Ausstellung „Inventur – Art in Germany, 1943-55“ in den Harvard Art Museums in Cambridge, USA

Am Donnerstag, den 8. Februar eröffnete die Ausstellung „Inventur – Art in Germany, 1943-55“ in den Harvard Art Museums in Cambridge, MA. Über fünf Jahre recherchierte die Kuratorin Lynette Roth die Lage der deutschen Künstler und Künstlerinnen, die während des Zweiten Weltkrieges nicht das Land verließen. Im Rahmen ihrer Forschung reiste Roth einige Male nach Deutschland, besuchte Museen, Sammlungen und Nachlässe, um schlussendlich eine Schau mit 160 Werken von 50 verschiedenen künstlerischen Positionen zusammenzustellen.

Die auch innerhalb der Kunstgeschichte Europas wenig beachteten Jahre unmittelbar nach Ende des Zweiten Weltkrieges werden nun erstmalig innerhalb der USA aufgegriffen. Wo sonst meist nur die Arbeiten derjenigen Künstler*Innen ins Licht gestellt wurden, die im Zuge des stärker werdenden Nazi-Regimes und unmittelbar nach Kriegsende in die USA kamen, bekommen nun – teilweise auch in Deutschland – wenig bekannte Positionen eine Plattform.

Roth versucht mit dieser Ausstellung anschaulich darzustellen, dass sich die sogenannte „Stunde Null“ nicht durch einen klaren Cut kennzeichnet, sondern, dass der Übergang ein fließender war, da ein Großteil der verbliebenen Künstler*Innen weiter arbeitete. Deshalb werden im Rahmen dieser Ausstellung die beiden Jahre vor Kriegsende miteinbezogen, um anhand von Positionen aus Malerei, Skulptur, Zeichnung, Fotografie, Grafik und Kunsthandwerk dies zu verbildlichen.

Im Frühjahr 2016 besuchte uns Lynette Roth im Archiv Geiger. Innerhalb interessanter Gespräche und dem Öffnen von Schubladen kristallisierte sich rasch heraus, dass Arbeiten von Rupprecht Geiger Eingang in die Ausstellung finden sollten. Im Laufe des Jahres wurde der Wunsch konkreter bis schließlich feststand, dass insgesamt vier Werke von ihm über den Atlantik reisen sollten, davon drei Leihgaben aus dem Archiv Geiger.

 

Rupprecht Geiger, Kriegstagebuch Russland, 1941, 21 x 31 cm (offen)

Das frühste Werk ist ein Kriegstagebuch von 1942. Geiger selbst hatte während seiner Stationierung in der Nähe von Moskau während des Zweiten Weltkrieges mit seinem – wie er selbst nannte – autodidaktischem Studium der Malerei begonnen. In mehreren Tagebüchern hielt er seine Beobachtungen und Erfahrungen während des Krieges schriftlich fest, ergänzt diese aber stets mit Skizzen. Diese gegenständlichen Zeichnungen stehen im Kontrast zu den vorangehenden Arbeiten, die nach Ende des Krieges entstehen. Wie auch viele Künstler*innen seiner Generation wendet sich Geiger nach seiner Rückkehr aus dem Krieg vom Gegenständlichen ab und hält 1949 fest:

„Die Welt schreit nach Erneuerung oder Untergang. Die Abkehr vom Gegenständlichen, der Ekel vor den Dingen, die auf den Menschen bezogen sind, hat seinen tiefen Grund. Diese Menschheit hat sich zutiefst verdächtig gemacht. Der herrlichste Frauenkörper hat nun den Makel auf dem Leib, die Frucht dieser bösen Sippe zu tragen. Wir müssen bescheiden werden, ganz aus den Anfängen kommen, entsagen, ganz unpathetisch sein und sogar unpersönlich sein. Die Form muß noch einfacher, bescheidener werden und dabei von inbrünstiger Liebe zur Farbmaterie zurück bis zur schüchternen Aussage. Aber mit großer Innigkeit der Empfindung muß es gesagt sein.“

 

