Rupprecht Geiger Werkübersicht #10: 675/73 (Sequenz Kalt Warm – Portrait der Farbe Cerise) und 676/73 (Sequenz Kalt Warm – Portrait der Farbe Red), 1973

675/73 (Sequenz Kalt Warm - Portrait der Farbe Cerise) (WV 654), 1973, Acryl auf Leinwand, 450 x 200 cm

676/73 (Sequenz Kalt Warm - Portrait der Farbe Red) (WV 655), 1973, Acryl auf Leinwand, 450 x 200 cm

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Das monumentale Werkpaar 675/73 (Sequenz Kalt Warm – Portrait der Farbe Cerise) und 676/73 (Sequenz Kalt Warm – Portrait der Farbe Red) (WV 654 und 655) aus dem Jahr 1973 unterscheidet sich auf den ersten Blick deutlich von dem zuletzt beschriebenen Werk und steht stellvertretend für die späten Düsseldorfer Jahre. Das Paar verbindet die Hauptgedanken dieser Zeit, ein ideales Verhältnis zwischen Farbe und Form zugunsten der Farbe zu finden. Geiger geht aber mit diesen Werken auch einen Schritt weiter, wenn er 1975 formuliert, dass für ihn die Werktitel teilweise als Anleitung fungieren: „Eine Möglichkeit, Farbe bewußt zu machen, sind auch beigegebene Titel, z.B. Rundes Rot, gelagertes Rot (moduliert, oben hell, unten dunkel) […] Dies ist eine Gebrauchsanweisung, Farbe richtig zu erkennen.“ (Farbe ist Element, 1975) In diesem Fall geht Geiger soweit, die Behauptung aufzustellen, jeweils ein „Portrait“ der Farbe Cerise und eines der Farbe Red vor sich zu haben.

Beide monumentale Leinwände sind jeweils 450 x 200 cm groß und von einer homogenen Farbschicht überzogen. Das „Portrait“ der Farbe Cerise weist eine kaum wahrnehmbare Modulation auf, die durch die Dichte des Farbauftrags entstanden ist. Die Tagesleuchtpigmente, einmal Cerise, einmal Red, wurden mit geringen Mengen Acrylharzdispersionsbinder gemischt und auf die Weiß grundierte Leinwand gesprüht. Der Anteil an Bindemittel ist dermaßen gering, dass die Pigmente in ihrer Körnigkeit erkennbar sind und eine Puderschicht auf der Leinwand bilden. Die Werke sind dementsprechend äußerst fragil, da die Farbe gerade noch eine Verbindung mit dem Bildträger eingeht.

Was sich dem Betrachter sofort aufdrängt ist die ungeheure Präsenz der Farbe. Im einzelnen sind diese Werke schon leuchtend genug: das Cerise-Pigment erstrahlt in einem leuchtenden Magenta, während das Red-Pigment sich in einem schwelenden Orangerot zeigt. Doch die Krux ist hier die Verbindung der beiden Portraits: zusammen machen die beiden Rots den Eindruck, als ob sie darum ringten, die Überhand im Blick des Betrachters zu erlangen. Die Farbe scheint leicht vibrierend aus den Leinwänden heraus zu steigen.

703/75 (WV 683), 1975, Acryl auf Leinwand, 200 x 130 cm

Der Ausdruck Max Imdahls zum Werk 703/75 (WV 683, 1975) von Geiger, dass man hier „eine Immaterialisierung des Materiellen wie umgekehrt eine Materialisierung des Immateriellen“ wahrnehmen könnte, scheint angebracht (Imdahl, Max: Geigers Bild 703/75, in: Kat. Ausst. Rupprecht Geiger, Staatsgalerie Moderner Kunst im Haus der Kunst München 1988, München 1988, S. 37.). Denn der Träger (das Materielle) erfährt durch die aufgesprühte Farbe eine Zurückstellung, ein ‚Unsichtbarwerden‘, während das Immaterielle (die Farbe) durch die Zurückstellung des Materiellen, Oberfläche gewinnt und in sich selbst materiell wird. Die Farbpigmente scheinen im Blick aus dem Fokus zu gleiten, gleichzeitig gewinnen sie dadurch an Leuchtkraft und damit an ungeheurer Präsenz. Stellt sich der Betrachter vor diese beiden Gemälde, so wird er von deren Leuchtkraft umringt und steht im Grunde in deren Farbraum. Dieser Gedanke wird von Geiger durch die Realisierung eines begehbaren Farbraumes (1975) noch greifbarer.

