Sammlergedanken #10

Eine langjährige Geiger-Sammlerin gewährt uns hier einen spannenden Blick in ihr “Geiger-Reich”!

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“Vor drei Jahren habe ich die Nische meines Wohnzimmers neu streichen lassen. Dazu habe ich dem Maler eine kleine Grafik von Rupprecht Geiger gezeigt und gesagt, dieses Blau möchte ich. Die Gestaltung der Schränke rechts und links der Nische wurden vor Jahrzehnten von Rupprecht entworfen, und dazu sollte die Farbe auch harmonieren.
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Und jetzt habe ich eine Arbeit von Rupprecht erworben und in diese Nische gehängt- sie ist wie dafür geschaffen. Sie bringt das Zimmer zum Leuchten und auch die Spiegelung nachts in der Terrassentür ist umwerfend.”

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Impressionen #14: Fototermin

Ende März erhielten wir Unterstützung von Steven Mehrer, der ein kurzes Schulpraktikum bei uns im Archiv absolvierte. Im Rahmen von Ausstellungsvorbereitungen konnte er beim Fototermin assistieren:

“Als Praktikant im Archiv Geiger hatte ich am 29. März die Gelegenheit, dem Fotografen Nikolaus Steglich beim Abfotografieren einiger Kunstwerke sowohl Rupprecht Geigers als auch seines Vaters und seiner Söhne zuzusehen und zu assistieren. Das Fotografieren der Werke, ein erstaunlich aufwändiges, aber hochinteressantes Verfahren, lief folgendermaßen ab: Nach dem Abdunkeln der Fenster des Raumes mit schwarzer Folie, in dem die Fotos gemacht wurden, die störende Lichtflecken auf den Kunstwerken vermeiden sollte, wurden die zahlreichen Geräte, die für das Anfertigen der Bilder nötig waren, aufgebaut. Die Kamera wurde mit einem Laptop und einem hochauflösenden Bildschirm verbunden; außerdem stellten wir zwei Blitzlichtquellen mit großen Schirmen, die dazu dienten, das strahlenförmige Blitzlicht in ein diffuses Leuchten umzuwandeln, auf. Nachdem die Kamera fokussiert und die Blitzlichter in einem exakt abgemessenen Abstand zu der weißen Unterlage auf dem Boden, auf die die Werke gelegt wurden, platziert worden war, fotografierte Herr Steglich die Zeichnungen und übrigen Bilder der Geiger-Familie, angefangen mit einer Abbildung der Brüder Lenz und Florian Geiger (1943 gemalt von ihrem Großvater Willi). Um zu vermeiden, dass die Kamera auf ihrem Stativ immer wieder nach oben und unten verschoben werden musste, wurden die Werke, u. a. Porträts und Radierungen Willis sowie kleinere Zeichnungen Rupprechts und seiner Söhne, ihrer Größe nach absteigend abfotografiert. Damit eine den teilweise sehr detailliert gestalteten Kunstwerken angemessene Bildschärfe gewährleistet werden konnte, überprüften wir jedes angefertigte Foto mithilfe des Monitors genau. Außerdem machte Herr Steglich von jedem Werk zusätzliche Bilder, auf denen den Kunstwerken Farbkeile beigelegt wurden. Mithilfe dieser Karten mit verschiedenfarbigen Feldern kann überprüft werden, ob die Farben der Werke auf den Fotografien tatsächlich originalgetreu wiedergegeben werden. Schatten oder eine unregelmäßige Verteilung des Lichts auf den Bildern waren ebenfalls zu vermeiden. Da Rupprecht auch auf kleineren Zeichnungen häufig leuchtende Neonfarben verwendete, musste darauf geachtet werden, dass diese intensive Leuchtkraft der Farben auf den Fotos gewahrt blieb. Nach einer Umbaupause, während der wir die Kameras auf die Wand gerichtet und die Position der Blitzlichter neu ausgemessen hatten, machte Herr Steglich von den beiden Kunstwerken Rupprechts Bilder, die aufgrund ihrer Größe nicht am Boden liegend, sondern hängend abfotografiert werden mussten. Das letzte Objekt, ein Architekturmodell Florian Geigers, wurde auf einer weißen Plane platziert und ohne Kamerastativ, sondern „per Hand“ fotografiert.