Rupprecht Geiger, Ohne Titel, ca. 1947, Gouache auf Papier, 35,5 x 46 cm

Verhältnismäßig unbekannt sind Geigers Zeichnungen aus dieser Zeit; im Rahmen der Ausstellung ist auch die Gouache-Arbeit Ohne Titel von ca. 1947 vor Ort zu sehen. Vor einer desolaten, giftig-grünen Landschaft vor rotbraunem Himmel scheinen sich verschiedenste Formen und Farben auf einer hellbraunen Anhöhe zu zitternden Architekturen zu türmen und fast miteinander zu kommunizieren oder gar zu kämpfen. Zwei Hauptformen stellen sich in den Vordergrund: links eine mauve, muschelartige, fast gemauerte Form, rechts ein grau modellierter Bau mit Türbögen im unteren Bereich. Beide scheinen sie „Bauelemente“ zu verlieren: Fensterformen, Rauch, Türen usw. Fast meint man in den Formen am linken Rand Waffen zu erkennen, die vielleicht Schuld an diesem Verlust sein könnten. Die gesamte Komposition hat einen surrealen Flair, der Betrachter sucht Halt darin die Formen bestimmen zu können, scheitert jedoch in einer definitiven Zuweisung. Was bleibt ist ein leicht beklemmendes Gefühl von düsterem Unbehagen.

 

Rupprecht Geiger, E 52 (WV 28), 1948, Eitempera auf Leinwand, 66 x 77 cm

Ausstellungsansicht von den Arbeiten „E 52“ (1948) und „E 80 (Zwei Rottöne)“ (1949) von Rupprecht Geiger

Zwei Arbeiten aus der 14-teiligen Werkgruppe in unregelmäßigem Bildformat sind auch ausgestellt. Die Leihgabe aus dem Archiv ist das Eitempera-Gemälde E 52 von 1948. Links wächst ein schmales liegendes Rechteck nach rechts hin in ein spitzes Dreieck. Nicht nur formal findet eine Verschmelzung statt, auch farblich. Das Rechteck ist in Kobaltblau-Nuancen – mal heller, mal tiefer – gefasst und dringt kurz in das helle Dreieck hinein bis es mit einer Schräge nach unten abfällt und verschwindet. Das Dreieck selbst ist von oben nach unten von Weiß bis Zart-Hellblau modelliert. Doch die Konfrontation von rechteckiger Farbform und Hellblau wird in einem strahlenden Weiß kenntlich gemacht. Bei genauerem Hinsehen sind neben den strengen, geraden aber auch organischen Linien zu finden: in der oberen Spitze des Dreiecks schweben vier weiße „Wölkchen“ wie schwerelose Wasserstropfen im All nach oben.

Rupprecht Geigers kleine Werkgruppe „shaped canvases“ entstanden 1948-49. Damit wollte Geiger die sonst fast unumgängliche Assoziation eines Fensterblicks bei Leinwänden umgehen um die Abstraktion zusätzlich zu aktivieren. Diese Arbeiten werden aber von ihm als zu experimentell eingestuft und weggepackt. Erst 1976 sollten sie wieder gefunden werden und fehlen seither bei keiner Retrospektive.

Diese Absage an die figurative Kunst Geigers wird in den Werken, die in den Harvard Art Museums ausgestellt sind deutlich, als er sich über surreal verzerrte Landschaften zu neuen Formen bewegt. Die Nachkriegsjahre dienten Geiger als Orientierungssuche, in denen er sich immer mehr der Abstraktion zuwendet, bis er dem Gegenständlichen Ende der 1940er Jahre ganz absagt. Immer aber ist der Farbverlauf, die Modulation, in seinen Werken präsent, dem wichtigsten gestalterischen Prinzip, das ihn auf seinem Weg, das Portrait der Farbe zu schaffen, immer begleiten wird.

Die Ausstellung wird von einem detaillierten und gut recherchierten Katalog begleitet und ist noch bis einschließlich 3. Juni 2018 in den Harvard Art Museums zu besichtigen.

Zitierweise: Straubinger, Franziska: Ausstellung „Inventur – Art in Germany, 1943-55“ in den Harvard Art Museums in Cambridge, USA [20.02.2018], in: Archiv Geiger Blog LINK (zuletzt aufgerufen am TT.MM.JJJJ).

Rupprecht auf Reisen #17: Sardinien

Den Juni verbrachte ich mit meiner Familie auf Sardinien – die abwechslungsreiche Mittelmeerinsel bescherte uns nicht nur sensationelle Sonnenuntergänge im Westen, sondern auch kulturelle Kostbarkeiten.

