Rupprecht Geiger Werkübersicht #1: Ohne Titel (Landschaft), 1942 (WV 3)

Für das Jahr 2014 haben wir uns für den Blog der Archiv Geiger Internetseite eine neue Beitragsreihe einfallen lassen: über die nächsten anderthalb Jahre werden Sie hier jeweils gegen Ende des Monats eine kunsthistorische Beschreibung zu einem ausgewählten Werk von Rupprecht Geiger zu lesen bekommen. Neben allgemeinen Angaben zur Beschaffenheit des Gemäldes, sollen anhand einer ausführlichen Analyse, Komposition und Aufbau des Originals erläutert werden. Zudem können auch Anekdoten zur Entstehung des Werkes und die verschiedenen Ausstellungsorte die Beschreibung bereichern. Während Geiger anfangs noch der figurativen Malerei verbunden ist, wendet er sich nach dem Zweiten Weltkrieg rasch der Abstraktion zu – Sie werden staunen, was man alles über eine scheinbar „einfache“ Farbfläche, wie beispielsweise WV 654 und WV 655, schreiben kann! Wir erhoffen uns damit, Ihre  Augen für die besonderen Facetten der Farbe zu sensibilisieren!

Diese Beschreibungen werden chronologisch erfolgen, um Ihnen einen Überblick über das Gesamtschaffen des Künstlers in der Zeit von 1942-2009 zu verschaffen, sowie dessen künstlerischen Werdegang etwas näher zu erläutern.

Viel Spaß beim Entdecken der Farberlebnisse
wünscht Ihnen das Archiv Geiger Team

 

Abb. 1: Ohne Titel (Landschaft), 1942 (Werkverzeichnis-Nummer WV 3), Eitempera/Holz, 31 x 37 cm

Am 18. Oktober 1941 fährt Rupprecht Geiger – zuständig für Zug- und Telefonverbindungen – nach Wjasma, unweit von Moskau, wo er für einige Monate stationiert ist. In seinem Tagebuch beschreibt er die brennenden Städte, schreckliche Verwüstungen, das Gefangenenlager, die unzureichend versorgten Verwundeten und im darauffolgenden Frühjahr 1942 die beim Schmelzen der Schneemassen zum Vorschein kommenden Leichenberge.

Abb. 2: Geiger, Rupprecht: Tagebuch 1941/1942

Nicht Verwüstung und Elend hält er in seinen in Tinte und Buntstift ausgeführten Tagebuchskizzen fest, die den Beschreibungstext illustrieren, sondern farbintensive Landschaftsausschnitte, so auch den Blick aus seinem Zimmerfenster auf die russische Landschaft (Abb. 2). Die gleiche Aussicht zeigt ein farbintensives Aquarell (Abb. 3) und das hier beschriebene Gemälde (Abb. 1), wobei er hier den dargestellten Blickwinkel verkleinert und die spannendste Ausführung in der Farbgebung wählt.

Rupprecht Geiger, Aquarell, 1941

Den Vordergrund der Landschaft überzieht eine aufgewühlte Erdschicht in braunen und schwarzen Farbtönen, aus der dicke Pflöcke hervorragen. Sie erhellt sich in ihrer linken Hälfte in lachs-, rosafarbige und rötliche Stellen. Dahinter befindet sich eine flache Ebene in den Farbtönen khaki und hellgrün. Zwei große, mit weiß-gelblichem Schnee gefüllte Löcher unterbrechen das Terrain. Dahinter erhebt sich ein Hügel in braunen und dunkelgrünen Farben, auf dessen Grat ein feiner Pinselstrich drei Häuser andeutet. Ab der Bildmitte fällt die Anhöhe nach links allmählich ab und lässt den Blick auf eine blaue Fläche frei. Darüber breitet sich ein wolkenloser Himmel aus, moduliert von gelb über zartes rosa, Lachs- und Rottönen bis hin zu einem bläulichen Grau. Durch die jeweilige Farbgebung und den Hell-Dunkel-Kontrasten betont der Künstler eine Zweiteilung der Komposition in Erd- und Himmelszone, ein Charakteristikum der damaligen Landschaftsdarstellungen.