Der beeindruckende Aufwand, mit dem das Anfertigen der Bilder verbunden war, machte mir deutlich, dass der Arbeitsbereich der Kunstfotografie keineswegs banal, sondern äußerst vielseitig und interessant ist. Ich freue mich darauf, einige der Fotos im Katalog zur Ausstellung “Väter & Söhne. Konfrontation und Gleichklang” des Schoßmuseum Murnau zu sehen.”

Sammlergedanken #9

Nach einer Pause erreichte uns mal wieder ein schöner Sammlergedanke, diesmal von Steffie Müller:

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“Die Postkarten habe ich anlässlich eines Archiv-Besuchs gekauft. Endlich sind sie eingerahmt. Es geht nichts über die wunderbaren Farben von Rupprecht Geiger. Sie geben Energie!”

Forschungen zu Rupprecht Geiger

Im Herbst letzten Jahres verfasste die Restauratorin Johanna Stegmüller ihre Masterarbeit über die Maltechnik Rupprecht Geigers. Dazu verbrachte Sie viel Zeit bei uns im Archiv für Recherchen. Zum Tag der Archive am Samstag, den 5. März 2016 wollten wir nun das Exposé der Arbeit von Johanna Stegmüller mit Ihnen teilen, damit Sie einen Einblick in die Forschungen zu Rupprecht Geiger und seinem Werk erhalten!

„Die Wandlung von Farbmaterie zum Farbgeist“
Master-Thesis über die Maltechnik Rupprecht Geigers

„Farbe ist das Motiv:

Ich male das Portrait der Farbe ‚Rot‘. Dieses, in großen, monochrom modulierten Farbfeldern Leuchtrot dargestellt, wird die Potenz der Farbe erkennbar machen. Ihre Stimmungswerte werden auf uns übertragen als geistige Farbkraft empfunden. […] Kaltes Rot. Das Pink der Leuchtfarben insbesondere strahlt beim Aufsprühen nahtlos nach Weiß über. Dokumentiert die Wandlung von Farbmaterie zum Farbgeist. […]“

Dies notiert Rupprecht Geiger 1970/75 in sein Künstlerbuch Exponent.1 Wie diese „Wandlung von Farbmaterie zum Farbgeist“ gestalterisch auf die Leinwand gebracht wurde, beruht besonders auf dem kreativen Prozess des Künstlers – einer praktischen Umsetzung theoretischer Vorbereitungen eines gewünschten Ausdrucks durch die künstlerische Hand. Doch auch die physikalische Beschaffenheit der Werke bedingt ihre Ausdruckskraft. Die von Geiger verwendeten Tagesleuchtpigmente sind beispielsweise eine maßgebliche Vorrausetzung für die Realisierung seiner Ziele. Im Rahmen einer Master-Thesis im Studiengang Konservierung und Restaurierung von Gemälden an der Akademie der Bildenden Künste Stuttgart wurden die materialtechnischen Grundlagen die zur Entstehung der Gemälde Rupprecht Geigers beitrugen, erörtert. Als wichtigste direkte Quelle diente das ehemalige Atelier des Künstlers – das heutige Archiv Geiger in München Solln. Malmaterialien aller Art und aus allen Phasen des künstlerischen Wirkens sind hier noch verwahrt und dienten in Kombination mit den Skizzenbüchern des Künstlers als Zeugnisse. Zu den geschaffenen Werken stellt das Künstleratelier eine aufschlussreiche Quelle für Informationen dar. Im Prozess ihrer Entstehung und in ihren finalen Resultaten sind sie originär behaust im Atelier und der mit ihr geschaffenen Umgebung.2 So offenbart sich hier der kreative Arbeitsprozess als äußerlich wahrnehmbarer Vorgang.3

