Rupprecht Geiger Werkübersicht #11: 725/78 (Farbraum, Geist und Materie) (WV 693), 1978

Die Werkbeschreibung für den November hat dieses Mal die junge Kunsthistorikerin Sarah Massumi aus München verfasst. Ein herzliches Dankeschön ist an dieser Stelle angebracht!
Damit verlassen wir die Düsseldorfer Jahre, Rupprecht Geiger kehrt 1976 nach München zurück, wo er bis zu seinem Lebensende 2009 schaffen wird.

1978 wird Rupprecht Geigers künstlerisches Lebenswerk erstmals mit einer umfassenden Retrospektive in der Städtischen Galerie im Lenbachhaus gewürdigt. Dass diese Schau jedoch keinesfalls mit einem Schlusspunkt in seiner künstlerischen Entwicklung gleichzusetzen ist, belegt die Tatsache, dass er im selben Jahr die Arbeit an einem neuen Werkkomplex beginnt, der sich deutlich von den Arbeiten der vorhergehenden Jahre unterscheiden wird – und dennoch in einem Zusammenhang mit seinem früheren Schaffen steht.

725/78 (Farbraum, Geist und Materie) (WV 693), Acryl auf Leinwand, 285 x 200 cm

Den Auftakt zu dieser neuen Serie bildet das Werk 725/78 (Farbraum, Geist und Materie). Das 285 cm hohe Gemälde besteht aus zwei farblich deutlich voneinander abgesetzten Rechtecken unterschiedlichen Formats.
Das warme, leuchtende Feuerwehr-Rot des oberen, 200 cm breiten Bildrechtecks tritt dem Betrachter optisch entgegen. Es wird jedoch zurückgehalten von einem hellen, rosa-weißen Streifen, der den unteren Bildrand überschneidet und den oberen Bildrand einer weiteren, deutlich kleineren Leinwand bildet. Dieses zweite, untere Bildrechteck wird bis zur Mitte von einem kräftigen, jedoch kühlen Pink-Rot eingenommen, das ab der Hälfte nach oben graduell in ein reines Weiß ausläuft. Beide Bildteile wirken auf den ersten Blick quadratisch, sind aber leicht breiter als hoch.

Die Liste der bildimmanenten Gegensätze wird von dem Nebeneinander des kühlen Leuchtpinks und des warme Leuchtrots angeführt. Dieses oft wiederholte Prinzip soll, so Rupprecht Geiger, einer möglichen „Spannungslosigkeit“ zwischen zwei gleichwertigen Farben entgegenwirken und dezidiert „die Harmonie provozieren: (…) Zwei in ihrem Charakter grundverschiedene Farben, ein kaltes Rot einem warmen Rot-Orange gegenübergestellt, erzeugt Disharmonie im Kalt-Warm-Kontrast. An der Grenzlinie entsteht Bewegung und Unruhe. (…) Hier ist die Harmonie des G e g e n s a t z e s wirksam, die Farben stehen in erregender Spannung zueinander und schockieren.“ (Rupprecht Geiger: Farbe ist Element, Düsseldorf 1975, o.S.)

In formaler Hinsicht tritt zu der Verwendung einer einheitlich monochromen Fläche neben einer zweifarbigen Modulation der frappierende Größenunterschied der Bildteile hinzu. Mit der Kombination zweier (oder mehrerer) farblich verschiedener Rechtecke, teilweise mit Kreisen kombiniert, ungleichen Formats schlägt der Künstler, dessen Formrepertoire während der zehn vorhergehenden Düsseldorfer Jahre vor allem von dem „gedrückten Kreis“ bzw. dem Oval dominiert worden war, einen vollkommen neuen Weg ein. Das Abweichen von der einfachen runden oder viereckigen Grundform kann jedoch nicht ohne Blick auf die 1948/49 entstandene Werkgruppe gesehen werden, bei der Geiger schon einmal mit unregelmäßig geformten Bildformaten experimentiert hatte. Über zwei Jahrzehnte aufbewahrt im Atelier seines Vaters, entdeckt Geiger diese Anfang der siebziger Jahre wieder und stellt sie 1977 schließlich erstmals aus.