Als ein Spätwerk der Düsseldorfer Jahre Geigers kennzeichnen diese beiden Gemälde die reine Verwendung von „abstrakten“ Tagesleuchtpigmenten, die im anonymisierten Luftdruckspritzpistolen-Verfahren auf die Leinwand aufgetragen werden. Die vollkommene Anonymisierung des Künstlers als Kunstschaffender ist hier vollbracht. Kein Pinselstrich zeugt mehr von ihm. Die Monumentalität der Werke führt Geiger nach seiner Rückkehr nach München 1976 in seinem neugebauten Atelier in München-Solln (das heutige Archiv Geiger) fort.

Aktuelle Präsentation im Archiv Geiger, Foto: Oliver Heisner 2014

Es sollte aber anhand der drei zuletzt beschriebenen Werken deutlich geworden sein, wie Geiger die Vertiefung und Fortführung seiner Absicht, Farbe an sich darzustellen, während seiner elf Jahre an der Düsseldorfer Akademie der Künste umsetzt. Wo er anfangs noch vermehrt mit rechteckigen Formen arbeitet, findet er schnell, 1967, zum „gedrückten Kreis“, der ihm ideal die Farbe zutage zu bringen scheint. Mit diesem Ziel vor Augen geht er einen Schritt weiter, wenn er in den Portraits der Farben Cerise und Red jene Pigmente ohne deutliche Modulation und in formloser Monochromie auf die Leinwand bringt.

Beide Werke können derzeit im Rahmen der aktuellen Präsentation im Archiv Geiger besichtigt werden.

Zitierweise: Straubinger, Franziska: Werkbeschreibung 675/73 und 676/73, 1973 (WV 654 und 655) [28.10.2014], in: Archiv Geiger Blog LINK (zuletzt aufgerufen am TT.MM.JJJJ).

Impressionen #10: Besuch der Ausstellung in Kißlegg

Vor einer Woche wurde die Rupprecht Geiger Ausstellung im Rudolf Wachter Museum im Neuen Schloss Kißlegg abgebaut. Anfang September erreichte uns hierzu eine Email von Axel Schlabitz worin er passioniert von seiner Begegnung mit den Werken Geigers spricht. Diese wollten wir Ihnen nicht vorenthalten und finden es nun passend als Nachhall zu dieser schönen Ausstellung ein paar Ausschnitte zu veröffentlichen. An dieser Stelle vielen Dank an Herrn Schlabitz fürs Teilen!

686/74 (WV 665), 1974, Acryl auf Leinwand

„Am frühen Nachmittag betraten wird das Kißlegger Schloss und wurden somit mit den Werken von Rupprecht Geiger konfrontiert. Es war eigentlich eine unmittelbare, impulsive Begegnung, eine positive Isolation von allem anderen.
Im ersten Raum war es bereits sehr auffällig, dass die Spotlights die Wirkung der beiden Bilder sehr beeinträchtigt haben. Im zweiten Raum war es noch extremer und wir fragten die Aufsicht, ob wir die Leuchten ausmachen dürften. Dies tat sie selbst. Erst jetzt konnten die Werke ihre eigentliche Wirkung entfalten und dadurch noch mehr faszinieren.
(…)
Ich habe in vielen Ausstellungen noch nicht etwas Vergleichbares erlebt, dass ca. 70 Prozent von 16 ausgestellten Werken neben der Faszination über das Können eines Menschen auch dessen Werke solch eine intensive Wirkung auf mich hatten. (…) Ein leerer Raum, das Bild und ich.
(…)
Die menschlich-künstlerische Fähigkeit zu einem „tiefen Sehen“, einer ebenso emotionalen Empfindung, also mit der Seele sehen, Wirkungen wahrzunehmen und sich diese bereits intuitiv vorzustellen oder im Entstehungsprozess überhaupt erkennen zu können. (…) Das Sehen vom noch Verborgenen, das Sehen ohne zu sehen, eine tiefe Präsenz eines positiven Nichts.
All dies war gestern innerhalb von Stunden auf der gesamten emotionalen Ebene körperlich zu erfahren, so dass neben Erfüllung zugleich eine Art Erschöpfung wahrzunehmen war. Aber eigentlich war es das, was durch Herrn Geiger, von ihm, in diesen Werken enthalten ist.
(…)
Ein wundervolles Erlebnis, das leider einen Seltenheitscharakter im primär ‚rational konsumierten‘ Bereich Kunst besitzt und weiterhin besitzen wird.“ Dies auch unter der Betrachtung bzw. Beurteilung, was in dem allgemeinen Begriff Kunst für sich selbst als wertvoll-bedeutsame Kunst und somit emotional wahrgenommen werden kann.“