Die im Archiv noch auffindbaren Malmaterialien zeichnen zudem ein Bild davon auf, aus welcher Produkt-Palette Geiger während seines gesamten Schaffens Nutzen schöpfte. So finden sich im ehemaligen Atelier des Künstlers neben einer großen Vielfalt an Pigmenten auch Bindemittel aller Art und sonstige Zusätze, wie Lösemittel oder fabrikfertige Farben. Auch die Maltechnik des Künstlers lässt sich an Pinseln und anderen Gerätschaften erörtern, wie auch das Mobiliar die Art seiner Benutzung zur Entstehung der Werke verrät. Diese Zeugnisse sollten für die Zukunft erhalten werden und wurden im Rahmen der Master-Thesis ausführlich dokumentiert.

 

 

 

 

 

 

 

 

Unter dem Archivgut im Atelierhaus in Solln befindet sich ein unveröffentlichter Ordner, den Rupprecht Geiger vermutlich selbst anlegte und mit dem Titel „Farbe“ versah. In diesem Ordner wurden Broschüren, Faltblätter und Ähnliches zu Malmaterialien gesammelt. Zudem finden sich einige persönliche Notizen sowie Briefverkehr mit Fachhändlern zu spezifischen Fragestellungen. Einige Unterlagen beziehen sich auf Materialien, die in Zusammenhang mit den Gemälden Geigers stehen und stellen wertvolle Dokumente dar.

 

 

 

 

 

 

Auch in den im Archiv Geiger bewahrten Tage-, Notiz- und Skizzenbüchern Rupprecht Geigers befasst sich der Künstler überwiegend theoretisch mit den Zielen seiner Malerei. Zu technischen Details finden sich vergleichbar wenige Eintragungen. Dennoch konnten einige hilfreiche Randbemerkungen zu Geigers praktischem Vorgehen ausfindig gemacht werden. Auch ließen sich Auskünfte zu verwendetem Malmaterial herausfiltern.

 

 

 

 

 

 

Als spezielle Fragestellung galt es, die früh verwendeten Bindemittelkompositionen der durch Geiger so bezeichneten Eitempera und anschließenden Öl-Malerei, zu erforschen. Hierzu wurden an einer Auswahl von Gemälden minimale Mengen der Malschicht entnommen und diese Proben am Institut für Konservierungswissenschaften in Stuttgart analysiert. Die Komponenten der Malmittel konnten weitreichend geklärt werden und es ergaben sich interessante, bisher nicht bekannte Aspekte zu dieser Thematik. Die Malschichten der Gemälde, die laut Geiger in Eitempera gemalt wurden, enthielten neben verhältnismäßig viel Ei, mehr oder weniger hohe Anteile an Pflanzengummen. Dies stellt sich als eine neue, nicht bekannte Variation der Bestandteile von Geigers Eitempera dar. Auch bei den Malschichtproben der Gemälde aus den Jahren 1958 und 1965, die nach Geigers Angabe in Öl gebunden sind, wurde ein geringer Anteil an Ei detektiert. Bisher war zur Ölfarbe Geigers bekannt, dass er die Pigmente mit Leinöl und Terpentinöl angerieben hat.4 Der durch Geiger so bezeichneten Ölfarbe wurde den Analyse-Ergebnissen nach eindeutig auch Ei hinzugegeben. So handelt es sich also zumindest bei den beprobten Werken nicht um eine reine Ölmalerei.