Das bei dem Gemälde 725/78 hier angewandte gestalterische Prinzip zieht sich in den folgenden Jahren durch eine ganze Serie von Arbeiten; neben anderen Anordnungen stellt der Künstler immer wieder ein großes, schweres Rechteck auf eine schmale, mal mehr, mal weniger stützende Basis. Dabei scheut Geiger auch nicht vor der (temporären) Kombination bereits einzeln existierender Bilder zu einem neuen Werk zurück: so setzt er 1988 für die Münchner Ausstellung die aus dem selben Jahr stammende Leinwand 782/88 (WV 762) mit einem 1982 entstandenen, titellosen Gemälde (WV 708) zu dem Werk 782/88 (Kaltrot/Warmrot) (WV 761) zusammen.

Wirft man einen Blick auf andere monumentale Gemälde Geigers aus dieser Zeit, so fällt auf, dass diese oft – wie im vorliegenden Werk – als „Farbräume“ oder als „Farbwege“ betitelt werden. Angesichts der Tatsache, dass der Künstler Bildtitel bisweilen als „Gebrauchsanweisung“ für die Begegnung mit seinen Bildern verstand, ist ein Blick auf Geigers intensive Auseinandersetzung mit der Raumbezogenheit von Farbe unerlässlich. Diese kulminiert 1975 mit dem für die Ausstellung im Museum Folkwang in Essen gebauten Farbraum Unisono. Bereits seit 1951 hatte er immer wieder Aufträge für Kunst am Bau-Projekte durchgeführt, nun aber konstruiert der ehemalige Architekt erstmals einen Bau dezidiert um der Farbe willen. Der fünfeinhalb Meter hohe zylindrische Raum mit einem Durchmesser von drei Metern ist innen Leuchtrot gestrichen und soll dem Betrachter das „Element Rot als Farberlebnis“ ermöglichen. Dabei betont Geiger die Rolle des visuellen „Durchwandern[s]“ eines Bildes mit dem Blick und die damit einhergehende Meditation beim Betrachten von Farbe: „Langsam kommt die Wirksamkeit des mich umfassenden Rotraumes über mich, ich spüre wie sich potentielle Rotlichtstrahlen auf mich übertragen, ich werde stimuliert. Element Rot offenbart sich mir in eindeutiger Weise, ich habe Farbe gesehen“ (WV 2007, S. 115)

Dieses Zusammenspiel von Raum und Wirkung bietet einen Ansatz zu einer möglichen Interpretation des letzten, von Geiger im Titel genannten Gegensatzpaares: dem von Geist und Materie. Denn erst die vollendete, technische Beherrschung der Materie, der Anordnung von Formen im Raum, kann das immaterielle Wesen der Farbe erfahrbar machen, deren ureigene Funktion, so der Künstler, in ihrem Wirken auf den menschlichen Geist besteht (Rupprecht Geiger: Farbe ist Element, Düsseldorf 1975, o.S.). Die gegenseitige Bedingung beider Komponenten ist dabei evident.

727/78 (Farbraum, Geist und Materie) (WV 695), Acryl auf Leinwand, 191 x 193,5 cm

Die anhaltende Beschäftigung Rupprecht Geigers mit diesem Thema belegt nicht nur ein Gemälde gleichen Titels aus dem selben Jahr (WV 695), sondern auch eine Reihe von Arbeiten, die ein Vierteljahrhundert später entstehen wird. In der Werkgruppe Geist und Materie aus dem Jahr 2003/2004 kehrt der Künstler zu der Kombination von ungleich geformten Farbflächen zurück. Die dabei entstandenen Bildformate gehen jedoch über einfache kubische oder gerundete Formen hinaus; zudem wird der Aspekt der Materie durch das Einbeziehen der unbehandelten, grauen Leinwand erweitert.

Die Gelegenheit, eine Auswahl dieser jüngeren Werke zu sehen, bietet Ihnen ab dem 30. November 2014 die Ausstellung „Rupprecht Geiger. Geist und Materie“ im Ulmer Kunstverein, die auch Druckgrafik und Multiples aus dieser Schaffenszeit umfasst.

Zitierweise: Massumi, Sarah: Werkbeschreibung 725/78 (Farbraum, Geist und Materie), 1978 (WV 693) [27.11.2014], in: Archiv Geiger Blog LINK (zuletzt aufgerufen am TT.MM.JJJJ).

 

 

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