Im Osten der Insel verschlug es uns nach Ulassai, einem kleinen Bergdorf bekannt für Sardiniens größte Grotte, die grotta su marmuri. Doch Ulassai beherbergt auch eine weitere besondere Sehenswürdigkeit: die Stazione dell’arte. Diese Kulturstätte wurde vor etwa 30 Jahren von der sardischen Künstlerin Maria Lai (*1919 †2013) und ihrem Heimatort Ulassai ins Leben gerufen um eine Plattform für zeitgenössische Kunst in Sardinien zu bieten. Lai vermachte der Stiftung auch circa 100 ihrer Werke, die im schlichten ehemaligen Bahnhofsgebäude einen Überblick über Ihre Schaffensphasen und einen Eindruck von den unterschiedlichsten Techniken, der sich die Künstlerin bediente verschafft.  Lai, die in Italien große Bekanntheit genießt, verstand es mit ihrer Kunst immer Bezug auf ihren Herkunftsort zu nehmen und diesen – sei es durch Benutzung von dort typischen Materialen oder Einbezug der Einheimischen und bestimmter Orte in ihren Happenings – mit einzubeziehen.

Maria Lai, Errando, Faden auf Samt auf Leinwand, 1987

Dieses Jahr ist Lai in aller Munde, vertreten auf der Art Basel 2017, der documenta 14 und auch auf der diesjährigen Biennale in Venedig.

Es macht immer wieder Freude andere spezialisierte Kultur-Institutionen zu besuchen und kennnenzulernen. Die Stazione dell’Arte in Ulassai ist ein feiner Ort, ein Juwel, auf den man nicht zu stoßen dachte in einer solch kargen, von Erdrutschen geplagten Gegend. Ein Ort für eine entspannte und fokussierte Begegnung mit der Kunst und einem hervorragenden Team, der einem das Werk von Maria Lai mit großer Begeisterung und Kompetenz nahe bringt.

Rupprecht auf Reisen #15: Miami, Florida

Wir freuen uns immer sehr über Zusendungen von Geiger-Fans, diese reichen von Geschichten von Werken im privaten Kontext bis hin zu von Geiger ausgehenden Impulsen! Vor kurzem erreichte uns eine Mail mit folgendem Inhalt: eines unserer QR-Codes war in Miami, Florida!

Vielen Dank für die Einsendung!

„Meine Frau und ich haben heuer zu unserer Reise nach Südflorida einen winzigen, pinken Siebdruck mitgenommen, weil keine Farbe besser zu Miami passt als dieses ganz tolle Pink, das in diesem meist gleißenden Licht, zu noch stärkerer Wirkung kommt.“

 

 

 

Impressionen #16: Kunstprojekt mit Jugendlichen

Kunstprojekt in Kooperation mit dem Archiv Geiger für Kinder und Jugendliche aus dem Jugendtreff pfiffTEEN Hadern

Am Vormittag des Donnerstags, den 9. Februar 2017, haben wir, die Mitarbeiter des Jugentreff (JT) pfiffTEEN Hadern (KJR München-Stadt) mit 8 Mädchen und 7 Jungen (aus den fünften und sechsten Klassen der Mittelschule Guardinistraße) zuerst das Archiv Geiger in München-Solln besucht und danach an einem Siebdruck-Workshop im Atelier von Ekkeland Götze teilgenommen.

Doch wie kam es dazu, dass unserem Jugendtreff die Ehre zuteil wurde, bei einem so exquisiten Kunstprojekt teilzunehmen. Die Idee entstand schon vor etwa zwei Jahren, nachdem ich privat an einem Siebdruck-Workshop des Archiv Geiger bei Ekkeland Götze teilnahm und mein entstandenes Werk mich sehr stolz machte.
Meine folgende Überlegung war, dass sich unser lichtdurchfluteter und stark frequentierter Jugendtreff wunderbar dazu eignen würde, die selbst erstellten Werke der Kinder auszustellen. Außerdem würden sich die Kinder Gedanken über die Entstehung von Kunst, die Betitelung und die Art der Aufhängung der Exponate machen müssen, da sie mit der öffentlichen Ausstellung ihrer Werke erklären müssten, was genau sie da auf welche Art und Weise erschaffen haben.

Anschließend an die Geburt der Idee hieß es, die Verantwortlichen des Archivs Geiger, meine Kollegen im Team des Jugendtreffs, die Mittelschule an der Guardinistraße und nicht zuletzt die Kinder und Jugendlichen zu überzeugen, dass ein derartiges Projekt allen einen Vorteil bringen würde und zudem hervorragend zu unserem diesjährigen Motto ‚Farbe Rot‘ passen würde.
Mit einigen Besprechungen waren alle Widrigkeiten ausgeräumt und es konnte zur Realisierung fortgeschritten werden.

