Rupprecht Geiger Werkübersicht #3: E 54, 1948 (WV 30)

Ab 1946 erhält Willi Geiger als Rehabilitation eine Professur an der Münchner Akademie. Da diese völlig zerstört ist, wird ihm ein Atelier in der Heßstraße 27 mit begehrten Malutensilien zur Verfügung gestellt, in dem Rupprecht einmal in der Woche über zwei Jahre hinweg in vollkommener Abgeschiedenheit konzentriert malen darf. Die Materialknappheit zeigt sich in der doppelseitigen Bemalung zahlreicher Bilder von Rupprecht und daran, dass viele Künstler alles heranziehen, was für ihre Kunst in irgendeiner Form Verwendung finden kann. Im Atelier seines Vaters entstehen die ersten abstrakten Bilder von Rupprecht Geiger, darunter die Werkgruppe der vierzehn Gemälde mit irregulären Formaten aus den Jahren 1948 und 1949. Die Suche nach einem zeitgemäßen Stil führt ihn nämlich zu einem in der deutschen Nachkriegsmalerei ungewöhnlichen und einmaligen Experiment mit dem Bildformat.

E 54, 1948 (WV 30), Eitempera/Leinwand, ca. 60 x 50 cm

Das für die Werkgruppe repräsentative Eitempera-Gemälde E 54  hat gerahmt die Maße 62 x 51,5 cm. Das viereckige Bild besteht aus einem unregelmäßigen Format mit unterschiedlich spitzen und stumpfen Winkeln als Resultat der ungleichen Seitenlänge. Es scheint, als hebe sich der Rahmen wie ein verschobenes Rechteck aus der kürzesten unteren Bildkante empor. Die abstrakte Komposition unterstützt diesen Eindruck, indem sie von einer, sich nach oben aufhellenden, grauen Farbmodulation beherrscht wird. Diese verläuft von einem schwarzen Farbton über ein immer heller werdendes Grau hin zu einem gräulichen Weiß. An diesen Farbverlauf grenzt am unteren Bildrand ein Farbstreifen in Orange-, Pink- und Dunkelrottönen, der sich nach rechts verbreitert. Auf seiner linken Seite ruht ein dunkelblaues hochformatiges Rechteck, rechts davon eine weiße, frei schwebende wolkenartige Umrissform.

Das hier besprochene Gemälde wird von Hell-/Dunkel- und Kalt-/Warm-Kontrasten bestimmt. Auftrag und Textur in den jeweiligen Bildzonen bekräftigen den Kontrast zwischen der kalten Blaumodulation und dem unteren Streifen aus warmen Farben. Die dunkelroten Farbpigmente sind sehr pastos aufgetragen und wurden mit Kaffeesatz gemischt, wie mir 2003 Rupprecht erzählte. Kontrastierend malt er die blaue Modulation in regelmäßigen, dünnflüssigen Pinselstrichen, die in ihrer unteren Hälfte zunächst parallel zum Streifen verlaufen, sich dann jedoch mit zunehmendem Verlauf der oberen, von links nach rechts abfallenden Bildkante anpassen. Somit leitet der Farbverlauf beim Betrachten des Werkes das Auge und das Bildformat wird mit der Bildkomposition verbunden. Die rechts nach unten fallende Oberkante antwortet auf den nach rechts leicht steigenden Streifen in der Komposition, was zu einem optischen Ausgleich im Bild führt. Daraus resultiert der Eindruck, dass der Farbverlauf über den Rahmen hinausstrahlt.

Wie bei den frühen, in Russland entstandenen Landschaftsbildern Geigers, ist auch das beschriebene Werk durch eine zweigeteilte horizontale Bildstruktur in Erd- und Himmelszone geprägt. Dieser Eindruck wird durch die haptische Struktur des Streifens und die sich darüber unendlich ausdehnende Modulation verstärkt. Im Sinne einer Landschaftsinterpretation erinnert das Rechteck an eine vereinzelte Staffagearchitektur und die biomorphe Umrissform an eine Wolke. In E 54 greift der Maler also formal auf Gesehenes zurück und unterstützt dies durch die Farbgebung.

Die Werkgruppe der Bilder mit irregulären Formaten ist ein Paradebeispiel für die künstlerische Experimentierfreude Geigers, die sieben Jahrzehnte lang andauern wird. Mit der Abkehr vom Rechteck stellt Geiger die seit der Renaissance gültige Fenstervorstellung Albertis in Frage. Durch das irreguläre Format versucht er, die Assoziation eines Landschaftsausblickes zu umgehen, um dadurch die Abstraktion zu steigern, was ihm nur teilweise gelingt:

„Das Naturalistische wurde mir unsympathisch; deshalb habe ich den Rahmen provoziert, damit man nicht eine durchs Fenster gesehene abstrakte Landschaft assoziiert.! (In einem Interview mit Wolfger Pöhlmann, 1985)

Rückseite von E 20, 1948 (WV 21), Eitempera/Holz, 120 x 34 cm

Mit der Werkgruppe verzichtet Geiger auf assoziative Titel und führt eine fortlaufende, aufsteigende Bildnummerierung seiner Werke ein, die bei einer reinen Betrachtung der Formen und Farben nicht ablenkend wirkt – aus dem gleichen Grund beginnt er auch seine Werke auf der Rückseite zu signieren. Das an den Bildnummern hinzugefügte Kürzel „E“ steht für Eitempera, eine Technik, die er bis Mitte der fünfziger Jahre anwendet.

Das Experiment mit dem Bildformat empfindet Geiger als zu gewagt, um es publik zu machen. Sogar engen Freunden wie John Anthony Thwaites, werden diese nicht gezeigt. An ihrem Entstehungsort wird die in Vergessenheit geratene Werkgruppe bis zum Tod von Willi Geiger 1971 aufbewahrt. Rupprecht entdeckt sie 1976 nach seiner Rückkehr aus Düsseldorf wieder, wo er eine zehnjährige Professur für Malerei innehatte, und erkennt die Bedeutung dieser Arbeiten. 1977 werden schließlich fünf dieser Gemälde in Bottrop zum ersten Mal ausgestellt und seitdem fehlen sie auf keiner seiner Retrospektiven.

Da sich die amerikanischen Künstler mit der Thematik der shaped canvas erst Mitte der sechziger Jahre auseinandersetzen, wird Rupprecht Geiger die Rolle eines Pioniers auf diesem Gebiet in der Kunstgeschichte zugeteilt. Noch wichtiger ist aber für die künstlerische Entwicklung Geigers die formale und farbliche Reduzierung, die mit der Werkgruppe einhergeht. Durch die Übertragung der Form auf den Bildrand, sah er die Möglichkeit, die Anzahl der Formen zugunsten der Farbe in der Komposition zu verringern. Die Farbe mit ihrer Ausdruckskraft und Entfaltungsmöglichkeiten wird dadurch bereits zu diesem frühen Zeitpunkt zum zentralen Thema des Gesamtoeuvres Rupprecht Geigers.

Zitierweise: Geiger, Julia: Werkbeschreibung E 54, 1948 (WV 30) [01.04.2014], in: Archiv Geiger Blog LINK (zuletzt aufgerufen am TT.MM.JJJJ).

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