 

 

 

 

Im Hauptteil der Master-Thesis wurden alle gewonnen Informationen nach ihrer Eigenart in Materialgruppen gegliedert vorgestellt. So wurden zunächst der Bildträger, dessen Format und die Grundierung desgleichen, anschließend die Bindemittel und die Pigmente, die zum Einsatz kamen, sowie zuletzt deren Verarbeitung in ihrer Kombination untereinander, dargelegt. Durch diese Ansammlung von Berichten zur Maltechnik, Auflistungen der überlieferten Materialien und Abbildungen wichtiger Details der Werke innerhalb der Master-Thesis, sollte eine anschließend bessere Einschätzung ermöglicht werden, aus welchen Substanzen die Werke geschaffen sind (Pigmente, Bindemittel, etc.) und welche Elemente als zugehörig angesehen werden müssen (Keilrahmen, Rahmung). Neben dem Überblick zu den im Bilde verwendeten Werkstoffen wurde erörtert, auf welche Art Rupprecht Geiger diese einsetzte, um seine gewünschte Bildaussage zu erreichen. Die Intention des Künstlers konnte durch zahlreiche publizierte Interviews und Einträge in seinen Tage- und Skizzenbüchern mit seinen eigenen Worten nachgezeichnet werden. Abschließend konnten Hinweise für den geeigneten konservatorischen und restauratorischen Umgang mit Geigers Werk gegeben werden. Mit dem Bewusstsein der Intention des Künstlers, die durch die gesteigerte Bedeutung des materiellen Bestandes unterstützt wird, dürfen Eingriffe in die Substanz wie auch das Gesamtgefüge immer nur soweit reichen, dass die in der Master-Thesis dargelegte „Wirkung“ des Werkes gegeben ist.

1 [Geiger R. 1970/75, S. 58] [Geiger, Rupprecht: Exponent. Ein unveröffentlichtes Künstlerbuch 1970/75. In: Ausst. Kat. RG, München 1998. S. 57- 61. Friedel, Helmut: Rupprecht Geiger im Lenbachhaus München, Hrsg. Friedel, Helmut, Städtische Galerie im Lenbachhaus München, 1998, Die Publikation erscheint anlässlich der Ausstellung von Rupprecht Geiger: Rot, Gelb, Blau im Kunstbau des Lenbachhauses vom 28. Januar bis 22. März 1998, Druck und Bindung: Wolf & Sohn, München]

2 [Vgl. Mai 2008, S. 78] [Mai, Ekkehart: Das Atelier – Bild des Künstlers, Topos der Kunst. (S.74-81) in: (Hrsg.) Buschmann, Renate; Marzona, Daniel: Inside the studio. Erika Kif fotogra ert Gerhard Richter, DuMont Buch- verlag, Köln 2008]

3 [Vgl. Bianchi 2011, S. 38] [Bianchi, Paolo: Das Atelier als Manifest. (S. 34-45) In: Kunstforum International, Bd. 208 Mai – Juni 2011.]

4 [Vgl. Klein 1998, S. 74] [Klein, Felicitas: Farbiges Licht – Rupprecht Geiger und die Tagesleuchtpigmente Eine maltech- nische Betrachtung. In: Kat. Ausst. Rupprecht Geiger: „Rot, Gelb, Blau“, Kunstbau des Lenbach- hauses München 1998, München 1998.]

Zeitreise: Stegmüller, Johanna: Exposé zu “‘Die Wandlung von Farbmaterie zum Farbgeist’. Masterthesis zur Maltechnik Rupprecht Geigers”, in: Archiv Geiger Blog LINK (zuletzt aufgerufen am TT.MM.JJJJ).

Farb-Formen

Unsere Praktikantin Annalena Döring hat anlässlich unserer neuen Präsentation im Archiv Geiger, die sich den Werken in unregelmäßigem Format widmet, einen schönen Text zu Rupprecht Geigers “Farb-Formen” verfasst. Einen herzlichen Dank, liebe Annalena!