Treffpunkt 9. Februar, 10 Uhr, Archiv Geiger: Dort erhielten wir bei einem geführten Rundgang durch die ehemaligen Atelierräume einen Einblick in das Leben und Werk des Künstlers Rupprecht Geiger. Wir lernten einiges über Methode und Ziel des Künstlers sowie dessen angewandter Techniken und verwendeten Pigmente.


Danach ging es mit dem Erlernten und dem Erlebten im Gepäck zum Mittagessen zurück in den JT pfiffTEEN nach Hadern.
Gestärkt und ausgeruht machten wir uns sodann auf den Weg zum Atelier des Künstlers Ekkeland Götze nach Sendling, um dort bei einem Siebdruck-Workshop selbst Hand anzulegen, Rupprecht Geigers Haupttechnik konkret auf den Grund zu gehen und – nicht zuletzt – selbst ein kleines Kunstwerk zu erschaffen.

Nachmittag, 15 Uhr, Atelier Götze, Gotzingerstr. 52 B: Nach einer kurzen Einführung in die verschiedenen Arten der Drucktechnik wurde gegen 15.30 Uhr unter Anleitung von Ekkeland Götze zur Tat geschritten und es entbrannte ein aufgeregtes Treiben. Während die Farbtöne von leuchtend Orange nach Pink auf das Sieb aufgetragen wurde, keimte schon die erste Idee bei den Kindern auf, wie solch eine Farbmodulation entstehen könnte. Die Mutigeren unter ihnen mussten gebremst und die Schüchternen leicht ermutigt werden. Sie durften nacheinander ihren ganz persönlichen Bogen, der vorab nummeriert und dem entsprechenden Namen zugeordnet wurde, bedrucken, indem sie den Rakel mit Druck über das Sieb zogen. Danach wurde der Bogen zur Trocknung aufgehängt. Die Schürze musste zügig dem nächsten TeilnehmerIn übergeben werden, sodass es zu keinem Arbeitsstopp kam, denn schließlich hatte Ekkeland die klare Anweisung gegeben, nicht zu trödeln, damit die aufgetragene Farbe am Sieb nicht antrocknet.
Gegen 16.30 Uhr hatten alle Kinder eigenhändig zwei Bögen gedruckt und wollten diese am liebsten sofort mitnehmen.
Jedoch wurde ihnen nochmals erklärt, dass erst nach der Trocknung eines der Werke an sie überreicht, das zweite im Jugendtreff aufgehängt und ausgestellt wird. Die sinnliche Erfahrung des Erschaffens hatte sie erst richtig begreifen lassen, wie der Künstler Rupprecht Geiger gearbeitet hat.

Erschöpft und glücklich kamen wir um 17 Uhr wieder in Hadern an und konnten somit den lehrreichen und erlebnisreichen Tag für beendet erklären. Alle sind gespannt auf die zukünftigen geplanten Ausstellungen ihrer Werke – so soll zudem der Jugendtreff einen Beitrag zur Stadtteilarbeit leisten –, sodass auch die anderen Kinder und Jugendlichen sehen, was an diesem einen Tag entstanden ist. Außerdem bleibt natürlich mit Spannung abzuwarten, welch Samen man mit solch einer Aktion in der Seele eines Jugendlichen sät und was daraus einmal entstehen kann.

Herzlich bedanken möchten wir uns nochmal bei der Geschäftsführung des Archiv Geiger, Julia Geiger, die uns dieses Projekt ermöglicht hat, sowie Sandra Westermayer, die die Führung durch die Atelierräume übernommen hat, bei Ekkeland Götze, der uns für diese Aktion seine Werkstatt zur Verfügung gestellt und der bei den Kindern und Jugendlichen einen bleibenden Eindruck hinterlassen hat. Zudem sei der Direktorin der Mittelschule an der Guardinistraße sowie den Mitarbeiterinnen der Schulsozialarbeit, die einen wichtigen Teil der organisatorischen Arbeit übernommen haben, ein großes Dankeschön ausgesprochen.

