Rupprecht Geiger Werkübersicht #6: 387/63, 1963 (WV 356)

Für unsere Werkbeschreibung im Juni konnten wir Silke Schuck, Kuratorin der Kunsthalle Göppingen, dazu gewinnen, Ihre Sicht auf ein Gemälde Geigers der 1960er Jahre zu „Papier“ zu bringen. Vielen herzlichen Dank dafür! Ab dem 27.07.2014 werden Sie das Werk im Original im Rahmen der Ausstellung „Rupprecht Geiger. Malerei“ im Museum Rudolf Wachter in Kißlegg betrachten können!

 

In den Sechziger Jahren experimentiert Rupprecht Geiger mit der Farbe. Er wechselt das Bindemittel und variiert damit das Material seiner Malerei. Indem er nach 1956 Öl und nicht mehr Tempera für die Herstellung seiner Farbe verwendet und die Pigmente mit Leinöl und Terpentin anreichert, erhält er eine Farbsubstanz mit anderen Maleigenschaften und spezifischen ästhetischen Qualitäten. Auffallend ist, wie die Farbe auf der Leinwand glänzt. Sie ist teilweise pastos auf den Malgrund der Leinwand aufgetragen. Geiger probiert in dieser Werkphase die Wechselwirkung zwischen dem Leuchten der Farbe und der Struktur der Oberfläche aus. Er gestaltet das Bild aus der Materialität der Farbe heraus.

Gelöst von Formen und Motiven erschließen sich die Bilder dieser Werkphase aus dem Zusammenspiel von Farbigkeit und Haptik. Dem Auge des Betrachters zeigt sich eine bewegte Oberfläche. Sie vermittelt der Wahrnehmung verschiedene Qualitäten. In einigen Bereichen ist sie glatt und geschlossen, typisch für die Konsistenz des öligen Bindemittels. An anderen Stellen ist die luzide schimmernde Oberfläche dagegen rau und wulstig, wenn Geiger die Farbmaterie in dickeren Schichten übereinander gearbeitet und damit dem Bild eine lebhafte Oberfläche verliehen hat.

387/63 (WV 356), 1963, Öl auf Leinwand

Rupprecht Geigers Gemälde 387/63 WV 356) aus dem Jahr 1962 misst 170 x 145 cm und trägt die markanten Kennzeichen seiner Malerei der Sechziger Jahre auf Leinwand und in Öl. Über die ganze Fläche entwickelt sich ein intensives Rot, der wichtigste Farbton im Werk des Künstlers. Im unteren Bereich verdunkelt sich die rote Farbe zu einem Braun hin. Um dann plötzlich zum Rand hin aufzuklaren und hellrot aufzuleuchten. Über die ganze Bildfläche hat Geiger die Farbmaterie unterschiedlich aufgetragen. Während sie im oberen Bildbereich in dünnen Schichten glatt gestrichen übereinander liegt, so dass sich die Pigmente zu einem satten Ton verdichten, trägt Geiger die Malschicht nach unten hin stärker auf. In diesem Drittel erhält das Dunkelrot deutlich mehr Tiefe. Der strukturierte Farbauftrag steigert die räumliche Wirkung des Rots. Geiger kontrastiert diese Raumtiefe durch den Wechsel zu einem weniger voluminösen Farbauftrag. Er lässt sogar an einigen Stellen im leuchtenden Rot den hellen Grund der Leinwand durchschimmern. Wie Schlieren erkennt das Auge am unteren Bildrand die Modulation. Die materielle Substanz wird immer lichter, gerade dadurch aber auch dem Sehen als solchem erkennbarer. Das Auge, aufmerksam geworden auf den Verlauf der Farbe, folgt diesem in die Gegenrichtung, vom hellen Bereich in den tiefroten. Es erkundet die modulierte Oberfläche der Leinwand, das „Kraftfeld“, und erstaunt möglicherweise über die mannigfaltige Wirkung des einzigen leuchtenden Farbpigmentes.

Rupprecht Geiger sagt über die Farbe Rot, sie sei „Leben, Energie, Potenz, Macht, Liebe, Kraft. (…) Im Moment bewusster Wahrnehmung setzt Rot Energie frei“ (Klein, Felicias: Die Verwendung von Tagesleuchtfarben in der modernen Kunst am Beispiel von Rupprecht Geiger. In: Zeitschrift für Kunsttechnologie und Konservierung, Jahrgang 9/1995, Heft 2, S. 349–365, hier S. 355). Seine Konzentration auf nur einen Farbton isoliert diesen mit dem Ziel, den künstlerischen Eigenwert der Farbe erkennbar zu machen. Sie ist keineswegs das Mittel der Darstellung zum Zweck der Repräsentation. Vielmehr ist sie selbst das Motiv seiner Malerei. „Alleiniges Motiv meiner Malerei ist die Farbe, sie selbst ist das Motiv. (…) Ich weiß, dass Farbe Element ist und somit Teil der Natur“, schreibt er resümierend im Jahr 1981. Mit keiner anderen Farbe wie mit der Farbe Rot hat Geiger diese Programmatik so stringent verfolgt. In seinem Buch „Farbe ist Element“, das im Jahr 1975 erscheint, äußert er seine Erkenntnis der Farbe in wenigen Sätzen: „Eine Farbe in monochromer Modulation aufgetragen gibt eine sehr klare unbeeinflusste Aussage über ihren Wert. Solche Ein-Farbenwerte sind Kraftfelder der Farbe, hier bestimmt die Farbe selbst ihre Form, ein ihr gemäßes Volumen. Die Dimension der Farbe selbst ist gemeint, ihr Ablauf in Modulation, von Hell nach Dunkel auf einem ganz bestimmten Farbweg.“ (Rupprecht Geiger: Farbe ist Element, Düsseldorf 1975)

Je länger man Rupprecht Geigers Bilder betrachtet, desto mehr scheinen die farbigen Flächenformen zu pulsieren. Sie stellen als modulierte Räume die Farbe selbst vor Augen. Sie ist das Elementare – absolut gesetzt in der malerischen Praxis dieses Malkünstlers des 20. Jahrhunderts. Anders, aber doch ähnlich wie die Landschaftsmaler des 19. Jahrhunderts, entlockt Geiger der Farbe vor allem eine Raum bestimmende Wirkung. Doch nicht die in das Unermessliche gehende Erfahrung der durchstreifbaren, empfundenen Landschaft, wie sie seit der Romantik so prägend für die Maler war, ist hier das Thema. Geiger gewinnt vielmehr durch die formale Reduktion der Farbe und durch ihre nuancierten Tonwerte die in den Raum greifende, physisch erlebbare Wirkung. Der Betrachter ist umschlossen von der Farbe. Die Farbsetzung ist abstrakt und ortlos, wo sie in den Raum schimmert, und verkörpert dennoch mit ihrer Farbkonsistenz und Schichtdicke eine materielle Realität, die keine motivische Referenz verfolgt. Geigers Werke tendieren im Weiteren immer mehr zur Immaterialität.

Zitierweise: Schuck, Silke: Werkbeschreibung 387/63, 1962 (WV 356) [01.07.2014], in: Archiv Geiger Blog LINK (zuletzt aufgerufen am TT.MM.JJJJ).

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