Foto: Oliver Heissner

Farb-Formen

Schon früh versucht Rupprecht Geiger, die Farbe zu befreien und sie von der Form zu emanzipieren. Die Feststellung, dass Farbe an sich schwer zu erkennen ist, da sie sofort mit ihrer Umgebung Beziehungen aufnimmt, veranlasst ihn zunächst shaped canvases zu verwenden. Er greift damit Frank Stella um 20 Jahre voraus. Geiger erschafft Formen für die Farben, die er darstellen will.[1] Mit singulären Bildformaten, die visionäre Vorstellungen vom All vorwegzunehmen scheinen, ist seine Malerei in der von ihm mitbegründeten Künstlergruppe ZEN 49 unvergleichlich.[2]
Allerdings erkennt er schnell, dass dies nicht der richtige Weg zur Befreiung ist, da die Bildobjekte eigene Körper werden und zu optischen Täuschungen neigen.
Den Sprung zur reinen autarken Farbe vollzieht Geiger durch die Reduzierung auf einfache Formate: Quadrat, Rechteck und Oval. Durch die Nähe zur Architektur greift er auf diese archaischen, optisch unaufdringlichen Formen zurück, die geeignet sind, die Farbe unbeeinflusst zu lassen. „Der sehgewohnten Bindung an Formales entrückt, wird Farbe neu erlebt und endlich als autonomes Element erkennbar.“[3] Geiger versteht unter dem Begriff Farbformen nicht ein vorgegebenes Objekt, sondern die Dimension der Farbe selbst, den Ablauf der Modulation von hell nach dunkel.[4] Von nun an werden Farbformen für Geiger zur Manifestation von Farbe.[5] „Ich bin davon überzeugt, dass Farben Formen entwickeln können“ und „[e]ine Farbe allein muss dem Wunsch nach Form genüge tun können.“[6]

 



[1] Vgl. Helmut Friedel im Film „Geiger“ von Tilman Urbach, 2009.

[2] Vgl. Ausst. Kat. R.G., St. Petersburg 1994, S. 157.

[3] Ausst. Kat. Für R.G., Eine Ausstellung zum 75. Geburtstag, Galerie der Künstler, München 1983.

[4] R.G.: Brief an H.H., 1967.

[5] Vgl. Rupprecht Geiger: Brief an Helmut Heissenbüttel, in: Ausst.Kat. Rupprecht Geiger, Kestner-Gesellschaft, Hannover 1967.

[6] Rupprecht Geiger im Interview mit Maria Wetzel, Diplomatischer Kurier, 12.6.1963.

Impressionen #13: Sonnenuntergang am Chiemsee

Julia Geiger erlebte bei ihrem letzten Besuch in der Bax am Chiemsee etwas ganz besonderes:

“Ich war vor kurzem wieder am Chiemsee und mein Großvater hat mir einen Gruß geschickt. Als Kind habe ich ihn immer wieder dorthin begleitet und wenn die Sonne unterging, sagt er mir dann: ‘Jetzt sollst Du schweigen und nur noch schauen!’
Er ließ sich jedes mal auf die unglaublichen Farbenspiele im Himmel und Wasser ein, wie wenn er zum ersten Mal einen Sonnenuntergang ansehen würde. Für mich war das Faszinierende weniger das Naturschauspiel, als viel mehr seine Faszination für diesen magischen Moment.”

Rupprecht Geiger notierte schon 1975 in seinem Rotbuch folgendes zum Phänomen des Sonnenuntergangs:
“Schau in die glutrote untergehende Sonne, sie gibt Dir Kraft für den kommenden Tag”

 

Rupprecht auf Reisen #11: Tokyo

Den goldenen Oktober habe ich in Japan verbracht und natürlich besuchten wir die Mega-Metropole Tokyo! Ein Geiger-Kärtchen war selbstverständlich auch im Gepäck und wurde in den Hama Rikyu Gärten abgelichtet. Die gepflegte Parkanlage mit traditionellen Häusern gespickt besteht bereits seit dem 17. Jahrhundert. Noch heute ist der Park viel besucht, wo man während dem Genuss einer Schale Matcha-Tee über den Kontrast von Wolkenkratzer-City und traditionell gehaltener Anlage staunen kann.