 

Text: Teoman Altinbas
Fotos: Maro Nikolaidou

Impressionen #15: Vinzenz im Archiv

Mitte Januar bekam das Archiv Besuch vom kleinsten Kunstpädagogen der Welt: Vinzenz vom Holzknechtmuseum in Ruhpolding. Seine Entdeckungen veröffentlichten wir dann auf Instagram. Unsere Kollegin Sandra Westermayer organisierte seinen Besuch und gibt uns hier einen Blick hinter die Kulissen einer solchen Social-Media-Aktion!

 

Vinzenz On Tour im Archiv Geiger

Ich habe mich sehr gefreut, als ich Anfang Dezember von der Teilnehmerin einer vergangenen Veranstaltung des Archivs für die Bayerische Museumsakademie auf die geplante Social-Media-Aktion ‚Vinzenz On Tour‘ vom Ruhpoldinger Holzknechtmuseum aufmerksam gemacht wurde. Mir war sofort klar, auf die Frage, der Vinzenz nachgehen wollte, nämlich: was ist aus dem vielen geschlagenen Holz geworden?, haben wir einiges beizusteuern und wir laden Vinzenz zu uns ins Archiv Geiger ein.

Nachdem ich mir ein paar Gedanken zum Thema ‚Rupprecht Geiger und Holz‘ gemacht und meine Vorschläge mit Julia Geiger geteilt habe, sind wir gemeinsam durch das ehemalige Atelier gezogen und haben Ideen zu möglichen Fotomotiven gesammelt. Als am Montag, den 16.1.17, der Koffer mit der Holzfäller-Playmobilfigur Vinzenz vor der Tür stand, legte ich, mit einem Fotoapparat bewaffnet, sofort los.

Inhaltlich wurde die Story, was Vinzenz auf seiner Erkundungstour durch das Archiv Geiger in Verbindung mit dem Thema Holz alles erlebt, schnell sehr lang, bin ich doch auf immer mehr Ideen, Blickwinkel und Perspektiven gestoßen.

Es war schwieriger als gedacht, die knapp 10 cm große Figur in Verbindung mit Rupprecht Geigers Werken so zu fotografieren wie wir uns das überlegt haten, da es schnell ein Problem mit der Bildschärfe gibt, wenn Vinzenz im richtigen Größenverhältnis erscheinen soll.

Dennoch sind mehr Fotos entstanden, als wir letztlich auf Instagram veröffentlichen konnten. Daher möchten wir nun weitere Bilder von Vinzenz‘ Blickwinkeln im Archiv in diesem Rahmen noch veröffentlichen und wünschen Ihnen viel Spaß dabei!




Rupprecht auf Reisen #14: Daheim in München

Unsere Kollegin Annelena Döring war letzte Woche im verschneiten München unterwegs und hat folgende Gedanken festgehalten:

Rupprecht im Schnee

Manchmal muss man auch gar nicht weit reisen, um es so schön zu haben wie dieser Tage in München. Bei frischem Schnee und klirrender Kälte kann man sonntags über den Königsplatz spazieren, immer mit Rupprecht in der Nähe: der Königsplatz liegt zwischen dem Zentralinstitut für Kunstgeschichte, ehemals Central Collecting Point wo Rupprecht 1949 mit der Künstlergruppe Zen 49 ausstellte, und dem Lenbachhaus. Dort ist noch bis April der Geiger-Raum zu sehen, dann wird umgebaut und einige Schätze verschwinden erstmal im Depot.
Rupprechts wärmendes Rot ist bei dem vielen Schnee eine wohltuende Abwechslung für Auge und Seele. Der Schnee erscheint weiß, weil er das gesamte sichtbare Lichtspektrum reflektiert, für Rupprecht hingegen war alles von hellgelb bis dunkelviolett der Farbe Rot zuzurechnen.

Rupprecht auf Reisen #13: USA

Das neue Jahr beginnen wir mit einer Reise! Unsere Kollegin Sandra Westermayer war in den USA unterwegs:

„Vier Wochen habe ich mit meiner Familie samt den Geiger’schen Quadraten im Gepäck in den USA verbracht. Mehrere Male bin ich Phänomenen oder Dingen begegnet, die mich unweigerlich an Rupprecht Geiger haben denken (und manchmal die Serigrafie-Quadrate haben zücken) lassen: farbkräftigste Sonnenuntergänge, leuchtende Neonbuchstaben in einer Dunkelkammer im Kindermuseum in Lincoln, Brunnen in spannenden Farbzusammenspielen oder bunte Stelen auf öffentlichen Plätzen…“

