl Willi Geiger bereits früh, wie letzte Woche erwähnt, von der Magie der Farbe gefesselt wird, tut er sich mit dem Thema schwer. In seinem Spätwerk konzentriert er sich auf Blumenstillleben, deren stark abstrahierte Formengebilde nur noch vage an Blumen erinnern, so auch bei den drei ausgestellten Ölgemälden „Blumen“ von 1966, „Feuerblumen“ (1968) und „Abstrakte Blumen“ von 1970, die in den letzten Schaffensjahren entstanden. Die Blumensträuße werden nicht nur immer ungegenständlicher, sondern gewinnen mit der Zeit in ihrer Farbigkeit an Intensität. Willi verfolgt mit großem Interesse das künstlerische Schaffen seines Sohnes und dessen Arbeit mit den Tagesleuchtfarbpigmenten. Unter dem Einfluss des Sohnes beginnt er ab Mitte der 1960er-Jahre sogar mit fluoreszierenden Tagesleuchtfarben zu arbeiten, wie bereits bei den Früchten des „Stilleben mit Birnen“ aus dem Jahre 1965 sichtbar ist. In der Familie erzählt man sich, dass der Vater die begehrten Pigmente anfänglich heimlich aus dem Atelier seines Sohnes entwendete. Veranschaulicht wird die Anwendung von Tagesleuchtfarbpigmenten am deutlichsten anhand des Gemäldes „Feuerblumen“ aus dem Jahr 1968. Willi fertigt es in einem ersten Malvorgang 1965 an, wie dies anhand des übermalten, aber trotzdem zum Vorschein kommenden Signaturkürzels „G.“ mit Entstehungsjahr „1965“ am Gemälderand unten links zu erkennen ist. In einem zweiten Durchgang übermalt Willi das Werk partiell mit Leuchtpigmenten – wofür beispielsweise der pastose Farbauftrag und die dicke Malschicht der großen, leicht nach rechts gebogenen Blume sprechen. Willi signiert das Bild erneut und datiert es mit dem Jahr 1968. Dass Rupprecht das Werk seines Vaters schätzt, zeigt sich daran, dass das Gemälde „Abstrakte Blumen“ (1970) jahrelang im Wohnzimmer in Solln hing. Dieses Werk ist nicht nur das letzte vollendete Werk von Willi, sondern auch sein abstraktestes Gemälde, ein fast ausschließlich mit pinker, zart aufgetragener Tagesleuchtfarbe gemaltes Bild. Die Blumenbilder der letzten Jahre gelten als Synthese und Krönung des künstlerischen Schaffens von Willi. Vor einem dieser Werke soll er im hohen Alter gesagt haben: „Allmählich fange ich an zu begreifen, was Malerei ist“.[xii]

[i] Rupprecht Geiger, Kriegstagebuch 1941/42, Archiv Geiger, München (unveröffentlicht), 17.11.1941, o. S.

[ii] Rückblickend sagt Rupprecht Geiger 1994, dass die Malerei „eine Art Therapie [ist], aus dieser scheußlichen Kriegssituation wenigstens gedanklich herauszukommen“, in: Ausst.-Kat. Rupprecht Geiger (St. Petersburg, Russisches Museum; Dresden, Staatliche Kunstsammlungen Dresden, Galerie Neue Meister; München, Palais Preysing, Bayerische Vereinsbank (JG: es ist keine Werbung, sondern der Ausstellungsort hieß ursprünglich so, es kann aber gerne gelöscht werden), hg. von Petra Giloy-Hirtz, München 1995, S. 38.

[iii] In frühen Landschaftsaquarellen der 1940er-Jahre stehen sich Vater und Sohn allerdings malerisch so nahe, dass es extrem schwierig zu erkennen ist, von wem sie tatsächlich stammen.

[iv] Rupprecht Geiger, Tagebuch 1939–1949, Archiv Geiger, München (unveröffentlicht), S. 172. Das Tagebuch wurde vom Künstler nachträglich mit Seiten und Datierungsangaben versehen.

[v] Zusammenfassender Aufsatz zu diesem Thema: Julia Geiger, Ein gewagtes Experiment: Die Werkgruppe irregulärer Bildformate von 1948/1949, in: Ausst.-Kat. 100 Jahre Rupprecht Geiger (Berlin, Neue Nationalgalerie), hg. von Fritz Jacobi und Melanie Wilken, Berlin 2008, S. 45–55.

[vi] Rupprecht Geiger, Rotbuch 1975/1978, hg. von Helmut Friedel anlässlich des 90. Geburtstags, erschienen zur Ausst. Rupprecht Geiger. Rot, Gelb, Blau im Kunstbau des Lenbachhauses München, München 1998 (WVG 195), o. S.

[vii]Der Auftrag der Farbe soll die Farbe selbst charakterisieren, etwa so daß ein leuchtendes Rot schwebend auf der Fläche erscheinend, von hell nach Tiefe abgewandelt, das Materielle überwindet“, in: Rupprecht Geiger, Tagebuch 1950, Archiv Geiger, München (unveröffentlicht), o. S.

[viii] Mit der Werkgruppe der Bilder mit irregulären Formaten beginnt Rupprecht seine Arbeiten fortlaufend zu nummerieren, um jegliche Assoziationsmöglichkeiten beim Betrachter zu unterbinden. Des Weiteren signiert er diese ab diesem Zeitpunkt auf der Rückseite, um die Wahrnehmung der Farbe ungestört zu lassen.

[ix] Rupprecht Geiger 1981, in: Ausst.-Kat. Für Rupprecht Geiger. Ausstellung zum 75. Geburtstag (München, Galerie der Künstler), München 1983, o. S.

[x] Geiger 1998 (wie Anm. 12), o. S.

[xi] Ebd.

[xii] Willi Geiger, in: Ausst.-Kat. Willi Geiger (Prien am Chiemsee, Galerie im Alten Rathaus; Landshut, Rathaus), Erscheinungsort 1991, o. S.

 

 

Dieser Auszug stammt aus dem Ausstellungskatalog zur oben genannten Ausstellung.

Zitierweise: Geiger, Julia: Die Künstlerfamilie Geiger: Eine Kunstreise über Generationen, in: Kat. Ausst. Väter & Söhne. Konfrontation und Gleichklang, Schloßmuseum Murnau 2016, München 2016, S 121-124.

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