Rupprecht Geiger verschlug es sogar mehrmals nach Japan: 1986 im Rahmen einer Ausstellung im Seiji Togo Kunstmuseum in Tokyo und 1988 ins Goethe-Institut Osaka für die Ausstellung „Bilder für den Himmel. Kunstdrachen“. Hierzu schuf Geiger eigens Der rote Drachen und setze die Farben Pink und Red in zwei unterschiedlich rechteckigen Formen zusammen. Die daraus entstandene Form eines fast quadratischen Elements mit einem darauf platzierten liegenden Rechteck ordnet sich geschickt in sein Schaffen dieser Zeit ein, evoziert aber gleichzeitig die Form einer traditionellen japanischen Drachenart des Sodedako, der seinen Name einem kimonoartigen Kleidungsstück verdankt.

Rupprecht Geiger, Der rote Drachen, 400 x 400 cm

 

 

Rupprecht auf Reisen #10: Korfu

In Korfu angekommen, dachte ich eigentlich daran, die Quadrate neben einen tollen südlichen Sonnenuntergang zu fotografieren. Jedoch lässt sich das – wie Geigers Werke auch – so schlecht fotografisch festhalten. So habe ich mich bald nach einem anderen Motiv umgesehen und wurde auch sehr schnell fündig.

Rupprecht Geiger hat in seiner Griechenland-Zeit 1944 das mediterrane Licht studiert und gezeigt, wie leuchtend sich alles in diesem Licht zeigen kann. Schon beim ersten Betreten des Hotels fielen mir die tollen roten Blumen mit ihrer enormen Leuchtkraft im Garten auf.

Rupprecht Geiger Werkübersicht #18: Pinc moduliert (WV 958), 2009

Die künstlerische Produktion von Rupprecht Geiger ging in den letzten Lebensjahren als über Hundertjähriger allmählich zurück. Er arbeitete zwar bis Ende 2008 an zahlreichen Zeichnungen, Skizzen und Collagen noch im Atelier, dann vermehrt jedoch im lichtdurchfluteten Wohnzimmer, schuf dadurch aber immer weniger Gemälde. 2009 entstand ein einziges – sein letztes – gemaltes Werk. Dieses kleinformatige Bild, mit den Maßen 55 x 60 x 3 cm trägt den Titel Pinc moduliert (WV 958).

Pinc moduliert (WV 958), 2009, 55 x 60 x 3 cm, Acryl auf Holz

Der modulierte, typisch Geiger’sche Kreis erstreckt sich auf einer weißgrundierten Holzplatte, wie dies am breiten, weiß belassenen Rand erkennbar ist, von unten nach oben in einem Verlauf von Pink zu einem satten Violettton. Der unten fast lasurhafte Farbauftrag lässt die weißgrundierte Platte hindurchscheinen. Ab der Bildmitte verdichtet sich nicht nur allmählich der Pinselduktus, sondern auch die Sättigung des Pigments und infolgedessen die Farbe selbst.
Dieser Farbverlauf erstreckt sich jedoch nur bis zum äußersten Rand des Ovals, eine eher ungewöhnliche Lösung im Vergleich zu den Spätwerken Geigers. Diese gewinnen mit bis zu 7 cm Tiefe und dem bemalten Rand an Objektcharakter und ragen in den Raum hinein. Der weiß belassene Rand bei Pinc moduliert, der nur wahrgenommen wird, wenn der Betrachter sich dem Werk seitlich annähert, hebt sich weniger von der weißen Wand ab, sondern scheint nahezu mit dieser zu verschmelzen. Die pink-violette Scheibe schwebt im Raum, fast immateriell.

In der aktuellen Präsentation im Archiv Geiger hängt Pinc moduliert über dem Requisiten-Tisch im Arbeitsraum. Bei den Führungen durch die ehemaligen Atelierräume wird aus dem Depot eine der frühen russischen Landschaften Geigers gezeigt – das erste von uns beschriebene Werk aus dieser Beitragsreihe, die wir vor nun anderthalb Jahren begonnen haben. Es ist spannend zu sehen, dass zwischen diesen beiden Gemälden 67 Jahren liegen. Träger und Malmittel, Pinselauftrag und Motive haben sich in diesem Zeitraum natürlich verändert, aber die Grundidee, ein Porträt der Farbe zu schaffen, mittels feiner Farbmodulationen, ist geblieben.
Die 18 Bildbeschreibungen konnten zeigen, dass der Künstler anhand von knapp 1000 Werken seine ursprüngliche Faszination für das Thema Farbe im Laufe seines fast 70jährigen Schaffens durchspielen konnte.

