„Colour Crush“ in der Kunsthalle Nürnberg (März bis Juni 2026)
On 28. April 2026 by Archiv GeigerDie seit dem 21. März 2026 laufende Ausstellung „Colour Crush“ in der Kunsthalle Nürnberg stellt Farbe als eigenständiges künstlerisches Medium in den Mittelpunkt, das weit über eine rein visuelle Erscheinung hinausgeht. Farbe wird als materielles, raumbildendes Element verstanden, das Licht reflektiert und erzeugt, Atmosphären prägt und emotionale wie kulturelle Bedeutungen transportiert. Ausgehend von Werken von Rupprecht Geiger als historische Position, öffnet sich der Raum für zeitgenössische Werke, die Farbe in vielfältigen Medien und ortsspezifischen Installationen erforschen. Die Ausstellung macht deutlich, wie Farbe zwischen physischer Präsenz und atmosphärischer Wirkung vermittelt und dabei Wahrnehmung aktiv beeinflusst. So wird Farbe als sinnlich erfahrbare und zugleich konzeptuell präzise eingesetzte Kraft erlebbar.



Die Kuratorin Dr. Harriet Zilch hat einen wunderschönen Beitrag zu Geiger und seiner Kunst verfasst, den wir Ihnen nicht vorenthalten möchten:
„Den Ausgangspunkt der Ausstellung Colour Crush bildet ein ikonischer Name der deutschen Kunstgeschichte: Rupprecht Geiger. Seine leidenschaftliche und zugleich konsequent reflektierte Auseinandersetzung mit Farbe markiert den historischen Referenzpunkt der Schau und eröffnet einen Dialog zwischen Nachkriegsmoderne und Gegenwart.
Geiger, eine Schlüsselfigur der europäischen Farbfeldmalerei und Mitbegründer der Gruppe ZEN 49, widmete sein künstlerisches Werk der Untersuchung von Farbe als autonomes Ausdrucks- und Wahrnehmungsmedium. Nach ersten architektonischen Studien und frühen gegenständlichen Arbeiten – nicht zuletzt geprägt durch seine Ausbildung als Architekt – entwickelte er ab dem Ende der 1940er-Jahre eine zunehmend radikale Reduktion. Die Bildfläche wurde zum Experimentierfeld einer Malerei, die sich von narrativen oder figürlichen Bezügen löste und stattdessen Farbe selbst zum Thema erhob. In dieser Konzentration steht Geiger in einer Reihe mit internationalen Positionen der Farbfeldmalerei, behauptet jedoch stets eine eigenständige, europäisch geprägte Sensibilität.
Farbe war für Geiger niemals bloße Oberfläche oder Dekoration. Vielmehr betrachtete er sie als kraftvolle, originäre Präsenz, die unmittelbare Wirkung auf Körper und Geist entfaltet – vergleichbar mit einem Element der Natur, das spürbar Energie und Dynamik erzeugt. Besonders das Rot wurde zu seinem künstlerischen Signum. In zahllosen Variationen – von leuchtendem Zinnober bis zu vibrierendem Karmin – erforschte er die Nuancen dieser Farbe und ihre Wirkung auf die Wahrnehmung. Rot erschien ihm als Verdichtung existenzieller Erfahrungen, als Chiffre für Vitalität, Leidenschaft, aber auch für Grenzerfahrung und Transzendenz.
Die zwischen 1969 und 2005 entstandenen Werke aus dem Archiv Geiger, die in der Ausstellung präsentiert werden, verdeutlichen diese Entwicklung exemplarisch. Charakteristisch sind ovale oder kreisförmige Farbformen, die sich aus monochromen oder subtil modulierten Hintergründen lösen. Die weichen Übergänge und klar gesetzten Konturen erzeugen ein Spannungsverhältnis zwischen Begrenzung und Ausdehnung. Dabei entsteht eine Balance aus formaler Strenge und sinnlicher Unmittelbarkeit. Die Farbe scheint zu pulsieren, sich auszudehnen, den Bildraum zu überschreiten und in den Realraum hineinzuwirken.
Im kunsthistorischen Kontext markieren Geigers Arbeiten einen entscheidenden Beitrag zur Abstraktion nach 1945 in Deutschland. In einer Zeit des kulturellen und moralischen Neuanfangs formulierte seine Malerei ein emphatisches Bekenntnis zur Autonomie der Kunst. Die radikale Reduktion auf Farbe kann als Akt der Konzentration verstanden werden – als Suche nach einer universalen, unmittelbar erfahrbaren Bildsprache jenseits ideologischer Überfrachtung.
Für eine jüngere Generation eröffnet sich heute ein neuer Zugang zu Geigers Werk. In einer visuell überreizten, digital beschleunigten Gegenwart wirkt seine meditative Fokussierung auf einen Farbwert nahezu subversiv. Die Intensität seiner Bilder widersetzt sich der Flüchtigkeit des Screens; sie verlangt physische Präsenz und kontemplative Dauer. So wird Geiger nicht nur als historische Figur rezipiert, sondern als überraschend aktuelle Position, die Fragen nach Wahrnehmung, Materialität und emotionaler Resonanz neu stellt. In Colour Crush fungieren die Arbeiten Geigers daher nicht nur als Referenz, sondern als ein energetisches Zentrum. Sie bilden einen Resonanzraum, in dem sich zeitgenössische Positionen spiegeln, reiben und weiterentwickeln. Seine Malerei erweist sich als offenes System – als fortdauernde Einladung, Farbe immer wieder neu zu sehen, zu fühlen und zu denken.“
Folgende Arbeiten von Geiger sind ausgestellt:
– Druckgrafische Mappe Colour in the Round (WVG 129) von 1969
– 687/74 (WV 666) von 1974
– Pinc contra orange (WV 942) von 2005
Folgende Künstler*innen sind in der Ausstellung neben Rupprecht Geiger ausgestellt: Kirstin Arndt, Rana Begum, Matti Braun, Sophie Herz, Erika Hock, Franziska Holstein, Christof John, Schirin Kretschmann, Zora Kreuzer, Sebastian Kuhn und Kai Schiemenz
Zitierweise: Harriet Zilch: Rupprecht Geiger [05.05.2026], in: Archiv Geiger Blog LINK (zuletzt aufgerufen am TT.MM.JJJJ)
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