Rupprecht Geiger Werkübersicht #18: Pinc moduliert (WV 958), 2009

Die künstlerische Produktion von Rupprecht Geiger ging in den letzten Lebensjahren als über Hundertjähriger allmählich zurück. Er arbeitete zwar bis Ende 2008 an zahlreichen Zeichnungen, Skizzen und Collagen noch im Atelier, dann vermehrt jedoch im lichtdurchfluteten Wohnzimmer, schuf dadurch aber immer weniger Gemälde. 2009 entstand ein einziges – sein letztes – gemaltes Werk. Dieses kleinformatige Bild, mit den Maßen 55 x 60 x 3 cm trägt den Titel Pinc moduliert (WV 958).

Pinc moduliert (WV 958), 2009, 55 x 60 x 3 cm, Acryl auf Holz

Der modulierte, typisch Geiger’sche Kreis erstreckt sich auf einer weißgrundierten Holzplatte, wie dies am breiten, weiß belassenen Rand erkennbar ist, von unten nach oben in einem Verlauf von Pink zu einem satten Violettton. Der unten fast lasurhafte Farbauftrag lässt die weißgrundierte Platte hindurchscheinen. Ab der Bildmitte verdichtet sich nicht nur allmählich der Pinselduktus, sondern auch die Sättigung des Pigments und infolgedessen die Farbe selbst.
Dieser Farbverlauf erstreckt sich jedoch nur bis zum äußersten Rand des Ovals, eine eher ungewöhnliche Lösung im Vergleich zu den Spätwerken Geigers. Diese gewinnen mit bis zu 7 cm Tiefe und dem bemalten Rand an Objektcharakter und ragen in den Raum hinein. Der weiß belassene Rand bei Pinc moduliert, der nur wahrgenommen wird, wenn der Betrachter sich dem Werk seitlich annähert, hebt sich weniger von der weißen Wand ab, sondern scheint nahezu mit dieser zu verschmelzen. Die pink-violette Scheibe schwebt im Raum, fast immateriell.

In der aktuellen Präsentation im Archiv Geiger hängt Pinc moduliert über dem Requisiten-Tisch im Arbeitsraum. Bei den Führungen durch die ehemaligen Atelierräume wird aus dem Depot eine der frühen russischen Landschaften Geigers gezeigt – das erste von uns beschriebene Werk aus dieser Beitragsreihe, die wir vor nun anderthalb Jahren begonnen haben. Es ist spannend zu sehen, dass zwischen diesen beiden Gemälden 67 Jahren liegen. Träger und Malmittel, Pinselauftrag und Motive haben sich in diesem Zeitraum natürlich verändert, aber die Grundidee, ein Porträt der Farbe zu schaffen, mittels feiner Farbmodulationen, ist geblieben.
Die 18 Bildbeschreibungen konnten zeigen, dass der Künstler anhand von knapp 1000 Werken seine ursprüngliche Faszination für das Thema Farbe im Laufe seines fast 70jährigen Schaffens durchspielen konnte.

An dieser Stelle möchte ich mich bei allen Autorinnen für Ihre spannende Beiträge und die neuen Einblicke in das künstlerische Schaffen meines Großvaters sehr herzlich bedanken. Ein weiterer Dank gilt natürlich unseren treuen Lesern. Wir arbeiten schon an unserer nächsten Beitragsreihe! Sie dürfen gespannt sein.

 

Zitierweise: Geiger, Julia: Werkbeschreibung Pinc moduliert, 2009 (WV 958) [02.07.2015], in: Archiv Geiger Blog LINK (zuletzt aufgerufen am TT.MM.JJJJ).

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