Brunnen in ‚Ascent‘ am Tower Square von Jun Kaneko aus dem Jahre 2014 in Lincoln, Nebraska

 

Leuchtbuchstaben in einer Dunkelkammer im Kindermuseum in Lincoln, Nebraska

Ausstellung in Wels

Die Kuratorin Angela Stief hat uns einen kleinen Beitrag zukommen lassen worin sie von ihrer Begeisterung für Rupprecht Geigers Kunst schreibt. Wie passend, dass Sie die Ausstellung „Lichtjahre“ im Museum Angerlehner in Thalheim bei Wels kuratiert hat! Dort ist noch bis zum 26. Februar 2017 eine schöne Auswahl an Geigers Werken zu sehen!

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Foto: © Horst Stasny

„Schon seit langem liebe ich das Werk von Rupprecht Geiger! Unabhängig von seinem kunsthistorischen Wert haben mich die intensiven Farben und die klaren Formen seiner Arbeit immer begeistert. Sie sprechen den Betrachter so unmittelbar an! Um Geigers Kunst zu verstehen, braucht man weder Fachwissen noch Erklärungen. Man spürt auch, dass er Kunst um ihrer selbst willen gemacht hat. Ganz im Sinne von: Machen, was man machen muss. Das verstehe ich auch unter authentischer Kunstproduktion und ich finde, dass das die wichtigste Motivation für einen Künstler überhaupt ist. Diese immanente Überzeugungskraft lässt mich ich als Kuratorin wiederum aktiv werden. So stand eine Ausstellung mit Rupprecht Geiger schon lange auf meinem Wunschzettel der imaginären Projekte. Dafür bedarf es eines Museums und eines herausragenden Raumes. Durch die private Initiative von Heinz Josef Angerlehner ist es nun gelungen, in der neu sanierten, ehemaligen Industriehalle in Wels (OÖ), eine umfassende auf rund 1.000 Quadratmetern stattfindende Einzelpräsentation von Rupprecht Geiger in Zusammenarbeit mit dem Archiv Geiger zu realisieren. Die ästhetische Vehemenz dieses einzigartigen Oeuvres kommt an diesem Ort besonders gut zur Geltung!“

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Foto: © Horst Stasny

Vielen Dank, Angela Stief für diesen Beitrag!

Die Familie Geiger: Florian Geiger

Florian Geiger bezeichnet sein künstlerisches Schaffen, programmatisch seinem vielseitigen Lebensentwurf entsprechend, wiederum so: „Weit gefächert der Blick, an jeder Weggabelung offen für neue Richtungen“.[i] Nach seinem Architekturstudium in München und Berlin in der ersten Hälfte der 1960er-Jahre arbeitet er zunächst in verschiedenen Architekturbüros in Berlin und London. Parallel und ergänzend zu dieser Tätigkeit entwickelt er spannende Konzepte zu utopischen Architekturprojekten, die gewissermaßen heutigen architektonischen Problembewältigungen in Megalopolen sowie der Auseinandersetzung mit ökologischen Lösungen vorausgehen. Zum Thema „Häuser mit stürzenden Wasserwänden“ entsteht ein Zyklus frei gezeichneter Entwürfe mit wenig farbigen Akzenten, die als Serigrafien vervielfältigt werden – exemplarisch hierfür steht das Blatt „Ohne Titel“, um 1970. Rechts der mittigen, organischen und naturnahen Zeichnung, die durch graue und leuchtorangene Strahlen betont und dadurch ins Künstlerische überhöht wird, sind weitere Vorstufen der Idee in Seitenansichten und Grundriss zu erkennen – links wiederum wird der zentrale Entwurf in zwei detaillierten Ausführungen konkretisiert, deren Essenz es ist, in der Architektur platzsparend – statt in die Breite in die Höhe – zu planen und grüne Flächen auch an ungeahnten Stellen zu positionieren.