An dieser Stelle möchte ich mich bei allen Autorinnen für Ihre spannende Beiträge und die neuen Einblicke in das künstlerische Schaffen meines Großvaters sehr herzlich bedanken. Ein weiterer Dank gilt natürlich unseren treuen Lesern. Wir arbeiten schon an unserer nächsten Beitragsreihe! Sie dürfen gespannt sein.

 

Zitierweise: Geiger, Julia: Werkbeschreibung Pinc moduliert, 2009 (WV 958) [02.07.2015], in: Archiv Geiger Blog LINK (zuletzt aufgerufen am TT.MM.JJJJ).

Rupprecht Geiger Werkübersicht #17: Geist und Materie (WV 929-934), 2003-2004

Bereits 1978 kommt die Bezeichnung „Geist und Materie“ im Werk Geigers vor, um 25 Jahre später – in den Jahren 2003–2004 – wieder in Form von sechs Gemälden und drei druckgrafischen Editionen wieder aufzutreten. Rein optisch zeichnen sich diese späten Werke durch das Aufeinandertreffen von kraftvoller, teilweise modulierter Farbe und unbehandelter, grauer Leinwand aus. Zum Zeitpunkt ihrer Entstehung ist Geiger 95 Jahre alt.

md. pinc (WV 933), 2004, 152 x 168 x 5 cm, Acryl auf Leinwand

Ende der 1950er Jahre thematisiert Geiger die Wirkung der Tagesleuchtpigmente explizit: er weist dem anfangs partiell eingesetzten fluoreszierenden Farbstreifen die Rolle eines sogenannten „Exponenten“ zu. Er setzt diese Leuchtfarbe als Kontrapunkt und „Anreizer“ ein, um die anderen, herkömmlichen Farben, in eine neue Erscheinung treten zu lassen. Er hält dieses Phänomen in einem Tagebuch von 1970/1975 als „Harmonie des Gegensatzes“ fest. Denn genau an den Stoßstellen dieses Aufeinandertreffens entsteht die Spannung. Doch nicht nur der Tagesleuchtfarbe wird die Rolle eines „Exponenten“ zugesprochen: auch die weißgrundierte Leinwand, oder im Fall der „Geist und Materie“-Werke, die ungrundierte, „rohe“, graue Leinwand, haben die Fähigkeit, die Spannung im Blick des Betrachters exponentiell zu erhöhen:

„Die Farben der Materie sind ganz morbid und normal für mich abstoßend, aber in der Funktion, die Leuchtfarbe noch zu erhöhen ganz wichtig, weil sie (die Farben) gerade vor einem morbiden Hintergrund – altes Holz, Baumrinde, usw. – kolossal emporgehoben werden. Umgekehrt wird das Morbide noch morbider. Der Kontrast wird immer größer und immer stärker. Aber in einem guten Sinne funktioniert die Reibung, v.a. an den Stoßstellen. Materie gegen den Geist der Farbe.“
(Rupprecht Geiger im Interview mit Wilhelm Warning 2003)

Gelb zu Rot (WV 934), 2004, 161 x 176 x 5 cm, Acryl auf Leinwand

Den Geist der Farbe sieht Geiger in der Farbe, die vom Bild abstrahlt, im Licht schwebt und nicht materiell gebunden ist. Dieses Phänomen erscheint z.B., wenn man unfokussiert auf ein Werk Geigers blickt. Die Farbe beginnt sich vom Bildträger abzulösen und man erkennt nun nicht mehr die Farbpigmente – die Materie – sondern das Leuchten selbst. Der Bildträger wird als solcher fast nicht mehr wahrgenommen, die Farbe tritt in ihrer Leuchtkraft in den Vordergrund. Die Kanten der Leinwände sind deshalb meist bemalt, um dieses Erleben einer sogenannten Farbaureole zu verstärken.