Bei diesem Werk sollte sich der Betrachter Ort und Zeitpunkt der Entstehung vergegenwärtigen. Im Frühjahr 1942 wird Wjasma zum täglichen Ziel der sowjetischen Winteroffensive und ihrer wochenlangen Fliegerangriffe. Der Vordergrund des Gemäldes thematisiert die Kriegsverwüstungen durch die aufgewühlte Erde, die zerstörten Schränke und die Granatenkrater. Die Lachs-, Rosa- und Rottöne – charakteristische Farben für Fleisch und Blut – rufen die Assoziation zu den Kriegsopfern hervor, auf die der Künstler sehr oft in seinem Tagebuch eingeht. Als Kontrast setzt er die Farbspiele im weit ausgedehnten Himmel und in der lichterfüllten Atmosphäre, die thematische Schwerpunkte der frühen Landschaftsdarstellungen Geigers und sogleich Ausgangspunkt seiner malerischen Entwicklung sind. Die Modulation als wichtigstes, gestalterisches Prinzip im Gesamtoeuvre Geigers nimmt bereits in diesem Frühwerk die Hälfte der Komposition ein. Durch die Beobachtung der Natur verdrängt Rupprecht Geiger die Kriegssituation und entwickelt Gegenbilder zur bedrückenden Realität. Ihm geht es nicht um eine detailgetreue Wiedergabe der realen Umgebung, sondern um die Darstellung einer subjektiven Landschaftsstimmung.

Der Himmel ist von beispielloser Farbenpracht und von unglaublicher Weite. Die Möglichkeiten sind unbegrenzt. (1) Ein Morgenhimmel ist am Horizont, blaugrau und geht nach oben in violett über, dann ganz schnell über gelb u. grün zu stahlblau. Oder (2) am Horizont weißgelb dann etwas zitronengelb und über den halben Himmel hoch lachsrot. (3) Oder violett am Horizont dann schnell gelb grün und dann zu blau.“ (Kriegstagebuch, 17.11.1941)

Dieses besprochene Werk bildet mit zwei weiteren aus demselben Jahr die ersten Gemälde aus dem künstlerischen Schaffen von Rupprecht Geiger und die einzigen, die er während der Kriegsjahre malt. Durch die Hilfe seines Vaters, Willi Geiger, der Beziehungen zum Generalstab hatte, wird Rupprecht dank der Werke aus Russland für die letzten beiden Kriegsjahre als Kriegsmaler eingesetzt, zunächst in der Ukraine 1943, dann in Griechenland. Dort setzt er sein autodidaktisches Studium der Malerei fort, wie er selbst die Kriegsjahre nennt.

Ausstellungen:

Rupprecht Geiger, Russisches Museum, St. Petersburg / Gemäldegalerie Neue Meister, Staatliche Kunstsammlungen Dresden, Dresden / Palais Preysing, Bayerische Vereinsbank, München 1994/1995

 

Zitierweise: Geiger, Julia: Werkbeschreibung Ohne Titel (Landschaft), 1942 (WV 3) [30.01.2014], in: Archiv Geiger Blog LINK (zuletzt aufgerufen am TT.MM.JJJJ).

 

Sammlergedanke #5

Zum Jahresbeginn möchten wir mit Ihnen einen sehr schönen, ja nahezu poetischen Text über das Werk Schwarzes Rot (WVG 178, 1989) teilen:

Welche Kraft dieses Bild hat!
Alles scheint es aufzusaugen, jede Regung,
jeden Impuls im Raum, jedes Eintretenden Blick,
bindet alles und strahlt’s gebündelt machtvoll wieder ab.
Und doch ist es vollkommen ruhig, unbewegt, es schwebt,
rein aus sich heraus wirkt es, bannt es, leuchtet es,
anders jeden Tag, zu jeder Stunde, anders bei jedem Licht;
wie stark es ‚da ist‘ am Tag, noch wenn‘s im Rücken hängt,
und wie geheimnisvoll bei Nacht, im Dämmer der Laternen draußen,
kein Moment ist wie der andere bei diesem Bild.
So klar es ist, diese Scheibe, fast ein Kreis, so fragil das Spiel der Kräfte:
oben schwer, hart abgesetzt, unten lichter, leichter,
entgegen der Schwerkraft, die doch Masse sinken lässt,
löst sich das Gewicht, geht es über, gravitiert ins Schweben.
Aber was für eines: erhaben! Am Rand vibrierend zwar
von innrer Spannung, jedoch gebändigt, ausgewogen
(zudem glücklich fein gefasst vom Rahmen), klingt aus ihm
Hoheit, als könne sich nur das Sublime zeigen,
wo solch starke Form auf solche starke Farbe trifft.
Dies Bild ist Farbmacht und reine Gestalt,
groß nicht, aber Großes spricht es aus,
kein Abbild ist es, und ist doch,
ins Negativ gewendet, schwarz glühend,
bedrängend und befreiend, bestürzend und beglückend
– – eine Sonne.