Rupprecht Geiger Werkübersicht #5: E 120, 1950 (WV 81)

Die letzte Werkbeschreibung läutete die Zeit der Künstlergruppe ZEN 49 ein. Der fernöstlich anmutende Gruppenname ist wohl auf Anregung Geigers zurückzuführen, der sich Ende der vierziger Jahre oberflächlich mit dem Zen-Buddhismus beschäftigt. Fasziniert hat ihn und seine Künstlerkollegen an dessen Philosophie die Idee der großen Befreiung „von der begrenzten, unvollkommenen Realität der Erscheinungswelt“ (Ruhrberg, Karl: Die Autonomie der Farbe Anmerkungen zum Werk Rupprecht Geigers, in: Kat. Ausst. Rupprecht Geiger. Rot und Schwarz, Städtische Galerie Haus Seel Siegen 1992, Stuttgart 1992, S. 10.) Die große Befreiung, der Titel eines in die Zen-Philosophie einführenden Buches von Daisetz Teitaro Suzuki, bietet wohl eine Grundlage mit der Nachkriegssituation umzugehen. Nach der großen Befreiung durch die Alliierten Truppen gibt es wieder Raum für einen künstlerischen Austausch und zahlreiche Künstler(innen) kommen aus ihrer Inneren oder Äußeren Emigration zurück. Die abstrakte Kunst soll eine neue Weltsprache werden.

E 120 (WV 81), 1950, Eitempera auf Holz, 61 x 50 cm

Beispiel eines ZEN 49-‚Klassikers‘ von Rupprecht Geiger ist das Eitempera-Gemälde        E 120 (WV 81) aus dem Jahr 1950. Als Zen-Werk zeichnet sich das hochformatige auf Holz gemalte Bild durch seine Komposition in unterschiedlichen Formen und Farben aus. Der Hintergrund des Werkes besteht aus einem Rotverlauf, der am oberen Bildrand beginnend nach unten hin von einem weißlichen Roséton über Rosa- und Himbeernuancen wandernd, in ein tiefes Purpur übergeht. Wieder, wie bei den allerersten Gemälden Geigers, findet sich die Modulation von Farbe, ein kunsttechnisches Element, das sich durch sein ganzes Schaffen zieht. Von rechts kommend, leicht nach unten kippend, ist ein Rechteck im oberen Bildbereich eingesetzt bzw. vom Hintergrund ausgespart, denn die Rechteckform besteht aus der weißgrundierten Leinwand. Die Unterkante der weißen Form wird mit jener der angrenzenden blauen Form durch eine schmale, aber kräftige schwarze Linie verbunden. Das links in der Rechteckform befindende Trapez ist in weiß gehalten, es läuft nach rechts aus, wo es an das nächste, viel schmälere Trapez grenzt. Dieses ist farblich in Blau gefasst, genauer in einem Verlauf von Blau, der von links kommend in Mitternachtsblau schichtweise immer heller werdend in einem Petrolton endet. Dieses Petrolblau ist verdünnt aufgetragen und die weiße Leinwand schimmert hindurch. Die letzte der drei Formen in diesem Rechteck ist eine weitere am rechten Bildrand grenzende Rechteckform. Wieder moduliert, ein Verlauf von Blau und Rosa, der sich aber nicht direkt auf der Leinwand vermischt, sondern erst im Blick des Betrachters zu einem Purpurton vereint. Bei genauerem Betrachten des Werkes wird deutlich, dass die Modulation nicht aus aufeinander aufbauenden Farbnuancen besteht, sondern dass das Petrolblau der zweiten Form sich in der dritten fortsetzt und der Rosaton, von rechts nach links blasser werdend, auf das Blau gesetzt wurde.

Im unteren rechten Bildbereich, unterhalb des eben beschriebenen Gesamtrechtecks, schwebt ein kräftig orangeroter ungezirkelter Kreis mit einem Durchmesser von circa 10 cm. Im Zentrum des Kreises glüht eine pastos aufgetragene kadmiumrote Sphäre. Letztes Element am unteren Bildrand ist eine gekurvte, ungleichmäßig breite Bogenlinie, die als Aussparung vom Hintergrund wieder in einem klaren Weiß, wie ein Lichtbogen, leuchtet. Dieser Bogen scheint fast die beiden eben beschriebenen Formen zusammenzuhalten oder zu leiten, ohne sie aber zu berühren. Der ohne Modulation gänzlich in Weiß gehaltene Lichtbogen ist die grundierte Leinwand und an der gebogenen Stelle breiter als an den Enden. Trotz diesem kompositorischen Reichtum wirkt das Bild dennoch ruhend und nicht von einer gestischen Unruhe betroffen. Im Vergleich zu Werken anderer ZEN 49 Künstler, wie beispielsweise Fritz Winter, wo die Pinselführung eher gestisch verläuft, scheint in den Werken Geigers vielmehr die Farbe mit der Form gehend aufgetragen zu sein. Bereits zu Beginn der künstlerischen Laufbahn Geigers stellt er sich als Kunstschaffender zugunsten der Reinheit von Farbe und Form zurück. Während der ZEN-Jahre verwendet Geiger erstmalig 1952 chemisch hergestellte Leuchtpigmente, die er in Ei gebunden zu diesem Zeitpunkt nur partiell und später kontinuierlich immer öfter einsetzt, bis er ab Mitte der 1970er Jahre fast ausschließlich mit den Tagesleuchtpigmenten arbeitet. Nur zwei Jahre nach dem eben beschriebenen Werk, entsteht nämlich das Eitempera-Gemälde E 180 (WV 110, 1952).

E 180 (WV 110), 1952, Eitempera auf Holz, 60 x 80 cm

Es ist eines der ersten Werke, in dem Geiger dieses Tagesleuchtpigment einsetzt. Obwohl zwischen den beiden Werken nur zwei Jahre liegen, schlägt E 180 in seiner Wirkung einen gänzlich anderen Weg als E 120 ein. Eine Verlagerung des Bildsujets zugunsten der Farbe ist hier bereits deutlich erkennbar.

Zitierweise: Harder, Franziska: Werkbeschreibung E 120, 1950 (WV 81) [27.05.2014], in: Archiv Geiger Blog LINK (zuletzt aufgerufen am TT.MM.JJJJ).

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.