Rupprecht Geiger Werkübersicht #14: 800/89 (WV 780), 1989

Nachdem Geiger in seiner Düsseldorfer Zeit die Farbe auf die einzelnen Bildträger sprühte, wendet er sich im Laufe der 1980er Jahre wieder der Technik des Stupfens mit dem Pinsel und dem gerollten Auftrag mittels einer Malerrolle zu. Die Bildoberfläche ändert sich also von einer nahezu makellosen Puderschicht zu schaumigen, charakterstarken Pinselstrukturen. Kompositorisch fokussiert sich Geiger in den 1980er Jahren auf einfache Gruppierungen rechteckiger Formen, in den verschiedenen Abstufungen des typisch Geiger’schen Rots gehalten.

Genau diese Art von Komposition, sowie die verschiedenen Auftragtechniken kann man im Werk 800/89 aus dem Jahr 1989 erkennen.

800/89 (WV 780), 1989, Acryl auf Hartfaserplatte

Auf einer 100 x 115 cm großen weißgrundierten Hartfaserplatte ragt ein himbeerrotes nahezu quadratisches Element von oben bis zum unteren Bildfünftel auf ein leuchtpinkes Feld. Beide Farbflächen sind in pastoser Weise mit der Malrolle aufgetragen, sodass erdige Strukturen die Bildfläche prägen. Eine Marmorierung von dichtem und lockerem Farbauftrag, mit vereinzelt auftretenden Farbkegeln, die zu eruptieren drohen, kennzeichnet die Oberfläche des Werkes.
Der Clou an dem Werk ist aber die Verbindung dieser zwei Farbflächen: ein erdiges Orangerot legt sich wie ein Netz zwischen die kraftvollen Pinktöne. Zwar werden die leuchtenden Pinkpigmente davon abgehalten ins Magenta zu fließen, die kraftvollen, beerigen Farbkörner spült es aber in das rostige Orange, sodass eine leichte Modulation entsteht.
Dies lässt auf die Vorgehensweise schließen, dass das Orange entlang der noch nassen Magenta-Farbe mit langen Pinselstrichen gelegt wurde, die die Schaumstruktur der Malrolle teilweise verfegt und die blubbernden Farbfelder in glatten Zügen voneinander trennt. Dies erinnert an die Arbeiten Geigers aus der Druckgrafik, wo zwei Farben sich überlappen und eine neue, gedecktere bilden.

Detail aus der Druckgrafik

Der Rand des Werkes 800/89 ist in Weiß gehalten, sodass die Farbfläche – auf weißem Hintergrund gehängt – von einer Schrägansicht betrachtet vor der Wand zu schweben scheint und sich dem Betrachter aufdrängt bzw. den Betrachter mit der Farbe konfrontiert.
Insgesamt treffen bei diesem Gemälde von 1989 warme und kalte Farben aufeinander, das an frühere Werke erinnert als Geiger die Tagesleuchtfarbe innerhalb herkömmlicher Farbe als „Exponenten“ verwendet.

Geigers Konstellationen rechteckiger Formen aus dieser Zeit werden immer wieder mit dem Werk des Hauptvertreters des amerikanischen Abstrakten Expressionismus verglichen: Mark Rothko. Diese Strömung der Farbfeldmalerei entwickelte sich zwischen den 1940er in den USA und wurde in Europa erst in den 1950er/1960er Jahren bekannt.
Auf den ersten Blick weisen tatsächlich gewisse Arbeiten Rothkos oftmals eine Ähnlichkeit mit Werken Geigers auf, was die Formenwahl, die querliegenden Rechtecke, und teilweise auch die Farbgebung betrifft.
Distanziert man sich jedoch von dieser anfänglichen Ähnlichkeit, so kommen deutliche Unterschiede zutage. Geigers Farben und Formen treten dem Betrachter viel konkreter gegenüber, als die keineswegs geometrischen, in Dunst gehüllten Farbfelder Rothkos. Selbst wenn im Werk Rothkos vereinzelte Nuancierungen zu finden sind, so scheint dies im Gemälde Geigers mit mehr Systematik geschehen zu sein.
Den Abstrakten Expressionisten geht es nicht darum, ein „Portrait der Farbe“ zu schaffen, sondern vielmehr mittels der Farbe die menschliche Existenz anzusprechen.
Der größte Unterschied zwischen Rothko und Geiger ist hiermit deutlich geworden: Geiger thematisiert die „Physikalität“ der Farbe selbst, die er mittels Modulationen, Kalt-Warm-Kontrasten, in gesprühter oder gemalter Form, manifestiert. Rothkos Werk scheint dagegen geistiger zu sein, es thematisiert nicht die konkrete Farbe, sondern übermittelt vielmehr eine „hermetische und finale“ Stimmung im Gegensatz zum „appellierenden“ Werk Geigers (Vgl. Dienst, Rolf-Gunter: Rupprecht Geiger. Der Farbforscher, in: Ausst. Kat. Position Konkret, Dresden 1991, S. 49). Somit kann man nicht von konkreten Parallelen zwischen dem Werk Geigers und dem Rothkos sprechen, sondern vielmehr, wie Geiger es selbst zu diesem Thema im Rahmen eines Interviews 1988 formuliert, lediglich von optischen „Anklängen“.

Zitierweise: Straubinger, Franziska: Werkbeschreibung 800/89 (WV 780) [24.02.2015], in: Archiv Geiger Blog LINK (zuletzt aufgerufen am TT.MM.JJJJ).

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