Rupprecht Geiger Werkübersicht #12: 766a-k/84 (Metapherzahlen 0-9) (WV 739-749), 1984

Anfang der achtziger Jahre sticht eine Reihe an Werken thematisch im Oeuvre von Rupprecht Geiger heraus. Sowohl in der Malerei, als auch in der Zeichnung und Druckgrafik entstehen Werkkomplexe mit dem Titel „Metapher Zahl“.
Das Wort „Zahl“ erinnert sogleich an einen fixen Wert, der in im Alltag allgegenwärtig ist. Aber wie das vorangestellte Wort „Metapher“ schon andeutet, handelt es sich um eine bildliche Übertragung, eine künstlerische Interpretation einer Zahl.
In Geigers Rotbuch – einem leeren, roten Buch, das der Künstler 1975 von Heinrich Böll geschenkt bekommen hat und sukzessive mit Zeichnungen versieht– finden sich bereits Skizzen zu einer „abstrakten Zahlen Reihe“. Mit Kreiden in verschiedenen Rottönen interpretiert Geiger jeweils die Zahlen von 0 bis 9, die er aus dem für ihn typischen Formenkanon von Rechtecken, Kreisen und Quadraten schöpft. Zeichnet man mit dem Finger die Formen nach, so kommt man auf die jeweils interpretierte Zahl. In den Zeichnungen im Rotbuch sind die Zahlformen mit Hilfe von Geigers numerischer Auflösung im unteren Rand einfach zuzuordnen.

Metapher Zahlen 0-2, aus: Rotbuch 1975/78 (WVG 195)

1984 entstehen die Zahlen 0 bis 9 in der Werkreihe 766a-k/84 (Metapherzahlen 0-9) (WV 739-749). Weil diese Werke jeweils durch eine bausteinartige Zusammensetzung besagter Formen entstehen und als fertiges Ganzes in den Raum hineinragen, können wir hier von Objekten reden. Für die künstlerische Gestaltung verwendet Geiger Acrylfarbe auf Holz und alle der 10 Zahlen gleichen sich in der Basis von 110 x 120 cm, die Tiefe jedoch variiert von Zahl zu Zahl. Die Zahlen selbst werden mittels zwei Bausteinen (Kreis und/oder Rechteck) zusammengesetzt; die Ausnahme bildet die Zahl „0“, bei der lediglich eine runde Komponente auf die Basis angebracht wird. Mit der Zahlenreihe von 0 bis 9 konnte er innerhalb eines starren und abstakten Ordnungssystem mit den geometrischen Grundformen spielen.

Diese Thematik beschäftigt den Künstler immer wieder und es entstehen zahlreiche weitere Reihen auf Papier, die er auch im hohen Alter weiterführt. Ebenfalls in der sehr aufwendig gestalteten, über vier Jahre hinweg gedruckten Mappe Rupprecht Geiger – Metapher Zahl (WVG 175) setzt er sich mit den Zahlen auseinander.

Metapher Zahl 1 (WVG 175/1), 1985-1989, Serigrafie/Velin de Creysse 250 g mit Büttenrand, 80,5 x 107 cm

Metapher Zahl 6 (WVG 175/6), 1985-1989, Serigrafie/Velin de Creysse 250 g mit Büttenrand, 80,5 x 107 cm

Der Künstler ordnet nicht unbedingt eine bestimmte Farbe einer bestimmten Zahl zu, sondern es ist für ihn eine willkommene Möglichkeit mit den Farben zu spielen. Parallel setzt er sich gerne auch mit den Vokalen des Alphabets auseinander.

Vokalbuchstabe A, 2002, Kreide und Grafit auf Papier, 70 x 100 cm

 

Als Vorstufe zu den Objekten entstehen im gleichen Jahr kleine Modelle, die sich farblich von den fertigen Gemälden unterscheiden.

Modelle: 766/84 (Metapher Zahlen 5-9) (WV 739), 1984, Acryl auf Holz, je 53 x 21 x 8 cm

 

766g/84 (WV 746), 1984, Acryl auf Holz, 110 x 120 x 24 cm

Wenden wir uns der Metapher Zahl „6“ (766g/84, WV 746) zu: auf einem hochkantigen Rechteck ist bündig mit der linken oberen Ecke ein weiteres, kleineres und schmäleres, Rechteck angebracht. Rechts davon breitet sich ein Geiger’sches Oval auf der Holzplatte aus. Das Hauptrechteck und die Kanten der beiden anderen Formen sind in einem zarten aber kühlen Fliederton gehalten, während das kleinere Rechteck in einem warmen, satten Gelb erstrahlt. Auf dem Oval erstreckt sich von unten nach oben hin verdichtend ein kräftiges Magentapink. Trotz der bausteinartigen Zusammensetzung sind die zusätzlichen Elemente nur auf der Oberfläche in der jeweiligen Farbe gefasst; die Kanten der Formen sind im gleichen Fliederton wie die Grundplatte gefärbt. Dies ist bei allen Metapherzahlen der Fall.

Formal gesehen erinnern diese Metapher-Zahlen an die „shaped canvases“ der 1947/48er Jahre – diesmal wird aber dient die unregelmäßige Form der Interpretation einer Zahl. Damit verstärkt sich der Blick auf die Formen. Auch die Erfahrung der Farbe ist ein zentraler Punkt in diesen Werken: der Geiger-typische Kontrast der Leuchtfarben bringt die Zahlen erst richtig zum Tragen und lädt zum stets neuen Hinschauen ein.

 

Zitierweise: Straubinger, Franziska: Werkbeschreibung 766a-k/84 (Metapherzahlen 0-9) (WV 739-749) [07.01.2015], in: Archiv Geiger Blog LINK (zuletzt aufgerufen am TT.MM.JJJJ).

 

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