F Geiger

Florian Geiger, ‚Ohne Titel‘, ca. 1970

Vor dem Neuanfang in Südfrankreich beschäftigt sich Florian bereits mit Segelobjekten aus Papier für den Innen- und aus Stoff für den Außenbereich, die seine spätere Arbeit mit künstlerischen und am Entstehungsort formal sowie den klimatischen Bedingungen stark angepassten Sonnensegeln vorbereiten. Ab 1990 stellt er außerdem in den darauffolgenden 20 Jahren neben Erdziegelbauten Jurten her, die seinem Streben nach einem einfachen, der Natur verhafteten Lebenskonzept folgen. Wiederholt reicht Florian Entwürfe und Modelle bei verschiedenen Wettbewerben für Arbeiten im öffentlichen Raum ein,[ii] so auch für das unrealisierte Projekt an der Universität Augsburg im Jahr 2004, dessen Modell „Fächerdach“ in Murnau zu sehen ist. Dabei nimmt das Material Stoff wieder eine zentrale Rolle ein. Seine Faszination für das Element Wind, deren Ursprung in Kindheitserlebnissen in der Bax liegt, mündet in der von ihm selbst betitelten „Windart“: 2004 platziert er am Fuß von zwei sich treffenden Tälern die Installation „Rafalodrome“; bestehend aus unzähligen Stoffdreiecken, die an parallel laufenden Drahtseilen hängen, vorderseitig blau, rückseitig orange: Diese Stoffecken visualisieren die starken Windwirbel der aus dem Norden wehenden Tramontane, indem sie durch die Windkraft in die Luft emporgehoben werden und ihre orangene Rückseite zeigen.[iii] Des Weiteren setzt Florian seit 15 Jahren Fundstücke zu sogenannten Assemblagen zusammen, ganz der Tradition der aus zahlreichen Materialien zusammengesetzten Masken von Willi in der Bax und den spielerisch dreidimensionalen Collagen im Spätwerk Rupprechts folgend.

Modell 3

Florian Geiger, ‚Fächerdach – Architekturmodell für die Universität Augsburg‘, 2004

Die vier besprochenen Künstler haben sich nicht nur künstlerisch gegenseitig beeinflusst. Es entstehen sogar gemeinsame Projekte zwischen Rupprecht und seinen Söhnen. So gestaltet Lenz beispielsweise typografisch die sechs von Rupprecht in intensiven Farben entworfenen Plakate der Konzertreihe Musica Viva aus den Jahren 1963/1964 – exemplarisch wird das Plakat zum Konzert am 17. Januar 1964 gezeigt. Florian wiederum entwickelt zusammen mit seinem Vater 1985 für die Retrospektive in Berlin, Düsseldorf und Ludwigshafen eine zeltartige, trichterförmige Rauminstallation aus Stoff, die „Rote Trombe“: Der Ausstellungsbesucher wird aufgefordert, sich darunterzulegen und – ganz von Pink umgeben – zu meditieren. Neben diesen gemeinsamen Projekten birgt Kunst aber auch meist Konfliktpotenzial, das sich in einer Künstlerfamilie auf engstem Raum besonders zuspitzen kann. Trotz unübersehbarer Unterschiede gibt es im Werk der vier ausgestellten Künstler der Familie Geiger, wenn auch teilweise unterschwellig, zahlreiche Berührungspunkte und Querverbindungen. Vielleicht bieten sogar die unterschiedlichen Herangehensweisen und Kunstformen eine Ergänzung zwischen den verschiedenen künstlerischen Positionen der Künstlerfamilie Geiger. Und die Kunstreise geht weiter: Nanda Lavaquerie, die Tochter Florians, widmet einen Teil ihres Lebens der Fotografie …

[i] Florian Geiger in einem Gespräch mit der Verfasserin im Zuge der Vorbereitungen einer Ausstellung im Künstlerhaus Geiger – die Bax, Sommer 2013.

[ii] An der Universität Passau über dem Haupteingang der Mensa steht beispielsweise das Werk „Segel-Seil-Objekt“ von Florian Geiger aus dem Jahr 1988, siehe: Bildwerk Bauwerk Kunstwerk. 30 Jahre Kunst und staatliches Bauen in Bayern, hg. vom Bayerischen Staatsministerium des Innern, Oberste Baubehörde, München 1990, S. 188 f.

[iii] Eine Dokumentation dieser Installation ist im Film „Rafalodrome“ von Florian Geiger aus dem Jahr 2004 zu finden.

 

Dieser Auszug stammt aus dem Ausstellungskatalog zur oben genannten Ausstellung.

Zitierweise: Geiger, Julia: Die Künstlerfamilie Geiger: Eine Kunstreise über Generationen, in: Kat. Ausst. Väter & Söhne. Konfrontation und Gleichklang, Schloßmuseum Murnau 2016, München 2016, S 125f.