Geist und Materie 3 (WV 931), 2003, 142 x 173 x 5 cm, Acryl auf Leinwand

 

Um den gewohnten Blick aufs Bild weiter aufzubrechen, wendet sich Geiger im Rahmen der Geist-und-Materie-Werkgruppe auch wieder dem unregelmäßigen Bildformat zu, das er bereits in einer Werkgruppe vor 65 Jahren, 1948/49, verwendet. Mit dem unregelmäßigen Bildformat wendet sich Geiger bewusst vom traditionellen Blick aus einem Fenster ab und konzentriert sich auf das Wesentliche: Farbe und Form in verstärkter Abstraktion. Die Formenvielfalt im Werk wird zugunsten der Farbe in den Hintergrund gedrängt, weil das Werk selbst als Form auftritt. Die Gemälde treten fast schon grafisch auf: runde und rechteckige Formen scheinen zufällig aufeinanderzutreffen und wachsen über die reguläre Leinwandkante hinaus. Durch die Größe der Werke wachsen sie auch aus dem Blickfeld des Betrachters hinaus. So legt sich beispielsweise bei Geist und Materie 1 (WV 931, 2003) ein hängendes Kreissegment in Gelbtönen moduliert mit rechteckigem obigen Abschluss von links kommend unvermittelt auf die unbehandelte Leinwand. Bei Gelb zu Rot (WV 934, 2004) treffen ein leuchtroter Kreis und ein gelbes Rechteck mit einer kaum wahrnehmbaren Modulation auf der grauen Leinwand aufeinander. Das farbliche Zusammentreffen erfolgt deshalb fast als brutale Kollision. Geiger spitzt die Kombination von toter Materie und vitaler Farbigkeit in seinen letzten Schaffensjahren nochmals zu, als er beispielsweise eine leuchtpinke Leinwand mit Treibholz kombiniert oder Fundstücke aus der Natur und dem Alltag zu bunten Collagen zusammenstellt.

Die Beschäftigung mit dem Farbkontrast zieht sich wie ein roter Faden durch Geigers gesamtes Oeuvre. Ob durch Farbverläufe auf archetypische Formen, wie ein Oval, das vor unseren Augen verschwimmt, oder unregelmäßig geformten Leinwänden, die gleichsam unser Blickfeld zu sprengen scheinen, oder den Kontrast von Tagesleuchtpigmenten und roher Leinwand. In all diesen „Übungen“ dekliniert Geiger Farbe in ihren Erscheinungsformen durch.
Diese Konstanz kulminiert im Gedanken des „Portraits der Farbe“. Was damit gemeint ist, wird deutlich in den Überlegungen, die Geiger zum Thema Geist und Materie anstellt. 1975/78 schon äußert sich Geiger zum Verhältnis von Geist und Materie. Damals unterscheidet er noch zwischen geistiger und materieller Farbe: die materielle Farbe als das aufgetragene, in Acryl gebundene Farbpigment und die geistige, als die vom Werk Abstrahlende, die im unfokussierten Blick von der Leinwand austritt.

In seinen letzten Schaffensjahren begreift Geiger dann das Wesen der Farbe eben als das abstrahlende Geistige. Für ihn bildet das Materielle der Farbe die Grundlage, doch das  Entscheidende, das Wesen der Farbe, was es im „Portrait der Farbe“ einzufangen gilt, ist „das sich von der Farbmaterie absondernde Farblicht“.
Geigers Werke machen also die Farbe in ihrer Bewegung sichtbar, in den Spannungen, die sich zwischen „Geist und Materie“ ergeben und zu einem lebendigen Ganzen führen.

 

Zitierweise: Straubinger, Franziska: Werkbeschreibung Geist und Materie, 2003–2004 (WV 929–934) [01.06.2015], in: Archiv Geiger Blog LINK (zuletzt aufgerufen am TT.MM.JJJJ).